Buchkritik
Der Musikwissenschaftler Rainer Bayreuther plädiert in seinem Buch "Der Sound Gottes" für mehr experimentellen Mut in der Kirchenmusik. Damit kritisiert er auch den Trend der evangelischen Kirche, sich an den Wellness-Zeitgeist anzupassen.
Der Sound Gottes. Kirchenmusik neu denken, Rainer Bayreuther
Der Sound Gottes. Kirchenmusik neu denken, Rainer Bayreuther

"Singen verbindet und tut gut", zitiert Musikwissenschaftler Rainer Bayreuther süffisant eine Einladung der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) vom März 2020. "Musik zum Wohlfühlen" heißt das Kapitel im Buch "Der Sound Gottes", in dem die Stelle zu finden ist – und schnell wird klar, was Bayreuther von einem derartigen Musikverständnis hält: wenig. Jedenfalls im kirchlichen Rahmen.

Mit beißendem Spott fragt er nach: "Hätte die Aufgabe nicht besser ein Sozialverband übernommen?" Kurz darauf nimmt er sich eine Rundfunkandacht vor, in der dem Singen neben dem Wohlfühl-Aspekt zudem attestiert wird, dass es gesund mache. Das veranlasst den Autoren zu der sarkastischen Prognose, bald würden in Kirchen wohl auch Kochrezepte und Wellnesstipps zu hören sein. 

Rainer Bayreuther: Der Sound Gottes ist nicht nur zum Wohlfühlen da

Diese Stelle in Bayreuthers Buch "Der Sound Gottes" bringt gut auf den Punkt, was den Autor am kirchlichen Umgang mit Musik stört: Anstatt um ein spirituelles Erlebnis gehe es in erster Linie ums Wohlfühlen, um angenehme Erlebnisse, kurzum, um Wellness. Bayreuther lässt keinen Zweifel daran, dass er dies gerade nicht für die Aufgabe der Kirche im allgemeinen und der Kirchenmusik im Speziellen hält. Allerdings geht er nicht davon aus, dass diese von ihm attestierte Fehlentwicklung etwas ganz Neues sei. "Um Gotteserfahrung oder gar das ewige Leben geht es schon lange nicht mehr", schreibt er konsterniert. 

Mit "schon lange" meint er "seit mindestens 200 Jahren". Da nämlich hätte man unter dem Einfluss der Theologen Friedrich Schleiermacher und Johann Gottfried Herder begonnen, dass Heilige von Kirchenmusik, quasi den Spiritualitätsfaktor, anhand von Gefühlsreaktionen zu messen. Auch der Sicht von Bayreuther ein fataler Irrtum. Er besteht auf einer klaren Trennung von Gefühlen und religiösem Erleben – und bezieht das keineswegs nur auf die Musik. Seine Kritik ist messerscharf formuliert. Man muss ihm als Leser nicht in allem inhaltlich zustimmen. Seine strikte Ablehnung der Annahme, Gottesnähe zeige sich vor allem durch starke Gefühlsregungen, ist jedoch durchaus überzeugend begründet.  

Sound Gottes: Die Ewigkeit Gottes muss es schon sein

Bayreuther misstraut solchen einfachen Gleichsetzungen gründlich. Nicht umsonst bezieht er sich immer wieder auf Immanuel Kant, einen der strengsten deutschen Denker, um seine Meinung zu untermauern. Er erwartet von Kirchenmusik weit mehr, als dass sich bei den Zuhörer*innen und Mitwirkenden ein gutes oder zumindest starkes Gefühl einstellt. "Für den karolingischen Mönch Aurelian war Kirchenmusik noch ein Hörrohr ins ewige Gottesreich", donnert er – und irgendwie nötigt einem dies Respekt ab, wie hier jemand völlig konträr zum alles und jeden relativierenden Zeitgeist echten Tiefgang fordert. Die Ewigkeit Gottes – nein, drunter macht Bayreuther es nicht. 

"Der Sound Gottes" spannt einen weiten historischen Bogen, analysiert die religiöse Funktion von Musik in der Antike, bei den Juden und den frühen Christen. Dann schließlich eröffnet der Autor dem von so viel Fakten und Argumenten zeitweise etwas erschlagenen Leser, wie Kirchenmusik klingen müsste. Und seine Ansprüche sind hoch: Da ist von nicht weniger als "Musik, die klangliche Hingebung der eigenen Glieder an ein göttliches Erscheinen ist" die Rede. "Die Settings des Sounds Gottes werden markant andere sein müssen als die der klassischen Kirchenmusik", ist der Autor überzeugt. Allerdings gesteht er den klassischen Werken der Kirchenmusik zu, für dieses Setting nicht per se ungeeignet zu sein. "Es erforderte aber eine Performance, die mit wesentlichen Aspekten der gewöhnlichen musikalischen Interpretation bricht", fordert Bayreuther.

Eine Revolution in der Kirchenmusik

Er will also keineswegs die guten, alten Gesangsbücher und Bachkantaten einfach auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Vielmehr gehe es um die Frage: "Wie muss die Performance eines Gesangbuchlieds oder einer Kantate gedacht, komponiert, dekomponiert werden, damit durch sie der Sound Gottes strömt?" Naturgemäß hat er darauf selbst keine einfache Antwort. Mit seinem Buch möchte er vielmehr einen Diskussionsanstoß liefern – wohl mit dem Ziel, eine kirchenmusikalische Revolution auszulösen.

Ob ihm dies gelingen wird, sei mal dahin gestellt. Was ihm aber auf jeden Fall gelingt: Er zwingt alle, die das Buch lesen, sich mit grundsätzlichen Fragen von Religion und deren Ausübung auseinanderzusetzen. Dabei stellt er radikal infrage, ob wirklich alle Praxen des heutigen Kirchenlebens zu Gott führen – oder ob hinter manchem Angebot nicht vielleicht doch einfach nur der Gedanke der Selbstoptimierung steckt.

Rainer Bayreuther

Der Sound Gottes. Kirchenmusik neu denken

Rainer Bayreuther

Die Kirchenmusik ist zu einem Ohrensessel geworden, in dem man sehr weich und sehr tief sitzt. Zweifellos gehört die hörbare und gemeinschaftliche Ekstase unverzichtbar zur christlichen Frömmigkeit. Aber lässt sich daraus nicht viel mehr ableiten, als auf der Kirchenbank Gesangbuchlieder mit Orgelbegleitung zu singen oder den Kirchenchor auftreten zu lassen? Und ansonsten immer wieder Bach, Bach und wieder Bach. Rainer Bayreuther spricht sich leidenschaftlich für mehr experimentellen Mut in der Kirchenmusik, für den Einsatz auditiver Medien und die kreative Verknüpfung von digitaler und menschlicher Kommunikation aus. Gerade brandaktuell sind seine Ideen auch vor dem Hintergrund pandemischer Einschränkungen im Gemeindeleben.

Verlag: Claudius Verlag GmbH

Seitenzahl: 240

ISBN: 3532628597, EAN: 978-3532628591

Jetzt bestellen über den sozialen Buchhandel: Buch 7.

Weitere Artikel zum Thema:

Buchtipp

"Gegen mein Gewissen" von Hannah Brinkmann
Die umstrittenen Gewissensprüfungen von Kriegsdienstverweigerern gehören zur deutschen Nachkriegshistorie. Die 1990 geborene Comiczeichnerin Hannah Brinkmann zeigt in Bildern, was auf dramatische Weise auch Teil ihrer eigenen Familiengeschichte ist.

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*