Es gibt nach Einschätzung des Autors Nicola Bardola noch viele unbekannte Seiten der vor 100 Jahren geborenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973). So habe sie trotz traumatischer Erfahrungen einen großartigen Humor gehabt, sagte der Autor des Buches "Ingeborg Bachmanns München" (2026) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das sei jedoch oft vernachlässigt worden.
Sie haben für Ihr Buch über die Autorin Ingeborg Bachmann in mehreren Archiven viel Material gesichtet. Was waren dabei besondere Funde?
Nicola Bardola: Ich habe zahlreiche Dokumente in den Archiven gefunden, die bislang unveröffentlicht sind und nicht erforscht wurden. Fündig geworden bin ich beispielsweise im Unternehmensarchiv des Bayerischen Rundfunks. Da ist viel Korrespondenz vorhanden, beispielsweise mit Hansjörg Schmitthenner, einem Redakteur des Bayerischen Rundfunks. Der hat bei Bachmann das Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" in Auftrag gegeben und es auch redigiert. Zwei dieser redigierten Manuskriptseiten finden sich in meinem Buch. Das gesamte Konvolut befindet sich im Literaturarchiv Salzburg und wurde bislang noch nicht untersucht.
Ende der 50er-Jahre war Ingeborg Bachmann ja sogar eine Zeit lang beim Bayerischen Rundfunk in München angestellt.
Es gibt auch eine Mitteilung des früheren Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Clemens Münster. Der schrieb: "Für die Stelle des Dramaturgen haben wir Frl. Dr. Bachmann vorgesehen." Das ist wichtig im Zusammenhang mit Bachmann in München, weil das Thema noch stark unterbelichtet ist. Auch dieses interne Papier des Bayerischen Rundfunks vom August 1958 wird im Buch erstmals veröffentlicht.
Zahlreiche Dokumente Bachmanns noch nicht erforscht
Bachmann wird oft mit Qualen und Leiden im Leben wie im Schreiben assoziiert. Haben Ihre Recherchen in verschiedenen Archiven auch einen anderen Blick auf die Autorin zutage gefördert?
Es gibt Passagen in wenig oder gar nicht beachteten Briefwechseln, wo ihr Witz aufblitzt. Das ist eine Seite, die bei Bachmann vernachlässigt wird: ihr großartiger Humor. Ein Ziel meiner Forschung ist es daher, die Ausgelassenheit Bachmanns herauszustellen. Ihre Lust an Späßen und Scherzen war groß und faszinierte ihre Mitmenschen, findet aber wenig Beachtung. Zudem ist es schwieriger, in der Literatur über Humorvolles zu schreiben als über Tragisches. Natürlich sind Traumata bei Bachmann vorhanden. Sie sollten aber nicht ihre starke Neigung zur Heiterkeit vollkommen überschatten.
Am Anfang der Recherche wusste ich nicht, wie viel ich finden würde. Aber was ich dann entdeckte, war enorm. Das, was in meinem Buch veröffentlicht ist, ist nur ein kleiner Teil. Es gibt noch sehr viel mehr zu erzählen, und es gibt zahlreiche Dokumente, vor allem auch Briefwechsel, die noch nicht erforscht sind.
Ingeborg Bachmann
- Geboren: 25. Juni 1926 in Klagenfurt (Österreich)
- Gestorben: 17. Oktober 1973 in Rom
- Bekannteste Werke: Die gestundete Zeit, Anrufung des Großen Bären, Malina, Der gute Gott von Manhattan
- Wichtige Stationen: Preis der Gruppe 47 (1953), Arbeit für den Bayerischen Rundfunk in München, späteres Leben in Rom, Neapel und Zürich
- Prägende Themen: Sprache nach dem Nationalsozialismus, Geschlechterrollen, Freiheit, Trauma und Gewalt
Bachmann gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Zum 100. Geburtstag erscheinen 2026 mehrere neue Biografien und Forschungen zu ihrem Leben und Werk.
Antikriegsgedicht "Alle Tage" bedrückend aktuell
Was ist für Sie das Besondere an der Autorin und ihrem literarischen Schaffen?
Das Erleben, das Denken und die Gefühle miteinander zu verbinden und dem Worte zu geben, war für sie Lebensinhalt. Diese unbedingte Hingabe an die Literatur, Bachmanns radikale Art, an die Grenzen des Sagbaren zu gehen, das macht auch heute noch die Faszination aus. Sowohl in der Prosa, der sie sich in ihren letzten 15 Jahren stark gewidmet hat, als auch zuvor in der Lyrik, mit der sie bekannt wurde. Bereits im Jahr 1953 hatte sie das Anti-Kriegsgedicht "Alle Tage" geschrieben. Was sie da formuliert, besitzt jetzt eine bedrückende Aktualität.
Welche weiteren Themen Bachmanns sind heute noch aktuell?
Sehr aktuell ist ihr Hinterfragen der Geschlechterrollen. Da war sie ihrer Zeit weit voraus. Sie selbst äußert sich literarisch, aber auch beim Kommentieren ihrer Werke sehr deutlich. Einerseits will sie sich nicht als Feministin vereinnahmen lassen. Andererseits vertritt sie durch ihre Erfahrungen feministische Positionen. Was sie da geleistet hat, sowohl sprachlich als auch in ihrer Haltung, bewegt heute immer noch.
"Freiheiten unter äußersten Qualen errungen"
Bachmann hat sich bei aller Verletzlichkeit nicht gängeln oder in die Freiheit ihrer Kunst hineinreden lassen. Ist sie Vorbild für eine selbstbewusste Frauenrolle in der Kunst?
Vorbild ist vielleicht zu konkret. Aber wir sollten uns genau anschauen, was sie geleistet hat. Sie hat ihre Freiheiten unter äußersten Qualen errungen. Die Rückschläge und auch depressiven Phasen waren stark. Bei der vierjährigen Beziehung mit Max Frisch musste sie erkennen, dass sie unter dem Ende mehr leiden musste als er.
Selektiv aus Briefwechseln zitiert
Welche neuen Erkenntnisse haben Ihre Recherchen mit Blick auf die Zeit in München ergeben?
Bislang galt München als ungeliebt, als Notlösung, um Geld zu verdienen. Dieses Bild wurde vor mehreren Jahrzehnten geprägt. Dabei wurde sehr selektiv aus Briefwechseln zitiert. Die nachfolgenden Autorinnen und Autoren, die über Bachmann geschrieben haben, haben dieses Negativbild wiederholt, ohne an die Quellen zu gehen. Was ich gemacht habe, war, diese Korrespondenzen tatsächlich noch einmal anzuschauen. So finden sich in meinem Buch auch euphorische Sätze Bachmanns, die man so noch nicht kennt, beispielsweise über ihre neue Mansardenwohnung in Schwabing in München: "... eine Wohnung wie ein Gebilde, mit Fenstern zum Himmel."
Wieweit sehen Sie zum 100. Geburtstag Leben und Werk von Bachmann erschlossen?
Die Biografien zu ihrem 100. Geburtstag werden nicht die letzten sein. Dazu ist Bachmann zu vielschichtig. "Die Bachmann Biografie" wird es nie geben. Bachmann ist zu facettenreich als Autorin, als Mythos, als Ikone und als Mensch. Zudem gibt es immer noch viel Textmaterial in Archiven, das noch nicht gesichtet wurde.