Palliativversorgung
Jörg Cuno ist Internist und Palliativmediziner. Der 49-jährige hat 2008 die Internetplattform "Palliativ-Portal" gegründet und 2018 die Palliativakademie Bamberg. Zudem ist er Herausgeber zweier Magazine, Columba für Erwachsene und Columbina für Kinder. Beide behandeln das Thema Palliativversorgung. Außerdem ist er Chefarzt im Deggendorfer Palliativzentrum.
Jörg Cuno

Herr Cuno, alles, was nicht heilbar ist, bedeutet palliativ. Überspitzt kann man sagen: "Wenn man auf die Palliativstation kommt, ist man eigentlich schon tot"?

Jörg Cuno: Eine klassische Reaktion, wenn der Begriff "palliativ" fällt, ist die Frage: "Ist es denn schon so weit", oder abwehrend: "Soweit ist es doch noch nicht." Palliativstationen sind Orte, in die die Patienten wirklich dann aufgenommen werden, wenn sie aufgrund der Erkrankung nicht mehr zu Hause sein können. Das kann vorübergehend, aber auch dauerhaft sein, wenn sie unter einer erhöhten Symptombelastung leiden.

Symptombelastung heißt: Sie haben starke Schmerzen, haben starke Luftnot, starke Übelkeit, starkes Erbrechen. Die Aufgabe der Palliativstation ist es in diesem Fall, zu lindern, zu entlasten und im besten Fall, wenn der Patienten gut eingestellt ist, ihn wieder nach Hause zu entlassen. Palliativstationen sind somit keine Einbahnstraßen.

Zurzeit gibt es die Debatte wegen Sterbehilfe und assistiertem Suizid.

Cuno: Es ist sehr wichtig, dass es diese Debatte gibt. Ich habe sehr oft erlebt, dass, wenn Patienten, die sagen, dass sie sterben möchten, auf meine Frage, was sein müsste, dass sie nicht sterben wollen, in den allermeisten Fällen antworten: "Ich möchte das nicht mehr, und das nicht mehr haben". Also keinen Schmerz, keine Angst, keine Unruhe, in der Art.

Und wenn man das dann behoben hat, dann ist der Sterbewunsch eigentlich nicht mehr absolut, sondern schon wieder einem Lebenswunsch gewichen. Das heißt, Patienten, die ganz oft sagen: "Ich will sterben", sagen eher: "Ich will so nicht leben"; ist dieses "so" behoben, kommt in sehr vielen Fällen auch der Lebenswille zurück. 

Sie wollten ursprünglich Kardiologe werden, wie kamen Sie zur Palliativmedizin? 

Cuno: Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich nicht nur auf der Intensivstation und in der Notaufnahme ganz viele Menschen reanimiert und deren Leben oftmals dadurch auch gerettet. Irgendwann musste ich aber feststellen, dass nicht jeder, dessen Leben wir wieder zurückgeholt hatten, das auch so gewollt hatte. Und ich spreche jetzt nicht von Suizidpatienten. Irgendwann habe ich gelernt, dass es nicht darum geht, Therapie um meinetwillen zu machen, sondern dass bei allem Tun der Patient mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen sollte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Palliativmedizin kann vieles lösen oder lindern – Schmerz, Angst, Luftnot. Das sind die klassischen Dinge, vor denen die Patienten auch Angst haben. Aber es muss uns auch bewusst sein, dass wir nicht alles kontrollieren können. Nicht jedes Symptom. Sonst gelangen wir zu schnell in den Bereich der Allmachtsfantasien. Es wäre anmaßend zu glauben, allen Schmerz und alles Leid lindern zu können. Es aber nicht zu versuchen wäre noch anmaßender.

Sind Sie ein gläubiger Mensch, und wenn ja, wie spielt der Glaube mit rein in Ihre Arbeit? 

Cuno: Ich glaube, je länger ich in diesem Berufsfeld arbeite, desto gläubiger werde ich. Und es gibt ja diesen schönen Satz: "Tiefer als in Gottes Hand kann man nicht fallen." Ich habe dieses Bild immer wieder in mir. Palliativmedizin wird ja gern als die ummantelnde, die schützende Medizin genannt. Und dann sehe ich Hände, die Schutz geben. Ein Stück weit geben wir den Patienten ja sehr oft auch Halt, indem wir mit ihnen aushalten, ohne aufzuhalten.

Viele Patienten legen sich dann auch vertrauensvoll in unsere Hände. Und ich für mich habe das Gefühl, dass es über mir noch mal Hände gibt – Gott sei Dank. Das ist dann diese Gotteshand, die mich trägt, wie es auch mein Glaube tagtäglich tut. Ohne meinen Glauben würde ich es nicht schaffen. Mein Glaube ist ein Stück weit großer Teil meiner Resilienz.

Finden Sie, dass die Palliativmedizin in Deutschland zu wenig Beachtung findet?

Cuno: Es hat sich einiges getan in den letzten Jahren. Was meines Erachtens immer noch fehlt, ist, dieses Thema anhaltend in die Köpfe, vor allem auch der Mediziner, zu bringen. Die Pflege ist uns viel weiter voraus. Vielleicht auch, weil die Pflege viel intensiver am Patienten dran ist. Als Mediziner wirst du erzogen zu denken, dass Medizin als einzige Aufgabe hat zu heilen. Das ist natürlich eine sehr wichtige und auch ihre hauptsächliche Aufgabe. Dennoch gelingt uns dies trotz bestem therapeutischen Willen nicht immer, und dann liegt es eben nicht am persönlichen Versagen des Arztes, sondern vielleicht daran, dass der Patient keine Ressourcen mehr hat und jedwede weitere Therapie nur eine Verlängerung des Sterbeprozesses bedeuten würde.

Nicht selten ist das Leben eine Stufe stärker als wir. Und da wünschte ich mir dann viel häufiger den Blick auf die Palliativmedizin und ihre lindernden Möglichkeiten. Die Sorge, dass Palliativmedizin "das Licht ausmacht", ist völlig unbegründet. Palliativmedizin ist Lebensmedizin. Das ist mein Credo. Wir betreiben nicht Sterbemedizin. Und deswegen gehören wir viel mehr ins Leben rein.

Woher holen Sie Ihre Energie? Sie sehen trotzdem viel Leid tagtäglich im Beruf.

Cuno: Ich höre oft von meinen Patienten die Aussage: "Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich eher zu Ihnen gekommen." Wenn ich weiß, dass wir ein Stück weit dazu beitragen, dass der Patient eben beschwerdefrei, angstfrei, friedlich entweder sterben darf oder noch mal nach Hause kann in ein Setting, wo er am liebsten sein will, dann ist das für mich befriedend.

Wir können dazu beitragen zu erlauben, was passieren darf, was ohnehin passieren wird. Und damit ist es für mich ein sehr großer Unterschied, zwischen "jemand sterben zu lassen", oder "zuzulassen, dass passieren darf, was passieren wird".

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