1.09.2017
Kirche & Publizistik

Der evangelische Pfarrer Robert Geisendörfer (1910-1976) prägte die evangelische Publizistik in Deutschland. Er setzte sich ein für journalistische Freiheit und Professionalität. Der Medienpionier vertrat die Ansicht, dass die kirchliche Publizistik unabhängig arbeiten muss, um von säkularen Medien ernst genommen zu werden. Was wir von dem Medienpfarrer lernen können.
Robert Geisendörfer im Evangelischen Presseverband für Bayern e.v. (EPV)

Die innovative Kraft von Pfarrer Robert Geisendörfer lebt bis heute fort: Geisendörfer gründete den Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. und war Gründungsdirektor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik. Er setzte sich intensiv mit dem damals noch neuen Medium Fernsehen auseinander und sorgte für feste Sendeplätze für kirchliche Sendungen bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Am 1. September 1976 starb Geisendörfer.

Pfarrer Robert Geisendörfer in Brannenburg

Ein unscheinbarer, engbeschriebener Gemeindebrief aus dem Kriegsjahr 1943 ist der Anfangspunkt eines immensen publizistischen Werkes. Der junge evangelische Gemeindepfarrer Robert Geisendörfer (1910-1976) schreibt seiner Gemeinde im oberbayerischen Brannenburg von der christlichen Hoffnung in einer »Welt mit all ihrem Schrecken«.

Von 1937 bis 1947 betreut Geisendörfer die wenigen Protestanten in dem Diaspora-Gebiet an der bayerisch-österreichischen Grenze. Seine Berufung in das Medienamt kommt für ihn überraschend. Er sei dem damaligen Landesbischof Hans Meiser wohl durch seine Gemeindebriefe aufgefallen, mutmaßt Geisendörfer selbst.

Robert Geisendörfer und seine Ehefrau Ingeborg bei der Hochzeit

Gründung Evangelischer Presseverband für Bayern e.V.

Geisendörfer begann am 1. April 1947 als Geschäftsführer des Evangelischen Presseverbands für Bayern e.V. (EPV). Mit fünf Mitarbeitern arbeitete er in einem Raum einer Villa in der Himmelreichstraße 4 am Englischen Garten. In die provisorischen Räume drang bei starkem Regen die Nässe: »Wir legten Ziegelsteine und Bretter aus, um nicht an unseren Schreibtischen mit den Füßen im Wasser zu sitzen«, notierte Geisendörfer in seinen Erinnerungen. In den ersten Jahren mussten Ehefrau Ingeborg und Tochter Ursula oft bei Versandaktionen helfen. Ehefrau Ingeborg sollte später Karriere machen in der Politik: Sie saß später viele Jahre für die CSU im Bundestag und gehörte als eine der ersten Frauen der Landessynode an.

Mit Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und diplomatischem Geschick baute Geisendörfer die evangelische Publizistik in Deutschland mit auf. Nach vier Jahren erschien die Wochenzeitung »Sonntagsblatt«, es gab die Nachrichtenagentur epd Bayern, Abteilungen für Radiosendungen, Film und Bild sowie einen Buchverlag und eine kleine Druckerei in der Garage des Anwesens.

Robert Geisendörfer bei der Filmarbeit in der Egidienkirche Nürnberg

Link-Tipp

Multimedia-Seite Robert Geisendörfer

Die interaktive Multimedia-Seite zum Leben und Schaffen des Pfarrers und Medienpioniers Robert Geisendörfer.

Am Anfang war das Wort. Im Fall der kirchlichen Publizistik war es das von Robert Geisendörfer (1910-1976). Der bayerische Pfarrer erkannte als einer der ersten, dass christlicher Journalismus Unabhängigkeit braucht, um von säkularen Medien und der Öffentlichkeit ernst genommen zu werden und ein loyal-kritisches Gegenüber zur Kirche sein zu können.

Über den kirchlichen und über den bayerischen Tellerrand hinaus tritt Geisendörfer daher unentwegt für publizistische Freiheit ein. Der Theologe gilt daher als Begründer der kirchlichen Publizistik und legt die Grundsteine für das, was der Evangelische Presseverband für Bayern e.V. (EPV) heute ist: das zentrale evangelische Medienhaus in Bayern.

Als solches setzt der EPV seit jeher Maßstäbe: mit seinen Abteilungen für Funk und Fernsehen (efa/efs), der Nachrichtenagentur epd und der Wochenzeitung Sonntagsblatt, mit dem Claudius Verlag und mit seinen Profis für Internet (Vernetzte Kirche), Crossmedia (cme) und Medienarbeit (ema).

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Evangelische Wochenzeitung für Bayern - Sonntagsblatt

Um 1953 zog der Evangelische Presseverband in die Waltherstraße in ein wieder aufgebautes Verlagsgebäude. Im Presseverband erschienen mehr als 20 verschiedene Zeitschriften und Magazine. Die Agentur epd berichtete aus sechs Bezirksredaktionen.

Flaggschiff bildete das »Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern«.  Die Zeitung florierte und hatte eine Verkaufsauflage von 140.000 Exemplaren. Der Ende 1948 von Geisendörfer gegründete evangelische »Filmbeobachter«, der bundesweit vertrieben wurde, bekam fast eine Monopolstellung und hatte großen Einfluss im Filmgeschäft: Für die Kinobesitzer galt das Prinzip der »Blockbuchung«, was bedeutet, dass sie einen interessanten Streifen als Hauptfilm nur zusammen mit anderen Filmen vorführen durften, die sie jedoch noch nie gesehen hatten. Die nötigen Informationen über diese Begleitfilme lieferte ihnen der »Filmbeobachter«, der Vorläufer der heutigen Fachzeitschrift »epd Film«.

Später fusionierte der Lucas-Cranach-Verlag mit dem Claudius-Verlag. Hohe Umsätze erzielte das evangelische Gesangsbuch (im Claudius-Verlag zu kaufen): Allein 1959 wurden 218.000 Exemplare verkauft.

Umzug des Medienhauses in die Birkerstraße 22

1960 zog der inzwischen auf über 100 Beschäftigte angewachsene Presseverband in einen Neubau in München-Neuhausen. Das Medienhaus in der Birkerstrasse umfasste nun die Redaktionen von Kirchenzeitung, Nachrichtenagentur, Fachpublikationen und eine eigene Druckerei. In München begründete Geisendörfer auch die evangelische Fernseh-Produktionsfirma Eikon. Die Eikon-Serie »Unser Walter« stellte zum ersten Mal im Vorabendprogramm ein behindertes Kind als »Serienhelden« in den Mittelpunkt.

 

Evangelischer Presseverband für Bayern gestern und heute

»Was wir in der Welt notwendiger denn je brauchen sind keine Ketten, die uns aneinander binden, sondern Brücken, auf denen wir frei aufeinander zu gehen können.«

»Die Rundfunkpredigt«, 1. August 1948)
Evangelischer Presseverband für Bayern e.V. (EPV): Lagerräume

Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik (GEP)

Geisendörfers organisatorischen Fähigkeiten und sein Vermögen, Talente an sich zu binden und Strukturen zu schaffen, kamen ihm beim Aufbau des überregionalen Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik zugute. Nach langen Vorarbeiten und mühseligen Gremien-Diskussionen gründete Geisendörfer am 5. Juli 1973 das »Gemeinschaftswerk« der kirchlichen Publizistik in Frankfurt/a.M.. Damit waren alle wesentlichen publizistischen Kräfte innerhalb der EKD zum ersten Mal unter einem Dach vereint. Bezuschusst wird das GEP bis heute von den Landeskirchen sowie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Kirchliche Publizistik muss Fürsprache üben

Bei seinen Bestrebungen, den kirchlichen Journalismus zu profilieren, ging Geisendörfer von seinem theologischen Hintergrund aus. Kirchliche Publizistik habe die Aufgabe, Stellvertreter zu sein für Menschen, die in der Gesellschaft am Rand stehen. Geisendörfers Devise, »kirchliche Publizistik soll etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen« ist bis heute gültig, wie der jetzige EPV-Direktor Roland Gertz erklärt.

 

»Kirchliche Publizistik soll etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen.«

Robert Geisendörfer

Internationale Vernetzung: WACC

Tief beeindruckt hatte Geisendörfer eine Informationsreise 1949 in die USA. Dort lernte der Pfarrer die Möglichkeiten der damals noch jungen Medien Radio und Film für christliche Verkündigung kennen. Später suchte Geisendörfer nicht nur bundesweit nach Gemeinschaft, sondern zielte auf die internationale Vernetzung der kirchlichen Publizistik. Über die »Vereinigung für christliche Publizistik« (WACC) wollte er mit Tonbändern, Zeitschriften und Büchern weltweit über den Protestantismus informieren.

1953 gehörte Geisendörfer zu den Gründungsmitgliedern des »World Committee for Christian Broadcasting« (WCCB) und des »Radio Voice of the Gospel« (RVOG), eines lutherischen Missionssenders in Addis Abeba (Äthiopien), der ab 1959 nach Afrika, Asien und in Teile Lateinamerikas ausstrahlte.

Robert Geisendörfer Medaille

Robert Geisendörfer Preis erinnert an Lebenswerk

1967 übergab Geisendörfer den EPV mit seinen inzwischen rund 100 Mitarbeitenden an seinen Nachfolger Richard Kolb. Am 26. Februar 1976 starb Robert Geisendörfer, der schon lange an Angina Pectoris litt, in Frankfurt nach einer Dienstreise auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung an einem Herzinfarkt. Zu seiner Beerdigung drei Tage später auf dem Friedhof im oberbayerischen Oberaudorf versammelte sich Prominenz aus Kirche und Medien. Auf seiner Grabsäule steht der Spruch aus dem 139. Psalm: »Von allen Seiten umgibst Du mich«.

Mit dem nach ihm benannten Robert-Geisendörfer-Preis zeichnet die Evangelische Kirche seit 1983 alljährlich »herausragende publizistische Leistungen deutscher Hörfunk- und Fernsehsender« aus.

Ausstellung Robert Geisendörfer

Ausstellung Robert Geisendörfer 1910-1976

Die Ausstellung über Robert Geisendörfer informiert über den Lebensweg des evangelischen Pfarrers und Medienpioniers. Insgesamt elf Ausstellungstafeln dokumentieren die wichtigsten Stationen:

  • Stimme leihen für die Sprachlosen - Einführung
  • Lebensdaten
  • Pfarrer in der oberbayerischen Diaspora
  • Erste Anfänge im Himmelreich
  • Impulse aus den USA
  • Konsolidierung und Ausbau
  • Modernes Medienhaus
  • Frühe Filmarbeit
  • Rundfunkprediger und Fernsehbeauftragter
  • Internationale Kontakte
  • Gründungsdirektor des Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik (GEP)

Die Ausstellung ist nach Vereinbarung im Evangelischen Presseverband für Bayern zu sehen. Kontakt: Abteilung CME, Telefon 089/12172-153. Ausstellungskonzeption und Redaktion: Rieke C. Harmsen. Mitarbeit: Achim Schmid, Hans Deyerl. Gestaltung: Christian Topp.

Das PDF-Dokument der Ausstellung kann kostenlos hier heruntergeladen werden.

Robert Geisendörfer PDF Ausstellung
Robert Geisendörfer: Eine Ausstellung im Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. (EPV). Das PDF zum kostenlosen Download.
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