15.11.2017
Liebesgeschichte

Der jüngst aufgetauchte schriftliche Nachlass Kurt Landauers wirft ein neues Licht auf die Gründe, die den jüdischen Bayern-Präsidenten nach dem Krieg zu einer Heimkehr nach München bewogen. Es war die Liebe – zum FC Bayern, zu München, aber vor allem zu Maria Baumann, der langjährigen Hausangestellten der Familie Landauer, die die Geliebte Landauers war und schließlich seine Ehefrau wurde.
Passfotos Kurt Landauer (1947) und Maria Baumann (1942).
Der jüdische Bayern-Präsident Kurt Landauer (1884-1961) und die schwäbische Protestantin Maria Baumann (1899-1971), die 1955 seine Frau wurde.

 

In der Reihe »Jahrhundertbriefe« in den Münchner Kammerspielen geht es sonst um Größen der Kunst und Literatur. Um das Malerpaar Otto Modersohn und Ehefrau Paula Modersohn-Becker zum Beispiel, oder um den Briefwechsel zwischen den Schriftstellern Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig. Briefe, die sich der Ex-Präsident eines Münchner Fußballclubs und seine schwäbische Hausangestellte schrieben, scheinen da auf den ersten Blick aus dem Rahmen zu fallen.

Aber nur auf den ersten Blick. Denn was die Schauspieler Stefan Merki als Kurt Landauer und Maja Beckmann als Maria Baumann sowie Moderatorin Rachel Salamander an diesem Novemberabend auf der Bühne der Kammerspiele vortragen, das sind tatsächlich »Jahrhundertbriefe« – und eine kleine Sensation.

Der Fund ist eine kleine Sensation

Soeben hat das Jüdische Museum München nämlich den bislang unbekannten schriftlichen Nachlass von Kurt und Maria Landauer erworben. Er besteht aus einer 77-seitigen handschriftlichen Lebensbilanz, die der Ex-Bayern-Präsident Landauer Ende 1944, Anfang 1945 in seinem Exil in Genf für seine langjährige Geliebte Maria Baumann verfasste. Auch 26 Briefe, die sich die beiden schrieben, sowie acht Briefe von Maria Baumann an die Landauer-Vertraute Maria Klopfer gehören zu dem Nachlass: Dokumente einer tiefen Liebe, in denen sich allzu Menschliches mit »Weltgeschichte« zu einer großen Geschichte verflicht.

 

Fanchoreografie zum Gedenken des jüdischen Bayern-Präsidenten Kurt Landauer (Februar 2014).
»Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar voneinander«: Mit einer ähnlichen Fanchoreografie zum 125. Geburtstag des jüdischen Bayern-Präsidenten Kurt Landauer gab die Ultragruppe Schickeria im Juli 2009 den Anstoß für Verein, Medien und Öffentlichkeit, sich näher mit der jüdisch-bayerischen Geschichte des Vereins und seines fast vergessenen ersten Meister-Präsidenten zu befassen (Bild einer Bayern-Choreo vom Februar 2014 vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt).

 

Der österreichische Trainer Richard Kohn machte den FC Bayern 1932 erstmals zum Deutschen Meister. Wie der damalige Bayern-Präsident Kurt Landauer war auch Kohn Jude, ein internationaler Profi. Von 1926 bis 1927 hatte er den FC Barcelona trainiert, firmierte aber lieber unter seinem Spitznamen »Dombi«, weil das für die Ohren seiner Zeitgenossen weniger jüdisch klang.

Von Schwabing an die »Säbener«

Als 17-jähriger Fußball-Narrischer war Kurt Landauer 1901 dem gerade erst gegründeten FC Bayern beigetreten. Im damals noch dörflichen Schwabing spielte man auf einem vom Ofenfabrikanten Wamsler spendierten Platz in der Clemensstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg würde es Kurt Landauer sein, der mit guten Beziehungen dem Verein das heutige große Gelände an der Säbener Straße verschaffte.

1913 wird Kurt Landauer – gerade mal 29 Jahre alt – erstmals Bayern-Präsident. Insgesamt vier Mal hat er das Amt inne, zuletzt von 1947 bis 1951, als er überraschend und für ihn kränkend abgewählt wird.

 

Nachlass Kurt und Maria Landauer: Handschriftlicher Lebensbericht von Kurt Landauer in Briefform an Maria Baumann aus Genf, Oktober 1944-Januar 1945 und Briefe von Kurt Landauer an Maria Baumann, 1947.
Der schriftliche Nachlass von Kurt und Maria Landauer: Seinen handschriftlichen Lebensbericht für Maria Baumann schrieb Kurt Landauer nicht weniger als vier Mal. Die letzte Fassung entstand in Genf von Oktober 1944 bis Januar 1945. Rechts Briefe von Kurt Landauer an Maria Baumann aus dem Jahr 1947, als der früher Bayern-Präsident aus dem Schweizer Exil nach Bayern zurückkehrte.

 

Vieles am Leben Kurt Landauer ist besonders und einzigartig. Es steht auch für den Untergang einer Welt. In der Nähe des Doms betreiben die Landauers seit 1888 ein Geschäft für Damen­oberbekleidung. 1913 erhält die Familie sogar den begehrten Titel »Königlich Bayerischer Hoflieferant«. Als Maria Baumann zu Ostern 1927 als Haushälterin bei den Landauers anfängt, kommt sie in eine großbürgerliche jüdische Familie – die vor dem Abstieg steht.

Vom »lieben Ried« nach München

Maria Baumann ist 29, evangelisch, in Memmingen geboren. Sie kommt aus bescheidenen Verhältnissen. Der Vater ist Fabrikarbeiter, die Mutter Köchin. Häufig ist Maria in Ried in der Nähe von Burtenbach und Jettingen (Geburtsort des Hitler-Attentäters Stauffenberg). Hier lebt ihre zweitjüngste Schwester Amalie mit ihrer Familie. Auch Kurt Landauer – er ist 43, als sich die beiden begegnen – wird später oft und gern im »lieben Ried« sein. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland plant er erst einmal zwei Wochen dort ein, um zu entscheiden, ob er wirklich nach München heimkehren kann und will.

Es muss schnell gefunkt haben zwischen dem noch ungebundenen Kurt und Maria, doch die Verbindung war selbstverständlich weder schicklich noch standesgemäß. Beide waren peinlich um Diskretion und Heimlichkeit bemüht – und haben darunter gelitten.

 

Limitierter Fanschal »Kurt Landauer« im Rahmen der Installation »Kurt Landauer Fanshop« 2014 im Jüdischen Museum München.
Limitierter Fanschal »Kurt Landauer« im Rahmen der Installation »Kurt Landauer Fanshop« 2014 im Jüdischen Museum München.

 

1928 ist das Landauer’sche Unternehmen am Ende. Bald ist man gezwungen, die wertvolle Immobilie in der Kaufinger Straße zu verkaufen. Kurt muss sich einen Job suchen – und stürzt sich noch mehr in die Vereinsarbeit. In seinem Lebensbericht schildert er Maria, wie die Pleite den Heiratsantrag verhinderte, den er ihr damals machen wollte. Und er schreibt: »Ich weiß wohl, daß es verschiedene Bedenken Deinerseits geben kann, kann mir vorstellen, daß die Religionsverschiedenheit Dir zu denken geben wird, wohl aber nicht ausschlaggebend ist. Es war ja Herbst 1931.«

Die erste Meisterschaft des FCB

Dann kommt der 12. Juni 1932. Der Tag, auf den Landauer und sein Verein so lange hingearbeitet haben: Mit einem 2:0 gegen Eintracht Frankfurt wird der FC Bayern erstmals Deutscher Meister – ausgerechnet in Nürnberg. Die Münchner feiern die Bayern und ihren jüdischen Trainer, den jüdischen Präsidenten.

Erstmals gibt es einen »Autokorso« durch die Stadt, der damals noch aus Pferdekutschen besteht. Im Rathaus empfängt Bürgermeister Karl Scharnagl den Bayern-Präsidenten Kurt Landauer. Neun Monate später, im März 1933, verlieren sie fast gleichzeitig ihr Amt an Nationalsozialisten. Beide werden sie ihre Funktionen nach 1945 wieder übernehmen – Scharnagl als CSU-Mitbegründer. Und beiden wird dann die Erfahrung einer KZ-Haft in Dachau in den Knochen stecken. Der nach der »Kristallnacht« im November 1938 verhaftete Landauer kommt nach 33 Tagen wieder frei. Über das, was ihm im Lager widerfuhr, will Landauer Maria gegenüber nicht sprechen. Aber ihm wird endgültig klar, dass ihn sein Status als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs im Deutschland der Nationalsozialisten nicht schützen wird.

 

Lesung in den Kammerspielen »Kurt Landauer – Maria Baumann Briefwechsel Oktober 1944 bis August 1948« in der Reihe »Jahrhundertbriefe« mit Maja Beckmann und Stefan Merki. Links Moderatorin Rachel Salamander von der »Literaturhandlung«.
Lesung in den Kammerspielen »Kurt Landauer – Maria Baumann Briefwechsel Oktober 1944 bis August 1948« in der Reihe »Jahrhundertbriefe« mit Maja Beckmann und Stefan Merki. Links Moderatorin Rachel Salamander von der »Literaturhandlung«.

 

Im Mai 1939 gelingt Landauer die Ausreise in die Schweiz. Er ist 55 Jahre alt, mittellos, arbeiten darf er nicht. In den nächsten Jahren wird er in Genf auf die Hilfe seiner alten Freundin Maria Klopfer angewiesen sein. Maria Baumann bleibt seine seelische Heimat.

»Geweint wie ein kleiner Bub«

»Dann kam unser Abschied«, erinnert sich Landauer an die Abreise, »ich machte es kurz. Nahm Deinen geliebten Kopf in meine beiden Hände, dankte Dir aus wundem Herzen, für all Deine Liebe und Treue, küßte Deine lieben blauen Äuglein, Deinen geliebten Mund mit wehen Lippen und sah zu, aus dem Hause zu kommen, bevor mich die Wehmut übermannte. (...) Unten angekommen, mußte ich dann in der Victoriastraße in eines der nächsten Häuser in den Hausgang, mich erst einmal richtig auszuweinen, denn der Schmerz hatte mich überwältigt.

Es hat mich gestoßen vor lauter Schluchzen, ich habe geweint wie ein kleiner Bub.

Dann setzte ich meinen Weg fort, den Schirm am Arm, ein kleines Köfferl in der Hand, als ob ich zum Wochenende nach Pasing fahren würde und nicht für immer und ewig die Stadt verlaßen würde, in der man sein ganzes Leben zugebracht hat. Nicht als ob ich eben von einem Menschen mich getrennt hätte, der mir durch lange Jahre das Höchste und Liebste auf der Welt gewesen war, für und in dem ich gelebt habe.« Am Bahnhof ist er allein: »Niemand da, der mir noch die Hand gedrückt hätte.«

Ausfindig gemacht hat die Briefe der Vereinsarchivar des FC Bayern, Andreas Wittner. Jahrzehnte befand sich der Nachlass im Besitz der Familie von Maria Baumann. Als Wittner die Briefe 2016 das erste Mal las, merkte er schnell, dass er hier eine ergreifende Liebesgeschichte vor sich hatte, aber nichts, was vereinsgeschichtlich viel hergab. Die Bayern stellten den Kontakt mit dem Jüdischen Museum München her. Seit Kurzem sind die Dokumente nun im Besitz des Museums und unter der Obhut seiner Historikern Jutta Fleckenstein.

Vier Geschwister Landauers werden im Holocaust ermordet

Diese hat vor, Landauers Lebensbericht und die 34 Briefe in einer kommentierten Ausgabe herauszugeben. Erst mit den nötigen Hintergrundinformationen entfalten die Texte für heutige Leser ihre wahre Kraft: Vier Geschwister Landauers, eine Schwägerin und ihr Sohn, unzählige Freunde werden ermordet.

Seinem Bruder Franz und dessen Frau Tilly gelingt noch im August 39 die Flucht in die Niederlande. Als die Deutschen wenige Monate später dort einmarschieren, sitzen sie in der Falle. Franz stirbt im holländischen Durchgangslager an Typhus, Tilly wird 1944 in Auschwitz ermordet. Die in München verbliebenen Geschwister Paul und Gabriele werden nach Litauen deportiert und ermordet. Um beide kümmert sich Maria Baumann bis zuletzt, besorgt Fleischrationen auf die eigene Lebensmittelkarte. Das ist ebenso riskant wie ihr nie unterbrochener Briefwechsel mit Kurt Landauer in der Schweiz. Beide wissen, dass die Gestapo mitliest. Erhalten sind nur Briefe aus der Nachkriegszeit.

1947 kehrt Kurt Landauer nach Bayern zurück. Maria und er ziehen zusammen.

Am Ende ein Ehepaar

Was vor dem Krieg undenkbar schien angesichts der unterschiedlichen Herkunft, ist möglich nach Holocaust und Weltkrieg, der sich auch als großer Gleichmacher der bürgerlichen Verhältnisse erwiesen hat. 1955 heiraten der Überlebende einer großbürgerlichen jüdischen Familie und die schwäbische Protestantin aus einfachen Verhältnissen. Ihnen bleiben noch sechs Jahre als Ehepaar.

Die Briefe aus ihrem Nachlass sind teils sehr intim. Ob Kurt und Maria Landauer gewollt hätten, dass sie mit ihren Briefen und ihrer Liebe vor Publikum in den Kammerspielen landen?

Aber was in ihnen aufscheint, ist zu wertvoll, um es nicht zu teilen. Auf eine Buchedition des Nachlasses darf man sich freuen. Weil hier das Kleine und das Große zusammenkommen, Tiefe und pragmatischer Realismus, weil Geschichte greifbar und lebendig wird. Zwischen Tragödie und Glück, Trauer und Liebe, zwischen Alltag und Weltgeschichte haben Kurt und Maria Landauer eine Geschichte von Mut und Treue geschrieben – mit Fußballergebnissen im Radio und »Apfelkuchen mit richtigen Weinbeerln«.

 

INFO: Die aktuelle Ausstellung »Never Walk Alone. Jüdische Identitäten im Sport« ist noch bis zum 7. Januar 2018 im Jüdischen Museum München zu sehen. Internet: juedisches-museum-muenchen.de

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Nationalsozialismus

BLV-Vizepräsident Reinhold Baier, Charlotte Knobloch und "!Nie wieder"-Sprecher Eberhard Schulz bei der Buchvorstellung.
Sie waren begeisterte Fans, großartige Fußballer, fleißige Vereinsmitglieder - doch ab 1933 waren Menschen mit jüdischen Wurzeln in den deutschen Fußballvereinen unerwünscht. Die Initiative »!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball« hat jetzt gemeinsam mit dem Bayerischen Fußballverband ein digitales »Buch der Erinnerung« ins Leben gerufen. Es soll den in der NS-Zeit verstoßenen, verfolgten und ermordeten Vereinsmitgliedern ein Denkmal setzen.
ShareFacebookTwitterGoogle+Share
Sonntagsblatt