Neben dem Musical "Der große Gatsby" gehört Carlo Goldonis Komödienklassiker "Der Diener zweier Herren" zu den Hauptproduktionen des Sommers. Gerade dieses Stück zeigt exemplarisch, wie sich hinter scheinbar leichter Unterhaltung überraschende religiöse und gesellschaftliche Bezüge verbergen.
Diesmal besticht das Ensemble der Kreuzgangspiele mit einer rasanten Inszenierung, bei der die Darstellerinnen und Darsteller gehörig Tempo aufnehmen und dabei auch mal ins Schwitzen kommen. Zum Zuschauen jedenfalls sehr spannend, geschieht mimisch und szenisch doch immer wieder Neues.
Neu auch: Die vielen, zum Stück passenden italienischen Songs und Arien werden vom Ensemble selbst gesungen oder mit Gitarre, Ukulele, Marschtrommel mit Besen und sogar Melodica begleitet. Auf Einspieler wird also komplett verzichtet. Das gibt der Inszenierung den Charakter einer echten Gemeinschaftsarbeit, die den Schauspielern sichtlich Spaß und dem Publikum entsprechend Freude macht.
Regisseur Achim Conrad hatte mit Carlo Goldonis Klassiker den richtigen Riecher. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen klassischen Komödienstoff. Seit seiner Uraufführung im Jahr 1746 gehört das Werk zu den bekanntesten und meistgespielten Stücken der europäischen Theatergeschichte. Die Geschichte des Dieners Truffaldino, der aus Geldnot gleichzeitig zwei Herren dient und dadurch eine Kette von Verwechslungen auslöst, sorgt seit Jahrhunderten für Gelächter.
Doch hinter der turbulenten Handlung verbirgt sich ein Motiv, das seinen Ursprung direkt in der Bibel hat. Der Titel des Stücks greift einen Satz aus der Bergpredigt auf. Im Matthäusevangelium sagt Jesus: "Niemand kann zwei Herren dienen" (Matthäus 6,24). Im biblischen Zusammenhang geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Der Mensch könne nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen. Wer versuche, beiden Herren gerecht zu werden, werde letztlich scheitern.
Goldoni übernimmt diesen Gedanken, versetzt ihn jedoch in einen völlig anderen Zusammenhang. Sein Diener Truffaldino steht nicht vor einer religiösen Entscheidung, sondern vor einem sehr weltlichen Problem: Er hat zu wenig Geld und ständig Hunger. Um seine Lage zu verbessern, nimmt er heimlich zwei Anstellungen gleichzeitig an. Aus dem ernsten Wort der Bergpredigt wird dadurch der Ausgangspunkt für eine Komödie voller Missverständnisse, Lügen und überraschender Wendungen.
Geteilte Loyalität
Gerade diese Umkehrung macht den Reiz des Stückes aus. Während das biblische Wort die innere Zerrissenheit des Menschen beschreibt, der sich zwischen Gott und materiellen Interessen entscheiden muss, schildert Goldoni die ganz praktischen Folgen geteilter Loyalität. Truffaldino versucht verzweifelt, seine beiden Herren voneinander fernzuhalten. Immer neue Ausreden und Verwechslungen treiben die Handlung voran und machen ihn zu einer der beliebtesten Figuren des europäischen Theaters.
Dabei bleibt der Kern des biblischen Gedankens dennoch erkennbar. Auch Truffaldino erfährt, dass es schwierig ist, mehreren Interessen gleichzeitig gerecht zu werden. Sein Doppelleben bringt ihn ständig an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Das Stück stellt damit eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Wem oder was dienen Menschen eigentlich? Geld? Erfolg? Karriere? Oder anderen Werten, die ihrem Leben Orientierung geben?
Interessant ist zudem, dass Goldoni die Geschichte anders enden lässt als das biblische Vorbild erwarten ließe. In der Bergpredigt steht die Warnung vor falschen Prioritäten im Mittelpunkt. Bei Goldoni dagegen führt das Chaos letztlich zu einem guten Ende. Die Verwechslungen klären sich auf, Liebende finden zusammen, Konflikte lösen sich, und auch Truffaldino wird belohnt. Seine Regelverstöße werden ihm gewissermaßen vergeben.
Man könnte darin eine Art weltliche Erlösungsgeschichte erkennen. Nicht Strafe und Scheitern stehen am Ende, sondern Versöhnung und Neuanfang. Das macht die Komödie weit mehr als bloße Unterhaltung. Sie erzählt von menschlichen Schwächen, von Überlebenswillen und von der Hoffnung, trotz aller Fehler einen guten Ausgang zu finden.
Genau an diesem Punkt trifft sich Goldonis Werk mit dem Anspruch der Kreuzgangspiele. Unterhaltung und Tiefgang müssen kein Widerspruch sein. Eine Komödie kann gesellschaftliche und sogar spirituelle Fragen ebenso verhandeln wie ein ernstes Drama. Vielleicht erklärt gerade das die anhaltende Popularität des Stückes. Hinter allen Pointen und Verwechslungen steckt eine Erfahrung, die Menschen seit Jahrhunderten kennen: die Suche nach dem richtigen Weg zwischen den Anforderungen des Alltags und den Fragen nach dem, was im Leben wirklich zählt.
Welche Stücke im Kreuzgang zur Aufführung kommen, ist das Ergebnis eines langen Auswahlprozesses. Dramaturgin Maria Wüstenhagen beschreibt die Spielplanplanung als ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren. Gemeinsam mit Intendant Johannes Kaetzler werde zunächst überlegt, welche Stoffe aus künstlerischer Sicht reizvoll seien. Gleichzeitig spiele die Frage eine Rolle, was das Publikum sehen möchte. "In der heutigen Zeit scheinen das in der Tat eher Komödien als Tragödien zu sein", sagt Wüstenhagen.
Darüber hinaus müsse jedes Stück zur besonderen Spielstätte passen. Der historische Kreuzgang sei nicht nur Kulisse, sondern prägender Bestandteil der Inszenierungen. Nicht jeder Stoff lasse sich dort überzeugend umsetzen. Auch wirtschaftliche Aspekte seien zu berücksichtigen. Tantiemen für moderne Schauspiele oder Musicals könnten einen erheblichen Teil der Einnahmen verschlingen, manche Werke erforderten zudem sehr große Ensembles. Deshalb müsse jedes Jahr neu abgewogen werden, welche Produktionen künstlerisch, organisatorisch und finanziell realisierbar seien.
Unterhaltung mit Botschaft
Trotz aller praktischen Erwägungen verfolgt das Theater nach Wüstenhagens Worten einen klaren Anspruch. "Wir versuchen, dass in allen Produktionen aber immer alles enthalten ist: Humor und Leichtigkeit, aber auch eine Botschaft, die die Gesellschaft und unsere Zeit betrifft." Große Emotionen und Unterhaltung seien ebenso wichtig wie inhaltliche Tiefe. Dabei spiele das Genre keine Rolle. Ob Komödie, Tragödie oder Musiktheater – entscheidend sei die Qualität und die Frage, was ein Stück über den Menschen und seine Gegenwart erzählen könne.
Weitere Informationen zur laufenden Spielzeit sowie zu den übrigen Produktionen finden sich auf der Website der Kreuzgangspiele Feuchtwangen. Neben den Hauptstücken stehen unter anderem "Die kleine Hexe", "1984", "Die Prinzessin auf der Erbse", "Der Sandmann", der Theaterspaziergang "Doppeltes Spiel" sowie die Mitternachtsrevue "Tutto per Amore" auf dem Programm.