12.12.2018
Glosse

Warum dieser Advent jetzt schon anders ist

Früher war es ja schon ein bisschen aufrührerisch, auch am Sonntag mit Löcherjeans durch die Stadt zu laufen oder schwarz mit der U-Bahn zu fahren. Heute dagegen ist man Gesetzloser, wenn man seinen acht Jahre alten Diesel lässig vor dem Stuttgarter Porsche-Museum parkt oder heimlich ein Bierfläschchen am Nürnberger Bahnhof köpft. Warum unser Redakteur Timo Lechner dieses Jahr an Weihnachten den Anarcho raushängen lassen will.
Dieselfahrverbot

Der Advent 2018 ist jetzt schon etwas anders. Das beginnt mit unserem Adventskranz zu Hause. Meine Frau hatte diesen jahrelang wie üblich mit Tannenwedeln gebunden. Heuer überraschte sie mich mit einem fantasievollen Geflecht aus Tannenzapfen rund um den Strohkranz-Rohling. Wollte sie damit ein ökologisches Zeichen setzen, weil für unseren Adventskranz keine Fichte ihre Wedel lassen musste?

Eigentlich wäre es ja eher angebracht, im Sinne der Umwelt die Kerzen gar nicht erst anzuzünden. Hartnäckig hält sich dieser Adventstage ein Vergleich in den Medien, der bereits im Mai vom Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie in die Welt gesetzt wurde: Laut Thomas Koch entsteht durch die Dieselfahrzeuge am feinstaubbelasteten Stuttgarter Neckartor eine Konzentration von 40 µg/m³ an Stickoxiden. Dieser Jahresmittelwert darf nicht über 40 steigen. Wo er es tut, drohen Fahrverbote. Koch sagt aber auch: Vier Adventskerzen müssen nur einige Minuten lang brennen, um die gleiche Konzentration in einer Wohnung zu erzielen. Macht Kerzen anzünden also krank?

Allerdings gibt es noch einen zweiten Grund, dem Advent 2018 mit einem unguten Gefühl zu begegnen. Und der steht in meiner Garage: ein Diesel-Kombi, Baujahr 2010, auf dessen Windschutzscheibe eine grüne Plakette klebt, die ihn als Vertreter der Abgasnorm 4 klassifiziert. Jahrelang war das nahezu eine Auszeichnung. Ebenso wie andere Diesel-Fahrer war ich stolz auf meinen umweltfreundlichen Rußpartikelfilter. Und jetzt? Weil ein hannoverscher Abmahnverein seit ein paar Monaten die deutschen Gerichte in Geiselhaft nimmt, darf ich in bestimmte Städte nicht mehr reinfahren. Einfach so.

Verrückte Zeiten sind das! Und die wecken manchmal in mir den nostalgischen Anarcho: Früher war es ja schon ein bisschen aufrührerisch, auch am Sonntag mit Löcherjeans durch die Stadt zu laufen oder schwarz mit der U-Bahn zu fahren. Heute dagegen ist man Gesetzloser, wenn man seinen acht Jahre alten Diesel lässig vor dem Stuttgarter Porsche-Museum parkt oder heimlich ein Bierfläschchen am Nürnberger Bahnhof köpft. Nervenkitzel pur!

Ja, die Zeiten haben sich geändert. Sie haben aber auch ein Gutes: Ich bin gezwungen, in der Adventszeit doch wieder mehr zu Hause zu sein und das Auto in der Garage stehen zu lassen. Dann zünde ich auch wieder öfter die Kerzen am Adventskranz an, egal, wie viel Stickoxide die produzieren. Und wenn der Rebell in mir dann doch wieder hochkommt, mache ich dabei vielleicht ein bisschen das Fenster auf.

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