2.03.2020
Der Herr der Masken

Der Kulturwissenschaftler Michael Stöhr hat rund 10.000 Masken aus vielen Kulturen gesammelt

Im Maskenmuseum Diedorf bei Augsburg sieht es aus wie in einem überfüllten Gruselkabinett. Über den Köpfen der Besucher hängen Tausende von Fratzen, Krummnasen oder Jecken aus aller Welt. Und ihr Besitzer Michael Stöhr hat zu jeder Maske eine Geschichte.
Der Herr über 10.000 Masken
Michael Stöhr sammelt seit vier Jahrzehnten Masken, mittlerweile hat er über 10.000 davon.

Manche stammen aus Papua Neuguinea, andere wiederum aus der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Seit mehr als vierzig Jahren sammelt Michael Stöhr Masken aus aller Welt und sein Museum hat keinen Platz mehr dafür. Schon lange sucht er einen Abnehmer für seine Sammlung, der sich auch nach seinem Leben weiter um die Sammlung kümmert und vor allem ein passendes Gebäude zur Verfügung stellt. Bislang ergebnislos. 

"Es begann alles in den 1970er Jahren", erzählt der 68-jährige Kulturwissenschaftler und ehemalige Kunstlehrer. Damals sei er als Kunststudent ins Völkerkundemuseum Berlin-Dahlem gegangen "und ich hab mich dort so gelangweilt", sagt Stöhr. Dann habe ihn ein Mitarbeiter dort gebeten, er solle sich doch mal ins Untergeschoss begeben, dort hingen Masken aus fremden Kulturen. "Dann war's irgendwie um mich geschehen", sagt und schmunzelt der Mann mit dem auffälligen Bart und Brille.

Mit seiner Frau fuhr er dann mit dem Fahrrad das ägyptische Nildelta entlang und begann, die ersten Masken aus Afrika zu sammeln. Es folgten Reisen nach Thailand und Korea, nach Mexiko und Peru, schließlich viele weitere Trips nach Afrika. Als die ersten hundert Masken beieinander waren, fanden die keinen Platz mehr in der Wohnung. Es folgte vor rund 15 Jahren der Kauf eines Bauernhofs in Diedorf nahe Augsburg, in dem er sein Museum nach Gusto ausbaute.

"Viele Masken haben mit Fasching oder Karneval nichts zu tun".

Aus Mexiko etwa stammen Tiermasken von Kaninchen und Schweinen. Unter ihnen versteckt treiben an den Geburtstagen der Heiligen junge Männer rüpelhafte Scherze, solange bis der Pfarrer in der Kirche ein Glöckchen läutet und die Störenfriede auf die Knie fallen, erzählt Stöhr. Aus dem Benin stammen beispielsweise fantasievolle Gesichtsmasken, die von Männern bei Fruchtbarkeitstänzen getragen werden, weiß Stöhr. 

Bis zu sieben Personen können maximal durch das verwinkelte Museum mit neun Ausstellungszimmern geführt werden - mehr Platz gibt es nicht mehr, weil die Masken wie ein 360-Grad-Panoptikum vor, hinter, links, rechts, über einem und auf dem Boden liegen. Dazwischen ein schmaler Gang und nicht zu grelles Licht, was für weitere schauerliche Momente sorgt. Wer will, kann noch über eine kleine Metalleiter Richtung Dachboden laufen, um eine weitere der inzwischen rund 10.000 Masken zu begutachten. 

"Viele Masken habe ich auch in Paris auf Flohmärkten gekauft, für fünf Mark das Stück", sagt Stöhr. Ob sie wirklich echt sind oder nicht, meint Stöhr gut zu erkennen: "Viele bieten heute im Internet scheinbar alte Masken zu horrenden Preisen an", sagt der Sammler. Doch etliche seien nur "auf alt gemacht" mit Tricks: "Die Händler bespucken sie mit Hirsebrei und legen sie dann den Hühnern vor. Die Tiere sorgen dann mit ihrem Picken für die unregelmäßigen Gebrauchsspuren", meint der Kunstexperte.

Das Maskenmuseum platzt aus allen Nähten 

Stöhr fertigt auch selbst Masken oder Bildnisse an, aktuell etwa vom US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump oder dem britischen Premier Boris Johnson - "ich hab immer noch viel Spaß an dieser Arbeit", erzählt der gebürtige Donau-Rieser. Doch sein Museum platzt sprichwörtlich aus allen Nähten, weshalb Stöhr schon seit langem jemanden sucht, der seinen Masken dauerhaft Unterschlupf bieten könnte. 

"Doch bislang lehnen alle ab", sagt Stöhr enttäuscht. Er habe Zünfte angefragt, Kommunen oder auch private Hallenbesitzer, doch keiner hat bisher Interesse. "Alle sagen, das kostet zu viel Unterhalt", sagt Stöhr, weil man - anders als in seinem umgebauten Bauernhof - eine Heizung braucht und Personal, das durch die Maskensammlung führen würde. Momentan hofft er noch auf Antwort aus Österreich, "wo eventuell jemand Interesse hätte", sagt Stöhr, mehr verrät er nicht. 

Wie auch immer die Maskengeschichte weitergehen wird, bis dahin ist sein Maskenmuseum in Diedorf immer noch so etwas wie ein Geheimtipp für Faschings- wie Maskeninteressierte. Zu sehen gibt es schauerlich dreinblickende Dämonen aus Sri Lanka oder aus Österreich monsterähnliche Schreckgestalten wie der "Krampus" und die "Perchten", Irokesenmasken aus Kanada oder "Klappmäuler" aus der Rhön. Schließlich ist seine größte Abteilung der europäischen Fasnacht gewidmet, Hirsche, Wildschweine oder Masken von Bärentreibern etwa entstammen der schwäbisch-alemannischen Fasnet.

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