28.09.2020
NS-Geschichte

KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit über das "Ende der Zeitzeugenschaft" und die gleichnamige Flossenbürger Ausstellung

Seit vielen Jahren wird das Sterben der Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust beklagt. Verschwinden mit ihrem Tod dann auch die Erzählungen und Erinnerungen? Jörg Skribeleit berichtet von der Arbeit in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
Jörg Skribeleit

Seit vielen Jahren wird das Sterben der Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust beklagt. Verschwinden mit ihrem Tod dann auch die Erzählungen und Erinnerungen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft?" in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die mit dem jüdischen Museum Hohenems entwickelt wurde. Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit wirft einen kritischen Blick auf die Zeitzeugenschaft, die zwar Erinnerungen bewahrt, aber auch auf bestimmte Narrative getrimmt hat, wie er im Gespräch mit dem Sonntagsblatt sagte.

Herr Skriebeleit, die Zeitzeugen sterben nach und nach aus. Befinden wir uns am Ende der Zeitzeugenschaft?

Skriebeleit: Wir befinden uns tatsächlich an der Lebensschwelle der Zeitzeugen, aber wir befinden uns sicherlich nicht am Ende der Zeitzeugenschaft. Zeitzeugenschaft bedeutet: Seit Jahrzehnten machen sich Menschen Gedanken, wie man die Zeugnisse der Überlebenden für die Nachwelt festhält. Diese Versuche beginnen bereits unmittelbar nach der Befreiung im Jahr 1945. Allerdings sind die ersten Versuche von den Umständen geprägt: Das sind Psychologen, Mediziner, die die Interviews machen. Sie wollen Erkenntnisse gewinnen, wie sie mit den höchst traumatisierten Personen arbeiten und sie ins Leben zurückführen können. Zeitzeugenschaft zehn Jahre später heißt dann vor allem juristische Zeugenschaft. Überlebende treten in verschiedensten Prozessen auf, der prominenteste ist der Eichmann-Prozess.

Danach beginnt eine Phase, in der die Interaktion zwischen Interviewten und Interviewern in den Blick gerät: Wer durfte wann reden und zu welchem Zweck?

Skriebeleit: Bereits seit den frühen 1950er Jahren gibt es Sendungen in den USA wie "This is my life", in der Menschen unterschiedlichster Couleur auftreten. Das sind eigentlich klassische Showformate, die publikumswirksam und effektheischend mit Emotionen arbeiten. In so einer Show wurde 1953 eine Holocaust-Überlebende präsentiert, was sehr überraschend war. Ein berühmtes Beispiel ist auch von Claude Landzmann "Shoah", der dezidiert erklärt hat, er mache keine Dokumentationen, die seien blutlos, sondern inszeniere die Überlebenden.

"Schindlers Liste" ist kein Zeitzeugeninterview, sondern ein Spielfilm, der aber zu einem wahren Zeitzeugenboom führte. Überall in der Welt entstehen Interviewprojekte, Zeitzeugenarchive, die noch die letzten Holocaustüberlebenden aufspüren und in Szene setzen für die Nachwelt. Es gibt da einen sehr manifesten pädagogischen, aber auch einen Ewigkeits-Impetus. Die aktuellste Form dieser "Gemachtheit" sind Hologramme, bei denen 116 Kameras die eine Person, den letzten Überlebenden, aufnehmen, um ihn nicht nur als Dokument zu bewahren, sondern ihn als Avatar und Antwortautomaten in einer 3D-Animation unsterblich zu machen.

Zeitzeugenschaft ist also immer auch eine Konstruktion. Welchem Wandel unterliegen die Zeitzeugen selbst?

Skriebeleit: Manche Zeitzeugen konnten nicht sprechen, viele wurden nie gehört, einige wenige treten in den letzten Jahrzehnten sehr professionell auf, weil sie auf einen Resonanzboden stoßen, in Schulen eingeladen werden, in Fernsehsendungen auftreten. Dieser Wandel des Begriffs der Zeitzeugenschaft, diese Konstruktion und auch die Erwartungshaltungen, die ihnen entgegenschlagen, versuchen wir in dieser Ausstellung nicht nur dokumentarisch zu zeigen, sondern auch kritisch zu hinterfragen.

Wie kann Zeitzeugenschaft in Zukunft aussehen, wenn alle Zeitzeugen gestorben sind?

Skriebeleit: Zeitzeugenschaft in der Zukunft wird zwangsläufig nur noch eine mediale sein. Das bedeutet nicht, dass man automatisch alle Hoffnungen in den technischen Fortschritt setzen darf. Medial heißt, uns sehr offensiv und akribisch in alte Dokumentationen und Zeitzeugeninterviews, die vor 20, 30 Jahren entstanden sind, hineinzuarbeiten. Gerade in der Sepia-Optik der 70er Jahre, in denen es die ersten Aufnahmen gibt, liegt nicht nur eine extreme Anmutungsqualität, sondern eine Qualität, die den jeweiligen Individuen oft näher kommt als die medialen Formate der Gegenwart. Das ist überhaupt nicht Retro, sondern es lässt diese Personen, die nicht als "die Letzten ihrer Art" heute fast verheiligt werden, als Individuen meist präsenter sein. Man merkt: Sie sind nicht nur die Ikonen, nicht nur die "Holocaustheiligen", sondern sie sind Individuen mit Verletzungen, mit Traumata, mit politischen Agenden, mit Ironie und mit Pfiff.

Welche Wirkung hatte diese Herangehensweise auf Sie und Ihre Mitarbeiter?

Skriebeleit: Wir sind beim Anschauen von wirklich mehr als 100 Interviews immer dort hängengeblieben, wo man merkt, sie "verschweigen" jetzt etwas, sind irritiert, sie wollen ausweichen, sie wollen darüber gerade nicht reden. Im Nichtsagen steckt manchmal mehr Potenzial und Emotionalität als in Geschichten, die immer weitergehen. Deshalb arbeiten wir in dieser Ausstellung sehr offensiv auch mit Schweigen und Leerstellen, mit Irritationen und dem Ausweichen.

Was wird durch die Ausstellung, die Sie zusammen mit dem Jüdischen Museum in Hohenems erarbeitet haben, sichtbar?

Skriebeleit: Unsere Ausstellung versucht einen Blickwechsel und eine Rollenumkehr. Sie stellt damit nicht die Überlebenden öffentlich zur Schau und damit bloß, sondern vielmehr die Interviewer. Es geht uns, das ist mir sehr wichtig zu betonen, aber überhaupt nicht ums Bloßstellen. Doch im mehrfachen Nachfragen oder Unterbrechen einer Erzählung durch die Interviewer spürt man: Hier wird nicht nur ein Interview auf ein erwartetes Narrativ getrimmt, sondern auch die Würde eines Menschen angetastet, der manches Unaussprechliche einfach nicht erzählen kann oder will.

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