15. Januar 2021
Kommentar

Shut up! - Trumps Twitter-Aus und die Folgen

Shut up! Twitter hat dem Brandstifter Donald Trump dessen wichtigste Bühne entzogen. Redakteur Markus Springer kommentiert die Entscheidung.
Donald Trump ist auf Twitter gesperrt
In einer idealen Welt gäbe es soziale Medien, die wirklich soziale Medien sind, angetrieben nicht durch erschnüffelte Daten und Werbeeinnahmen, sondern durch einen Gesellschaftsvertrag. Nur so wird sich das Erbe der Aufklärung in der post-analogen Welt dauerhaft bewahren lassen.

"Be there. It will be wild. – Kommt. Es wird wild." Mit diesen Worten hat US-Präsident Donald Trump höchstpersönlich auf Twitter zu der Kundgebung am 6. Januar aufgerufen, die im Sturm auf das Kapitol endete und bei der fünf Menschen starben.

Ein historischer Tweet, der inzwischen auch insofern Geschichte ist, als der Kurznachrichtendienst Twitter am vergangenen Wochenende alle Trump-Konten und -Tweets gelöscht hat.

Fast 89 Millionen Menschen folgten dem US-Präsidenten zuletzt auf Twitter. In den letzten vier Jahren ließ sich wohl bei keinem Staatschef weltweit so minutiös jede Stimmung, Gefühlsregung und Meinungswendung nachspüren wie bei ihm. Trump machte Politik mit Twitter. Wenn er von einer "Hexenjagd" sprach, die auf ihn veranstaltet werde, papageiten das bald Millionen seiner Follower nach – auch außerhalb von Twitter.

Seine republikanische Partei hielt er nicht zuletzt mit Twitter auf Kurs: Kurztexte des Präsidenten konnten Wahlen entscheiden oder Karrieren beenden. Twitter erwies sich für den gekränkten Narzissten Trump nach der verlorenen Wahl als das ideale Instrument der "Großen Lüge" à la Joseph Goebbels: Wird eine Unwahrheit ("gestohlene Wahl!") nur groß genug und immer wieder erzählt, wird sie zur Wirklichkeit: Wirklich ist, was wirkt.

Spaltung des digitalen öffentlichen Raums

Die großen Tech-Konzerne, YouTube, Google, Facebook, Twitter, Instagram & Co. haben etwas geschaffen, was wie ein digitaler öffentlicher Raum wirkt, sich aber in Privatbesitz befindet. Plattformen wie Twitter leben von Werbeeinnahmen, die durch die Erregung (ergo passive oder aktive Teilnahme) der Nutzer generiert werden.

Die politische Macht, die der Akt der Trump-Sperrung hatte, ist allerdings deutlich spürbar, nicht nur für alle Internetnutzer.

Der politische Diskurs ist ohne soziale Medien schon lange nicht mehr denkbar.

Unter thetrumparchive.com kann die Welt die 56 500 Trump-Tweets nachlesen, die dieser seit 2009 abgegeben hat. Die meisten der ersten Nachrichten sammelten weniger als 50 Likes ein. Nur das Statement "Ich werde nie ein Mauerblümchen sein – ich würde eher Mauern bauen, als mich an sie zu klammern" kam über die Jahre auf mehr als 2000 Herzchen. 2009 war der Mann noch Fernsehshow-Master. Ende 2020 kamen einzelne Trump-Tweets dann in kürzester Zeit auf mehr als eine Million Sympathiebekundungen.

Trumps doppeldeutiger letzter Tweet: "An alle, die gefragt haben: Ich werde nicht zur Amtseinsetzung am 20. Januar kommen." Das brachte das Fass zum Überlaufen: Wegen des "Risikos einer weiteren Anstiftung zur Gewalt" warf Twitter Trump von der Plattform.

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Amerikas Konservative, Verteidiger der Privatwirtschaft, die grundsätzlich immer und überall Sozialismus wittern, nun die Meinungsfreiheit bedroht sehen, wo letztlich nur ein Privatunternehmen von seinem Hausrecht Gebrauch macht.

Richtig ist: Einer, der bewusst Nutzungsregeln brach und am Ende zum Aufruhr gegen Amerikas demokratische Institutionen aufrief, wurde von Twitter vor die Tür gesetzt.

Twitter-Meister Trump ist verstummt, und die Trumpisten suchen wütend nach Alternativen. Der quasi unkontrollierte Twitter-Konkurrent Parler schickte sich an, zum Auffangbecken der Rechten zu werden. Parler verzeichnete in kürzester Zeit Millionen Neuanmeldungen, was die Serverkapazitäten überlastete.

Dann nahmen erst der Google ­Playstore, später Apples App-Store das Programm von ihren Plattformen. Und schließlich schaltete auch noch Amazon die Server ab, auf denen die großen Datenbanken des Diensts betrieben wurde. Die großen Plattformen ließen die Muskeln spielen. Parler ist faktisch tot.

Gab.com-Gründer Andrew Torba (29) hat die Erfahrung des "Deplatforming" bereits vor zwei Jahren gemacht. 2016 hatte auch er eine unmoderierte Twitter-Alternative auf die Beine gestellt – durch "Crowdfunding", ganz ohne große Investoren, allein durchs rechte und rechtsextreme Nutzervolk finanziert.

Gab wurde zum Tummelplatz von Extremisten, weißen Rassisten, Neonazis und Antisemiten – unter ihnen der Attentäter Robert Bowers, der Ende Oktober 2018 in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh, Pennsylvania, elf Menschen erschoss. Danach stellten fast alle Tech-Firmen die Zusammenarbeit mit Gab ein.

Graben zwischen "uns" und "denen"

Twitter hat mehr als 300 Millionen monatlich aktive Nutzer, Gab dümpelte bis vor Kurzem bei rund 600.000 und war faktisch irrelevant. Doch nun wittert Torba seine Chance, zum Twitter der Rechten zu werden. In den vergangen zwei Jahren hat er eine eigene unabhängige Infrastruktur aufgebaut, eigene Server, eigener Browser, eine eigene Welt.

Torba, nach eigenem Bekunden ein bibeltreuer Christ, ruft nun auf Twitter zum Ende von Twitter und Facebook auf: "Beten, Facebook und Twitter löschen, dann bei Gab anmelden, in dieser Reihenfolge." Gab.com verzeichnete nach dem Trump-Aus bei Twitter und dem Parler-Ende binnen weniger Stunden Hunderttausende Neuanmeldungen.

Reaktion der Deutschen

Vier von fünf Deutschen halten die Sperrung Trumps für richtig. Zu denen, die die Sache kritisch sehen, gehört Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachweislich keine sehr enge Trump-Freundin.

Die Meinungsfreiheit als elementares Grundrecht könne nur durch den Gesetzgeber, nicht nach der Maßgabe von Unternehmen eingeschränkt werden, so die Kanzlerin. "Es ist richtig, dass der Staat, der Gesetzgeber dazu einen Rahmen setzt", ließ sie durch ihren Sprecher ausrichten.

Angela Merkel hat recht. Doch die innere Spaltung der westlichen Gesellschaften reicht tief. Sie beginnt nun, sich auch technologisch zu manifestieren. Twitter ist zwar nicht zuletzt eine Plattform für Ärger, Hass und härteste Auseinandersetzungen: Aber alle nutzten sie.

Niemand kann daran gelegen sein, dass sich die Welten konkurrierender Wahrheitsbehauptungen nun noch weiter voneinander entfernen, der archaische Graben zwischen "uns" und "denen" noch tiefer wird.

Denn ohne zivile Debatte im öffentlichen Raum stirbt die Demokratie. Das ist es, was auf dem Spiel steht.

 

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