Wenn Bilder menschlichen Leids zu Requisiten politischer Grabenkämpfe verkommen – oder als Rammbock dienen, um die eigenen Gewissheiten im Israel-Gaza-Krieg zu bestätigen –, ist eine Grenze überschritten. Dann geht es nicht mehr um Wahrheit. Dann geht es nicht mehr um Menschen. Dann geht es nur noch um Deutungsmacht.

Und genau hier stellt sich die Frage: Wann haben wir unser Mitgefühl verloren?

Plötzlich tauchen in dieser Debatte medizinische Fachbegriffe wie Zerebralparese, Mukoviszidose, Muskeldystrophie auf – als Schlagworte, mit denen sich der Blick weg vom Krieg und hin zu Nebenschauplätzen lenken lässt. Auslöser sind Fotos aus Gaza, die kranke Kinder zeigen, deren Körper unter Hunger und Not besonders schnell zerfallen.

Ein Foto, ein Junge – und ein Sturm der Deutungen

Im Zentrum steht Osama al-Raqab, ein Junge mit Mukoviszidose. Ein Bild zeigt ihn abgemagert, mit eingefallenem Gesicht, tief liegenden Augen und hervortretenden Rippen. Es ging um die Welt. Die italienische Zeitung "Il Fatto Quotidiano" veröffentlichte es – ohne zu erwähnen, dass Osama vorerkrankt war und längst zur Behandlung nach Italien ausgeflogen wurde.

Dieses Foto wurde zur Munition in einem erbitterten Kampf um die Glaubwürdigkeit von Kriegsbildern – ein Kampf, der längst nichts mehr mit dem Leid vor Ort zu tun hat. Er ist ein Spiegel dessen, was in dieser Auseinandersetzung schiefläuft: Die Bilder werden seziert, das Elend ignoriert.

Bilder wie das von Osama dürfen selbstverständlich veröffentlicht werden – natürlich nur, wenn ihre Authentizität und ihr Kontext sorgfältig geprüft und transparent gemacht werden. Das ist journalistische Pflicht, unabhängig vom Schauplatz. Wer allerdings pauschal Fälschung unterstellt, um Mitgefühl zu untergraben – und das auf dem Rücken von Kindern –, handelt inhuman.

Propaganda und alte Feindbilder

Die israelische Regierung nutzte den Fall des Fünfjährigen schwerkranken Jungen, um Zweifel zu säen. Das Außenministerium postete die Titelseite der italienischen Zeitung und Osamas Foto in den sozialen Medien und behauptete, es handle sich um eine moderne Form der Ritualmordlegende ("blood libel") – einer antisemitischen Lüge, nach der Juden christliche Kinder töten würden.

Dahinter steckt eine zynische Logik: Wer chronisch krank ist, leide nicht an Unterernährung, sondern allein an seiner Krankheit.

Ja, die Hamas kontrolliert zu einem großen Teil, was aus Gaza herausdringt. Aber es gibt unabhängige, international anerkannte Erhebungssysteme wie die Integrated Food Security Phase Classification (IPC). Ihr Bericht vom Juli 2025 zeigt: 39 Prozent der Bevölkerung Gazas müssen tagelang ohne Nahrung auskommen, über eine halbe Million leben unter Bedingungen, die als "Hungersnot" gelten. UNICEF, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), World Food Programme (WFP) und NGOs wie Oxfam oder Ärzte ohne Grenzen bestätigen die dramatische Lage.

Verhältnismäßigkeit und Menschenwürde im Krieg

"Krieg ist immer schmutzig", sagt Sigurd Rink, ehemaliger Militärbischof der EKD und Experte für Friedensethik. Dennoch bleibe die Frage der Verhältnismäßigkeit zentral. Und im Fall von Gaza sei das Missverhältnis der Mittel kaum noch steigerbar.

Der Krieg werde asymmetrisch geführt: Ein souveräner Staat mit Rechten und Pflichten steht einem staatenlosen Gebiet gegenüber, das von einer Terrororganisation regiert wird. Das erschwere die Anwendung des Prinzips der Verhältnismäßigkeit. Es entbindet aber nicht von der Pflicht dazu.

Maßstab seien letztlich die Menschenrechte, abgeleitet aus der Würde des Menschen – theologisch zugespitzt aus der Gottesebenbildlichkeit. Der Philosoph Immanuel Kant hätte gesagt: Würde ist kein Ist-Zustand, sondern ein Auftrag – "Du sollst die Würde nicht antasten."

Blockade, Hungersnot und theologische Grenzen der Gewalt

In Gaza werden diese Rechte mit Füßen getreten. Zwischen März und Mai blockierte Israel sämtliche Hilfslieferungen. Inzwischen erreichen wieder Hilfsgüter den Gazastreifen, aber bei Weitem nicht genug. Die Folgen: Plünderungen, Wucherpreise, fehlende Medikamente – und eine Hungersnot, die zuerst Kinder, Alte und Kranke trifft.

Rink verweist auf den alttestamentlichen Satz "Auge um Auge, Zahn um Zahn"oft missverstanden als Racheformel. In Wahrheit ist es eine Begrenzung: Reagiere nur so stark, wie du verletzt wurdest. Mehr nicht. Das Ziel ist es, eine Eskalationsspirale zu verhindern und die Reaktion auf das Maß der eigenen Verletzung zu beschränken.

Wer Bilder leidender Kinder zur Munition im Deutungskrieg macht, hat bereits kapituliert – vor der Menschlichkeit und vor der eigenen Verantwortung. Das ist der eigentliche Skandal. Denn der Hunger und das Leid bleiben.