4.12.2019
Adventszeit

Skandälchenvorschläge für den Christkindlesmarkt in den nächsten Jahren

Ideologisch geprägter Unsinn wird gerne übers Internet verbreitet. Das erlebte kürzlich das neue Nürnberger Christkind Benigna Munsi. Sonntagsblatt-Redakteur Timo Lechner hat dazu noch weitere Skandalvorschläge für die Christkindlesmärkte der nächsten Jahre.
Nürnberger Christkindelmarkt

Ein AfD-Mitglied mit einer Gesinnung brauner als Benignas Teint kommentierte ein Foto des neuen, 17-jährigen Christkinds, dessen Vater aus Indien stammt, so: "Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen". Weil’s so ärgerlich wie traurig ist, muss man solchem Netz-Gehetze mit Humor begegnen. Hier ein paar Skandälchenvorschläge für die Christkindlesmärkte der nächsten Jahre:

Szenario 1: Endlich fällt es jemandem aus der Empörungs-Sturmabteilung auf, dass die Figur des Nürnberger Christkinds auf den nationalsozialistischen Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel zurückgeht. Der ließ am 4. Dezember 1933 die Schauspielerin Renate Timm von der Empore der Frauenkirche einen von völkischem Pathos triefenden Prolog über das Treiben auf dem Adolf-Hitler-Platz (heute Hauptmarkt) hinweg verlesen. Forderung daher: Das Christkind ist "voll Nazi" und muss weg! Auch wenn Benigna der personifizierte Tritt in die Magengrube all derjenigen ist, die in den Bewerbungsunterlagen am liebsten noch den Arierpass sehen würden.

Szenario 2: Hyper-Moralisten mit Gendersternchen vor den Augen entzürnt der Umstand, dass ausschließlich Frauen den Rauschgoldengel geben dürfen. Künftig müssten wenigstens auch Männer als Bewerb*x zugelassen werden, idealerweise darf Christkind*x aber vor dem Prolog noch das Tagesgeschlecht wählen.

Szenario 3: Katholische Revisionisten stellen fest, dass das Christkind in der von Ökumene geprägten Stadt nicht passt, weil die engelhafte Figur ausgerechnet auf Martin Luther zurückgeht. Andere Bedenkenträger melden an, dass es dem interreligiösen Dialog in der Stadt wenig dienlich ist.

Szenario 4: Klimabewegte reißen dem Christkind die Perücke vom Kopf. Diese sei ebenso wenig klimaneutral wie der gesamte Markt, der nach Klage der Deutschen Umwelthilfe ohnehin verboten wird.

Das krasseste Szenario zum Schluss: Die Fürther verlangen, dass sie das nächste Christkind stellen dürfen.

Satire aus, zurück zu Benigna, die zu alldem den besten Satz gesagt hat: "Es tut mir leid für die Menschen, die sich nicht auf das fokussieren können, was wirklich wichtig ist." Wichtig ist bei den Festspielen des Weihnachtskommerzes natürlich das Geld, sagen die einen. Wichtig ist aber für die Symbolfigur Christkind, dass es Freude schafft und Hoffnung spendet. Und wer Benigna ohne Christkind-Kostüm gesehen hat, weiß: Sie wird die ganzen Unkenrufer einfach wegstrahlen. Auch ohne Scheinwerferlicht.

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