Der Jubel in Deutschland ist riesig: 1966 setzt sich München als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1972 gegen so namhafte Städte wie Madrid oder Montreal durch. Für Deutschland geht es um viel mehr als nur Sport: Man will der Welt zeigen, dass man aus den Gräueltaten der NS-Zeit gelernt hatte, dass man Olympische Spiele auch anders feiern kann, als es Adolf Hitler 1936 in Berlin mit einer NS-Propagandaschau getan hatte.

Erste Wahl war eigentlich Berlin

Die verwegene Idee, Olympia nach Deutschland zu holen, stammt vom damaligen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume. Seine erste Wahl fiel auf Berlin. Aber eine geteilte Stadt inmitten des Kalten Krieges - unmöglich. Also München. Der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) ist zwar von Daumes Vorschlag überrascht:

"Aber dann dachte ich, welche einmalige Chance diese Spiele für ganz Deutschland sein könnten. Wir könnten zeigen, dass wir ein ganz anderes Deutschland sind als das von 1936",

wird er im Buch "Die Spiele des Jahrhunderts" von Roman Deininger und Uwe Ritzer zitiert.

Die "heiteren Spiele"

Schnell ist die Idee von den "heiteren Spielen" geboren. Nichts soll mehr an die Berliner Spiele von 1936 erinnern. Plakate, offizielle Kleidung, Maskottchen Waldi - alles soll weltoffen, modern und pluralistisch erscheinen und erstrahlt in hellblau, hellgrün, dunkelblau, silber, gelb und orange. Auf massive Präsenz von Sicherheitskräften wird verzichtet, trotz des RAF-Terrorismus.

Auch die Architektur soll diesen neuen deutschen Geist widerspiegeln. Olympiapark und Olympiastadion mit luftig-leicht wirkenden Zeltdachkonstruktionen erregen weltweit Aufsehen und wurden im Laufe der Jahre zu einem der Wahrzeichen Münchens.

U-Bahn, Olympiapark, Fußgängerzone im Rekordtempo

Dazu kommen städtebauliche Veränderungen im Rekordtempo: Die Münchner U-Bahn wird ab 1965 gebaut, die erste Strecke 1971 eröffnet. Der Münchner Olympiapark entsteht, der bis heute Touristenmagnet und Erholungsgebiet ist. Die Fußgängerzone wird 1966 beschlossen und im Sommer 1972 eröffnet.

"Olympia gab der Stadt einen enormen Schub in Sachen Kultur, Design und Architektur. Die Stadt hat sehr profitiert",

sagt der Münchner Kulturreferent Anton Biebl. Ohne die Olympischen Spiele sähe München heute anders aus, ist er überzeugt.

Heiterkeit endet jäh

Die ersten zehn Tage verlaufen die Olympischen Spiele in München wie erhofft. Spannende Wettkämpfe, großartige Stimmung: Publikumsliebling Mark Spitz holt im Schwimmen sieben Goldmedaillen, allesamt mit Weltrekord. Ulrike Meyfarth gewinnt für Deutschland mit 16 Jahren überraschend Gold im Hochsprung, ebenfalls mit Weltrekord. Doch dann kommt der 5. September - und mit ihm das jähe Ende der "heiteren Spiele".

Palästinensische Terroristen überfallen die israelische Mannschaft im Olympischen Dorf, töten zwei Menschen und nehmen neun Sportler als Geiseln. Sie verlangen von Israel die Freilassung von 234 palästinensischen Terroristen und von Deutschland die Freilassung der RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof, außerdem freies Geleit und ein aufgetanktes Flugzeug zur Flucht.

Die deutschen Sicherheitsbehörden setzen alles auf eine Karte. Sie transportieren Geiselnehmer und Geiseln zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Der Befreiungsversuch endet in einer Katastrophe: Am Ende sterben alle Geiseln, ein bayerischer Polizist und fünf Terroristen. Die Spiele werden fortgesetzt, obwohl viele für einen Abbruch plädieren.

Schwieriges Erinnern

München steht in diesem Jahr nun vor der schwierigen Aufgabe, an 50 Jahre Olympische Spiele zu erinnern und dabei auch würdig der Opfer des Attentats zu gedenken. Die Olympischen Spiele in München seien für immer verbunden mit dem Attentat, betont Kulturreferent Biebl.

Und trotzdem: Immer noch ist viel von einem Jubiläumsjahr zu lesen und zu hören, auch wenn Anton Biebl betont:

"Wir werden 2022 als Gedenkjahr ansehen."

Auch Charlotte Knobloch, die heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, spricht lieber von einem Gedenkjahr. Sie wirft München vor, sich jahrelang nicht bewegt zu haben, um eine Erinnerungskultur rund um das Attentat aufzubauen. Erst 1995 wird ein Denkmal mit dem Titel "Klagebalken" im Olympiapark errichtet, 2017 dann ein größerer Erinnerungsort.

In Fürstenfeldbruck zumindest gibt es seit 1997 jährliche Gedenkfeiern zum Jahrestag des Attentats. Zum 40. Jahrestag im Jahr 2012 werden sie erstmals im großen Stil mit hochrangigen Politikern aus Israel und Deutschland und Angehörigen der Opfer begangen.

Digitaler Erinnerungsort entsteht

Und nun der 50. Jahrestag: Wieder ist eine große Gedenkfeier im Fliegerhorst Fürstenfeldbruck geplant, dazu soll ein digitaler Erinnerungsort entstehen. Außerdem erinnert die Ausstellung "Zwölf Monate - Zwölf Namen" an die elf israelischen Opfer und den getöteten bayerischen Polizisten: In jedem Monat des Gedenkjahres steht ein Opfer im Mittelpunkt.

Knobloch zeigt sich inzwischen versöhnlich: Alle Seiten bemühten sich außerordentlich mit dem Gedenken zum 50. Jahrestag, sagt sie. Sie glaube, dass die Hinterbliebenen der Opfer mit dem Gedenken zufrieden sein werden.

An die Olympischen Spiele selbst will die Stadt mit einem bunten Programm unter dem Titel "Auf dem Weg in die Zukunft 1972-2022-2072" erinnern. Unter anderem ist vom 1. bis 9. Juli ein Festival des Spiels, des Sports und der Kunst im Olympiapark geplant. Außerdem sollen im August die European Championships Munich als größtes Multi-Sport-Event seit den Spielen 1972 stattfinden. Insgesamt sind nach Angaben der Stadt rund 150 Veranstaltungen registriert.