Wer in diesen Tagen das Tollwood-Gelände im Münchner Olympiapark Süd betritt, wird gleich am Eingang auf das diesjährige Leitmotiv eingestimmt. Über dem ersten Aktionsstand hängt ein großes Banner mit der Aufschrift "Die Rückeroberung der Empathie". Es ist weit mehr als ein Slogan. Das Motto des Tollwood-Sommerfestivals 2026 lautet "Mit Gefühl statt nur dabei – die Rückeroberung der Empathie" und zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Festivalgelände. Empathie, so die Botschaft der Veranstalter, soll in einer Zeit gesellschaftlicher Spannungen wieder als Grundlage des Zusammenlebens erfahrbar werden.

Das passt zur Geschichte des Festivals. Als Tollwood Ende der 1980er Jahre gegründet wurde, wollte es Kultur, gesellschaftliche Verantwortung und nachhaltiges Handeln miteinander verbinden. Aus einer vergleichsweise kleinen Veranstaltung entwickelte sich eine feste Größe im Münchner Kulturleben. Heute strömen jeden Sommer Hunderttausende Besucherinnen und Besucher auf das Gelände. Das Besondere dabei: Der Zugang zum Festivalgelände ist kostenlos. Auch der überwiegende Teil des Programms kann ohne Eintritt besucht werden. So entsteht jene offene Atmosphäre, die das Tollwood von vielen anderen Großveranstaltungen unterscheidet.

Schon am Eröffnungsabend war diese Stimmung überall spürbar. Familien flanierten durch die Marktgassen, junge Leute saßen auf den Wiesen, ältere Besucher genossen die laue Sommernacht. Die Hitze des Tages hing noch in der Luft, weshalb die Veranstalter eine ebenso einfache wie beliebte Maßnahme ergriffen hatten: Immer wieder zogen Mitarbeiter mit Wassersprühern über das Gelände und sorgten mit feinem Sprühnebel für willkommene Abkühlung. Überall wurde gelacht, fotografiert und geplaudert. Die Atmosphäre war entspannt, weltoffen und neugierig – genau so, wie viele Münchnerinnen und Münchner ihr Tollwood kennen.

Treiben lassen beim "Markt der Ideen"

Dazu trägt auch der berühmte "Markt der Ideen" bei. Zwischen kunstvoll gefertigtem Schmuck, handwerklichen Produkten, Mode, Wohnaccessoires und nachhaltigen Alltagsgegenständen laden Händlerinnen und Händler aus zahlreichen Ländern zum Entdecken ein. Viele Besucher kommen gar nicht wegen eines bestimmten Programmpunkts, sondern genießen es, sich treiben zu lassen. Ähnliches gilt für das kulinarische Angebot. Von orientalischen Spezialitäten über asiatische Küche bis hin zu mediterranen und südamerikanischen Gerichten reicht die Auswahl. Das Tollwood versteht sich seit Jahren als Vorreiter nachhaltiger Gastronomie und setzt konsequent auf biologische Zutaten. Wer durch die Gassen schlendert, begibt sich auf eine kulinarische Weltreise.

Ein weiteres Symbol prägt das Gelände in diesem Jahr besonders. Vor dem Musikzelt erhebt sich ein überdimensionales Peace-Zeichen. Es wirkt wie ein weithin sichtbares Bekenntnis zu Frieden und Verständigung und fügt sich nahtlos in das Empathie-Motto des Festivals ein. Viele Besucher bleiben davor stehen, machen Erinnerungsfotos oder nutzen den Platz als Treffpunkt. Das monumentale Friedenssymbol ist zugleich Blickfang und Botschaft.

BEAT beim Auftakt des Münchner "Tollwood" am 19. Juni 2026.
BEAT beim Auftakt des Münchner "Tollwood" am 19. Juni 2026.

Progressive Klänge mit BEAT

Musikalisch begann das Festival mit einem Ereignis, das man auf einem Kulturfestival dieser Art nicht unbedingt erwarten würde. Den Auftakt in der Musik-Arena gestaltete die Formation BEAT. Die Band widmet sich den drei Alben "Discipline", "Beat" und "Three of a Perfect Pair", die die zweite Inkarnation von King Crimson zwischen 1981 und 1984 veröffentlichte. Diese Phase der legendären Progressive-Rock-Gruppe gilt unter Kennern als eine der innovativsten der Rockgeschichte. Statt ausufernder Soli und bombastischer Klangwände setzte die Band damals auf komplexe rhythmische Strukturen, ineinandergreifende Gitarrenfiguren und eine geradezu mathematische Präzision.

BEAT bringt diese Musik mit einer Besetzung auf die Bühne, die ihresgleichen sucht. Mit Adrian Belew und Tony Levin stehen zwei Originalmitglieder jener King-Crimson-Besetzung auf der Bühne. Belew beeindruckte dabei nicht nur als Gitarrist, sondern vor allem als Sänger. Seine Stimme besitzt auch Jahrzehnte nach den Originalaufnahmen eine bemerkenswerte Ausdruckskraft. Mal warm und melodisch, dann wieder exzentrisch, verspielt und voller Energie – genau jene Qualitäten, die Songs wie "Frame by Frame", "Neal and Jack and Me", "Waiting Man" oder "Elephant Talk" einst unverwechselbar machten. Die anspruchsvollen Gesangslinien meisterte er scheinbar mühelos und bewies eindrucksvoll, weshalb er zu den prägenden Figuren der King-Crimson-Geschichte zählt.

Basslegende Tony Levin faszinierte das Publikum auf seine ganz eigene Weise. Wie schon zu King-Crimson-Zeiten spielte er große Teile des Konzerts auf dem Chapman Stick, jenem außergewöhnlichen Instrument, das Elemente von Bass, Gitarre und Klavier miteinander verbindet. Besonders auffällig waren die Fingeraufsätze, die Levin verwendet, um die Saiten mit zusätzlicher Präzision und Kraft anzuschlagen. Mit stoischer Ruhe und beeindruckender Souveränität ließ er die komplexen Bassfiguren und Melodielinien durch die Stücke fließen. Sein Spiel war zugleich Fundament und Gegenstimme, Rhythmus- und Melodieinstrument.

Für viele Besucher stand jedoch Steve Vai im Mittelpunkt des Abends. Der Gitarrenvirtuose gilt seit langem als einer der technisch versiertesten Rockgitarristen der Welt. Auf der Tollwood-Bühne demonstrierte er eindrucksvoll, warum ihm dieser Ruf vorauseilt. Die ineinander verschachtelten Gitarrenmuster, die Robert Fripp einst für King Crimson entwickelte, gehören zu den anspruchsvollsten Passagen der Rockmusik überhaupt. Vai spielte sie mit atemberaubender Präzision, scheinbar müheloser Geschwindigkeit und großer musikalischer Eleganz. Seine technische Raffinesse zeigte sich dabei nicht nur in schnellen Läufen und komplizierten Figuren, sondern vor allem in seiner Fähigkeit, selbst hochkomplexe Strukturen transparent und lebendig wirken zu lassen.

Komplettiert wurde die Band von Danny Carey, dem Schlagzeuger von Tool. Seine rhythmische Präzision und sein Gespür für die zahllosen Taktwechsel dieser Musik bildeten das Fundament des gesamten Konzerts. Gemeinsam entwickelte das Quartett einen Sound, der einerseits erstaunlich nah an den Originalen lag und andererseits eine enorme eigene Energie entfaltete.

Das Publikum erlebte einen Streifzug durch die drei Alben der zweiten King-Crimson-Inkarnation. Stücke wie "Neurotica", "Heartbeat", "Industry" oder "Three of a Perfect Pair" entfalteten live jene faszinierende Mischung aus Intellekt und Emotion, die diese Musik bis heute einzigartig macht. Dabei zeigte sich, dass Progressive Rock keineswegs nur etwas für Spezialisten ist. Tausende Menschen hatten sich vor der Bühne versammelt und feierten die Band begeistert.

Eine besondere Überraschung hielt der Abend mit "Red" bereit. Der Titel stammt nicht aus der zweiten King-Crimson-Phase, sondern vom gleichnamigen Album der früheren Besetzung aus dem Jahr 1974. Die kraftvolle, dunkle Komposition wirkte wie eine Brücke zwischen den verschiedenen Epochen der Bandgeschichte und wurde vom Publikum mit besonderem Jubel aufgenommen.

Mit diesem Konzert setzte das Tollwood gleich zu Beginn ein musikalisches Ausrufezeichen. Es zeigte, dass auch anspruchsvolle und ungewöhnliche Musik ein großes Publikum begeistern kann. Gerade in der Verbindung aus Virtuosität, Experimentierfreude und emotionaler Intensität entstand ein Abend, der vielen Besuchern lange in Erinnerung bleiben dürfte.

Abwechslungsreiches Konzertprogramm

Wer das Festival in den kommenden Wochen besucht, darf sich auf weitere Höhepunkte freuen. Zu den prominentesten Namen gehören die Hardrock-Legenden Deep Purple, der Kabarettist Gerhard Polt, Alvaro Soler, Bosse, Brad Paisley, Herbert Pixner sowie zahlreiche weitere nationale und internationale Künstler. Hinzu kommen Theater, Straßenkunst, Diskussionen, Installationen und viele kostenlose Veranstaltungen auf dem gesamten Gelände.

Das Tollwood läuft noch bis zum 19. Juli und präsentiert sich einmal mehr als weit mehr als ein Musikfestival. Es ist ein Ort der Begegnung, des Genusses und der kulturellen Offenheit. Zwischen Marktständen, Bio-Gastronomie, Friedenssymbolen, Wassersprühnebel und außergewöhnlichen Konzerten entsteht jene besondere Atmosphäre, die Jahr für Jahr Menschen aus München und weit darüber hinaus anzieht. Wer einen Sommerabend sucht, an dem sich Weltoffenheit, Kultur und Lebensfreude auf einzigartige Weise verbinden, sollte sich den Weg in den Olympiapark nicht entgehen lassen.

Rückeroberung der Empathie
Gleich am Eingang zum Tollwood: ein Zelt weißt auf das Festivalmotto "Rückeroberung der Empathie" hin.