23.03.2019
Geschichte und Zukunft

Nürnberger Reichsparteitagsgelände investiert in die Erinnerung

Das "schwierige Erbe" der Jahre zwischen 1933 und 1945, als die Nationalsozialisten Nürnberg zur "Stadt der Reichsparteitage" auserkoren hatten, gehört zu Nürnberg mindestens genauso wie Albrecht Dürer und die "Drei im Weggla". Das wissen auch Annekatrin Fries vom Nürnberger Kulturreferat und Florian Dierl, Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Rund 85 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahrzehnten in das Gelände investiert werden, das als größte bauliche Hinterlassenschaft der Nazis gilt.
Julia Lehner, Florian Dierl und Annekatrin Fries
Nürnbergs Kulturreferenrin Julia Lehner, Doku-Zentrum-Leiter Florian Dierl und Annekatrin Fries vom Nürnberger Kulturreferat auf der Tribüne des Zeppelinfeldes.

Es ist eine Generationenaufgabe. Der Ort, an dem zwischen 1933 und 1938 die Reichsparteitage der Nationalsozialisten stattfanden, ist aber auch einer mit Geschichten vor und nach den Nazis. Künftig soll die ganze Story erzählt werden.

Das rund 16,5 Quadratkilometer große Areal, das nur bruchstückhaft fertig gestellt wurde, lässt nur ansatzweise erahnen, wie weit der Größenwahn der Nazis ging. Der Torso der an das römische Kolosseum erinnernden Kongresshalle ist von weitem sichtbar, aber innen hohl und nur gut halb so hoch wie geplant. Der Bau des Deutsche Stadions, in dem über 400.000 Menschen Platz finden sollten, wurde nie begonnen, das Märzfeld mit Tribünen für rund 250.000 Zuschauer ebenso wenig. Das ehemalige Reichsparteitagsgelände umfasst eine Vielzahl von Flächen und baulichen Anlagen, davon sind die Kongresshalle und das Zeppelinfeld die bekanntesten und größten Bestandteile.

Die kommenden Instandsetzungsmaßnahmen umfassen das Zeppelinfeld, bestehend aus Tribüne, Wallanlage, Türmen und Freiflächen.

"Alleine die Größe der Anlage ist eine Herausforderung, aber natürlich vor allem die Baugeschichte. Alle Beteiligten, vom Architekten bis zum Steinmetz, müssen wissen, woran sie hier arbeiten", meint Robert Minge, zuständig für das Areal beim Hochbauamt der Stadt Nürnberg.

Transparenz ist vonnöten: Die Arbeit der Bauverwaltung werde sehr kritisch beobachtet und begleitet. "An Musterflächen der Tribüne und der Türme kann man gut erklären, welchen Gesamteindruck wir uns nach Abschluss der Arbeiten erhoffen. Es soll so viel Originalmaterial wie möglich erhalten werden, Neuteile oder Mörtelergänzungen soll es nur soweit unbedingt nötig geben. Die Spuren der Verwitterung, Schädigungen und Reste alter Graffitis sollen sichtbar bleiben", erklärt Minge. Um den besten bautechnischen Weg zu finden, hat das Hochbauamt von 2014 bis 16 verschieden Materialen getestet. "Wir entwickeln die Maßnahme nicht im stillen Kämmerlein, sondern in enger Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat", so Minge weiter.

Fertig gestellt wurde lediglich die Tribüne gegenüber des Zeppelinfeldes, die den Pergamonaltar zum Vorbild hatte und auf der 70.000 Menschen sitzen konnten. Heute ist sie ein beliebtes Ausflugsziel – nicht nur für Touristen, sondern auch für viele Einheimische, die sich vor allem in den warmen Monaten hier sonnen und Ruhe finden. Bis zu 1.000 Menschen kommen jeden Tag hierher, und zwar aus aller Welt.

"Das Zeppelinfeld ist eine skurrile Anlage, die ohne jeden menschlichen Maßstab geplant wurde", erklärt Minge.

Dabei habe sie für die damaligen Zwecke funktioniert. Albert Speer hatte die Anlage so konstruiert, dass selbst bei Tausenden Teilnehmern und Besuchern stets die Hierarchie der damaligen Gesellschaft ablesbar war: die Teilnehmer auf dem Feld, die "einfachen" Besucher auf dem Rasen der Wallanlage. Deutlich abgerückt auf der steinernen Tribüne saß die selbsternannte Elite, auf dem Mittelbau steht baulich betont die Rednerkanzel.

"Insofern ist es eine zutiefst undemokratische Anlage. Gerade weil man hier vieles über die damalige Gesellschaft und die Mechanismen des Nationalsozialismus erklären kann, sollte die Anlage erhalten bleiben", ist Minge überzeugt. Und ist damit nicht allein: "Die Menschen fragen nicht nur danach, was hier während der Nazis-Zeit gewesen ist, sondern gerade aus dem Ausland auch, wie wir in Nürnberg damit umgehen", meint Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg.

Was nach den Nazis kam

Und da gab es in den Jahren nach 1945 vielfältige Möglichkeiten. Es entstanden unter anderem das Naherholungsgebiet "Volkspark Dutzendteich", ein riesiger Parkplatz für das angrenzende Messegelände, Lagerfläche für die US-Army und später auch Buden für den Christkindlesmarkt. Bob Dylan oder AC/DC spielten auf dem Zeppelinfeld, es entwickelten sich das Nürnberger Volksfest sowie der als "Norisring" bekannte Stadtkurs für ein Rennen der Deutschen Tourenwagenmeisterschaften. Auch die Bewerbung Nürnbergs um den Titel "Kulturhauptstadt Europas" enthalte Elemente der künftigen geschichtlichen Aufarbeitung des Geländes, das bereits vor den Nazis als Naherholungsgebiet der Nürnberger und sogar für größere Ausstellungen genutzt wurde und zeitweise einen Leuchtturm beherbergte.

Leider ist die Tribüne vereinzelt auch Ziel neonazistischer Gruppen, wie erst vor wenigen Wochen geschehen. Und gerade Besucher aus dem Ausland machen sich einen zweifelhaft lustigen Spaß daraus, auf der Führertribüne, von der aus Adolf Hitler in den 1930er-Jahren seine Paraden abgenommen hat, die Hand zum Hitlergruß zu recken. "Im Wesentlichen haben wir aber keine Probleme mit solchen Entgleisungen", meint Florian Dierl. Auch nicht mit Vandalismus. Die gut 20 Schautafeln, die an wichtigen neuralgischen Punkten des Geländes stehen und auf die Geschichte verweisen, werden in der Regel in Ruhe gelassen.

Dafür hat der Zahn der Zeit aber an den steinernen Stufen der denkmalgeschützten Tribüne genagt. Hie und da blättert der Stein ab, immer wieder sind ganze Ecken abgebrochen. "Wir haben uns bereits im Jahr 2004 darauf geeinigt, dass die bauliche Sicherung des Geländes sichergestellt wird", erklärt Julia Lehner. Man wolle das Gelände erhalten, aber nicht aufhübschen und gar mystifizieren. Es solle als Lernort für die nächsten Generationen aufbereitet werden – welchen Umgang diese dann für richtig halten, das stehe in den Sternen.

Ein Teil der für das Reichsparteitagsgelände veranschlagten Millionen fließt in die ständigen Instandhaltungsmaßnahmen. Neu geschaffen wurde auch die Stabstelle Ehemaliges Reichsparteitagsgelände / Zeppelintribüne und Zeppelinfeld im städtischen Kulturreferat, die in enger Zusammenarbeit mit der Projektgruppe des städtischen Hochbauamts, die sämtliche Baumaßnahmen auf dem Gelände betreut, und dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände die Maßnahmen zum Erhalt und zur zukunftsorientierten Vermittlung des historischen Orts steuern soll.

Annekatrin Fries wird künftig aber auch eng mit dem Doku-Zentrum zusammen arbeiten, in dessen Erweiterungsbau das Reichsparteitagsgelände einen breiteren Rahmen eingeräumt bekommt. Florian Dierl ist aber klar, dass sein Haus lediglich die Infos und Anstöße bieten kann, vor Ort müsse noch viel Reflexionsarbeit geschehen. Dierl stellt sich beispielsweise eine audiovisuelle Quelle an der Führerkanzel selbst vor, wo man die Stimme Hitlers hört und einen Eindruck erhalten soll, welche Blickachse der "Gröfaz" von hier aus auf die Tausenden vor ihm hatte. Diese Blick- und Erfahrungsrichtung müsse aber auch umgekehrt geschaffen werden: Vom Zeppelinfeld aus, das während des Jahres von verschiedenen Mietern für sportliche Betätigung und regelmäßig für Musikveranstaltungen wie "Rock im Park" genutzt wird.

Hakenkreuz gesprengt

Nachdem die US-Army Nürnberg erobert hatte, wurde nicht nur das große Hakenkreuz auf der Haupttribüne gesprengt, sondern im Lauf der Jahre auch immer mehr Teile der Tribüne selbst. Heil geblieben ist ein "Schatz", der weitaus reichhaltiger klingt als er tatsächlich ist: Der "Goldene Saal" , eine zirka 335 Quadratmeter große und mit Marmorplatten verkleidete Halle, deren acht Meter hohe Decke mit goldschimmernden Mosaiken verziert ist. Der Saal ist der einzige von Hitler-Architekt Albert Speer entworfene und auch fertig gestellte Raum auf dem gesamten Gelände. Geöffnet wird der Saal, in dem es das ganze Jahr über klirrend kalt beziehungsweise angenehm kühl ist, nur bei Führungen oder größeren Veranstaltungen. Im Saal steht auch ein riesiges, gusseisernes Gefäß, das wie ein zu groß geratener Kerzenhalter wirkt und noch aus der Zeit der Reichsparteitage stammt.

Auf der anderen Seite der Steintribüne hatten noch bis vor wenigen Jahren immer wieder Nürnberger Tennisbälle gegen die Wand geschlagen und so ihren Aufschlag geübt. "Das geht wegen der Bausubstanz nicht mehr", erklärt Fries. Ins Auge fallen aber zwei Kunstwerke, die zur Zeit des Vietnamkriegs nach Nürnberg gebracht wurden und sich mit dem Thema "Krieg" auseinandersetzen. Und noch ein weiterer Riesenkerzenhalter, allerdings angemalt. "Da war früher Wasser drin, und die Kinder konnten darin plantschen", erinnert sich Julia Lehner. Wasserspaß in alten Nazi-Devotionalien? Heute undenkbar, ein Aufschrei würde durch die Bevölkerung gehen. "Das war damals aber vielen Nürnbergern recht egal, die nicht mehr viel von diesen Zeiten wissen wollten", meint Lehner.

Das hat sich im Lauf der vergangenen Jahre geändert. Daher sollen solche Geschichten im neuen museumspädagogischen Konzept ebenfalls erzählt werden, und auch den Saal will man künftig häufiger öffnen und damit der Mystifizierung solcher Orte entgegen treten. Ebenso auch den ein oder anderen der 34 Türme rund um Zeppelinfeld und Tribüne, die ursprünglich (und teils heute noch) als Klohäuschen dienen, mittlerweile aber auch als Lagerstätten für Firmen oder ein Vereinsheim für einen Motorradclub genutzt werden. "Viele Leute fragen, was denn in diesen Türmen drin sei. Wir wollen es den Interessierten zeigen", meint Dierl.

Wer sich mit der Geschichte des Reichsparteitagsgeländes befasst, für den tauchen immer neue Fragen auf. Beispielweise, was denn Sagenumwobenes im seit Jahrzehnten verseuchten Silbersee, der mit Wasser vollgelaufenen Baugrube des "Deutschen Stadions" versenkt wurde.

"Sie sehen, man kommt schnell auf immer mehr Geschichten, die man erzählen könnte", meint Julia Lehner. "Wir fangen jetzt einfach mal damit an."

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