Ingeborg Bachmanns einjähriger Aufenthalt in München vom Herbst 1957 bis Herbst 1958 geht in den Biografien meist unter. Anlässlich des 100. Geburtstag einer der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der Nachkriegszeit am 25. Juni hat sich Autor Nicola Bardola auf eine Spurensuche begeben.

Im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten" residierte Ingeborg Bachmann 1962 mit Max Frisch anlässlich der Uraufführung seines Stücks "Andorra". Hier spricht der in München lebende Schweizer Autor Nicola Bardola über sein neues Buch "Ingeborg Bachmanns München". "Es heißt ja immer, Ingeborg Bachmann habe sich in Rom am wohlsten gefühlt, und München kommt in der Rezeption oft schlecht weg", beginnt Bardola. Ein zentraler Ankerpunkt für dieses negative Bild war lange ihr Brief an Hermann Kesten, in dem sie München als "fast alles deprimierend" bezeichnete. Doch Bardola ist bei seinen Recherchen auf ein ganz anderes München gestoßen – ein München, das Bachmann liebte, das ihr Sicherheit bot und das sie "hoffierte".

Fakten statt Spekulation

Was Bardolas Werk von vielen Biografien unterscheidet, ist seine strikte Weigerung zu spekulieren. "In anderen Biografien steht immer ‚vermutlich‘ oder ‚vielleicht‘. Das lasse ich alles bleiben", erklärt er mit Nachdruck. Er bietet nur das, was faktisch feststeht. Doch gerade diese Fakten haben ihn selbst überrascht: "Je mehr ich geforscht habe, desto mehr habe ich gefunden". Besonders fasziniert hat ihn ein bislang unveröffentlichtes Zitat aus einem Brief, in dem sie über ihre Münchner Wohnung schwärmt: "wie ein Gebilde mit Fenstern zum Himmel". "Das ist Euphorie", sagt Bardola, "man könnte München auch unter dem Aspekt sehen: Hier ging es ihr gut".

Ein entscheidender Punkt in Bardolas Buch ist die These, dass München der Bachmann eine existentielle Basis bot. "München hat Ingeborg Bachmann mehr geliebt als sie sich selbst vielleicht", so Bardola. Dies lag vor allem an ihrer Anstellung beim Bayerischen Rundfunk (BR) und der engen Verbindung zum Piper Verlag.

Beim BR genoss sie fast schon eine Sonderstellung. Der Redakteur Schmidthenner bewies eine "sehr höfliche Hartnäckigkeit" und unendliche Geduld, wenn sie Deadlines für ihre Hörspiele immer wieder verschob. Bardola beschreibt, wie die Verwaltung des BR sogar Wege fand, ihr Honorare vorab oder zusätzlich auszuzahlen. "Der damalige Intendant, stand auf sie. Sie haben sie alle geliebt und ihr geholfen".

In dieser Zeit entstand auch ihr letztes Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" (1957/58), das 1959 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde. Der Text, der 1958 bei Piper erschien, thematisiert eine ekstatische Liebe zwischen Mann und Frau, die in der kapitalistischen Gesellschaft Manhattans mit dem Tode bestraft wird – ein Werk von enormer Intensität, das eng mit ihrer Münchner Zeit verknüpft ist.

Von Herbst 1957 bis Herbst 1958 lebte Bachmann in der Franz-Joseph-Straße 9a. Diese Dachwohnung mit ihren Mansardenfenstern sollte später in ihrem Roman "Malina" literarisch verewigt werden. "Es ist wunderschön, wie ihre Münchner Dachwohnung auf Malina ausstrahlt", bemerkt Bardola. Fotos aus dieser Zeit zeigen eine strahlende Bachmann auf dem Balkon ihres Nachbarn Kuno Raeber, was Bardolas These von ihrem Wohlbefinden in München stützt.

Die Frau, die Männer anzog

Bardola beschreibt Bachmann als eine Frau, die sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst war. "Sie hat sie auch ein bisschen verführt", sagt er über ihre Beziehung zu den mächtigen Männern beim BR und Piper. Er beschreibt eine Szene in Schmidthenners Garten, die den Buchtitel als Foto ziert, in der dieser ihr die Funktionsweise des Cartesischen Tauchers erklärt – ein klassisches Beispiel für "Mansplaining". "Sie ist freundlich, sie hört zu, aber wenn sie wieder bei sich ist, steht sie darüber". Sie verfügte über eine "weibliche Verführungskunst", die gepaart war mit einem "großartigen Intellekt, der damals einfach als männlich galt". Trotz ihrer "Hotellexistenz" und ihrer Rastlosigkeit – sie bezeichnete sich selbst oft als "senza casa" (ohne Haus) – suchte sie zeitlebens nach Heimat und Liebe.

Ein oft übersehener Aspekt ist Bachmanns Herkunft und ihre geistige Prägung. In Klagenfurt aufgewachsen und evangelisch getauft, spielte die Transzendenz für sie eine wichtige Rolle, auch wenn Bardola betont, dass sie sich primär auf das Denken fokussierte. Interessanterweise wollte sie ursprünglich eine Dissertation über den "Typus des Heiligen" schreiben. Dass sie schließlich über Martin Heidegger promovierte, lag auch an einem Münchner Umstand: Ihr Philosophieprofessor Alois Dempf wechselte von Wien nach München. Bardola sieht darin einen "ersten Wink in Richtung München".

Sinnliche Tage und enge Freunde

München war für Bachmann auch ein Ort großer Sinnlichkeit. Bardola verweist auf die Zeit mit Paul Celan und natürlich Max Frisch, mit dem sie in München glückliche Tage verbrachte. "Wir können uns gut vorstellen, was in dieser Wohnung passiert ist", deutet er schmunzelnd an.

Abseits der Amouren waren es vor allem die Freundschaften zu Ilse Aichinger und Günter Eich im nahen Lenggries, die für sie von Bedeutung waren. Sie besuchte sie oft, und Bardola schwärmt von einem Foto im Buch, das Bachmann zärtlich mit den Kindern der beiden zeigt: "Sie hat Kinder ernst genommen, was viele Erwachsene nicht machen".

Am Ende wird deutlich: Nicola Bardola hat mit seinem Buch eine Lücke in der Bachmann-Forschung geschlossen. Er selbst war überrascht, wie viel Positives er zutage fördern konnte. "München hat eine große Bedeutung für sie gehabt. Das ist mein Wunsch, dass man das auch ein bisschen neu sieht". Während Bachmann an anderen Orten Traumata verarbeitete, blieb München in ihren späteren Aufzeichnungen oft unerwähnt – ein Zeichen dafür, dass diese Zeit für sie unbelastet und vielleicht sogar ein stiller Hafen war.

Bardolas Buch ist eine Einladung, die "unerkannte Heimat" Ingeborg Bachmanns neu zu entdecken – jenseits der Klischees von Depression und Unbehaustheit.

Ingeborg Bachmanns München: Lesung und Gespräch am Dienstag, 23. Juni, 19 Uhr in der Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Str. 23 – Eintritt frei – Anmeldung erforderlich unter monacensia.programm@muenchen.de

Dieter Burdorfs Buch "Dieses unruhige Ich"
Das Cover von Dieter Burdorfs Buch "Dieses unruhige Ich".

Eine Jahrhundertautorin in Briefen kennen lernen

Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann legt der Leipziger Literaturwissenschaftler Dieter Burdorf mit Dieses unruhige Ich eine Biographie vor, die den Anspruch erhebt, eine der faszinierendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts neu zu vermessen. Das gelingt ihm auf beeindruckende Weise. Denn Burdorf erzählt Bachmanns Leben nicht als lineare Entwicklungsgeschichte, sondern folgt seinem programmatischen Credo: Wer Ingeborg Bachmann verstehen will, muss sie als "unruhiges Ich" begreifen – als eine Persönlichkeit voller Spannungen, Widersprüche und existenzieller Suchbewegungen. 

Der große Gewinn dieser Biographie liegt in ihrer Perspektive. Burdorf nähert sich Bachmann nicht primär über die bekannten Stationen ihres Lebens, sondern über ihre Beziehungen und Korrespondenzen. Die in den vergangenen Jahren veröffentlichten Briefwechsel eröffnen ihm einen neuen Zugang zu einer Autorin, deren Leben und Schreiben unauflöslich miteinander verbunden waren. Besonders eindrucksvoll gelingt dies in den Kapiteln über die Beziehung zu Paul Celan. Burdorf zeichnet diese Liebe als lebensprägende Erfahrung nach – als eine Verbindung von sprachlicher, geistiger und emotionaler Intensität, die letztlich an historischen Traumata, Missverständnissen und den Zumutungen der Wirklichkeit zerbricht.

Doch die Biographie erschöpft sich nicht in literarischen Liebesgeschichten. Auch die konfliktreiche Beziehung zu Max Frisch, die Freundschaft mit Hans Magnus Enzensberger oder die produktive Lebensgemeinschaft mit Hans Werner Henze werden differenziert beleuchtet. Ebenso sichtbar wird das Netzwerk von Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger, Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin und Nelly Sachs, mit denen Bachmann über die Bedingungen weiblichen Schreibens in einer von Männern dominierten Literaturwelt diskutierte. Burdorf macht deutlich, wie sehr Bachmann in der europäischen Kulturwelt ihrer Zeit vernetzt war und wie viele intellektuelle Impulse von ihr ausgingen. 

Besonders lesenswert ist die Biographie dort, wo sie hinter die öffentliche Ikone blickt. Burdorf beschreibt die Spannung zwischen literarischem Ruhm und innerer Gefährdung, zwischen öffentlicher Strahlkraft und privater Verletzlichkeit. Die Autorin erscheint als hochsensible Beobachterin ihrer Zeit, zugleich aber als eine Frau, die an den Ansprüchen an sich selbst, an Liebesbeziehungen und an gesellschaftlichen Rollenerwartungen immer wieder zu zerbrechen drohte. Gerade dieses Nebeneinander von Stärke und Fragilität verleiht dem Buch seine emotionale Kraft.

Bachmanns spirituelle Seiten

Bemerkenswert sind auch die Hinweise auf Bachmanns spirituelle Dimension, die in vielen Darstellungen ihres Lebens eher am Rand bleibt. Burdorf zeigt eine Autorin, die zwar keiner konfessionellen Frömmigkeit verpflichtet war, deren Denken aber von metaphysischen Fragen durchzogen ist. In ihren Gedichten, Essays und Briefen tauchen immer wieder Motive von Schuld, Erlösung, Hoffnung und Transzendenz auf. Die Erfahrungen des Krieges, die Auseinandersetzung mit dem Bösen und die Suche nach einer "wahren Sprache" erhalten bei Bachmann eine nahezu religiöse Tiefenschärfe. Burdorf macht deutlich, dass ihr Schreiben nicht allein ästhetisches Projekt war, sondern auch die Suche nach einem Sinnhorizont jenseits der politischen und gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Mit großer Gelehrsamkeit, ohne je trocken zu werden, verbindet Burdorf Werkinterpretation, Zeitgeschichte und biographische Erzählung. So entsteht das Porträt einer Autorin, die sich jeder eindeutigen Festlegung entzieht. Am Ende steht nicht die Lösung eines Rätsels, sondern dessen Vertiefung. Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches: Es macht sichtbar, wie vielgestaltig, widersprüchlich und gegenwärtig Ingeborg Bachmann auch ein Jahrhundert nach ihrer Geburt geblieben ist.

Bibliographischer Hinweis:

Dieter Burdorf: Dieses unruhige Ich. Ingeborg Bachmann. Eine Biographie. C.H.Beck Verlag, München 2026, 450 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-406-84484-3. 

Ingeborg Bachmann lebte 1958 in diesem grauen Gebäude: Franz-Joseph-Straße 9 a in München
Ingeborg Bachmann lebte 1958 in diesem grauen Gebäude: Franz-Joseph-Straße 9 a in München.