Jedes Jahr am 30. April verwandelt sich der Harz in eine Kulisse, die zwischen Volksfest und Gruselkabinett pendelt: Plastikbesen, Hexenkostüme aus dem Discounter, Glühwein im April. Auf dem Brocken drängen sich Tausende, die etwas feiern, über das die wenigsten Genaueres wissen: die Walpurgisnacht.

Eine Heilige, die nichts dafür kann

Die Namengeberin des Abends hätte sich das vermutlich verbeten. Walburga – um 710 in England geboren, Tochter eines angelsächsischen Adeligen – kam als junge Frau ins fränkische Reich, leitete das Doppelkloster Heidenheim und starb 779 als respektierte Äbtissin.

Diverse Wunder wurden ihr nachgesagt: Schutz vor Seuchen, Hungersnot und bösen Geistern. Am 1. Mai 870 sprach Papst Hadrian II. sie heilig – und legte damit, vollkommen unbeabsichtigt, den Grundstein für eine Verwechslung, die bis heute anhält.

Denn die Nacht vor ihrem Gedenktag, die sogenannte Vigil des Festes, fiel auf den 30. April. Und dieser Termin war bereits besetzt.

Was vor der Heiligen da war

Über die vorchristlichen Frühlingsbräuche, die sich mit dem Datum verbinden, ist weniger bekannt, als volkstümliche Überlieferung gerne behaupten. Quellen, die ein konkretes germanisches Fest belegen, fehlen weitgehend.

Was sich rekonstruieren lässt: Der Übergang vom April in den Mai markierte in vielen nord- und mitteleuropäischen Kulturen den Beginn des Sommers – mit Feuern, Lärm und Umzügen, die böse Geister vertreiben sollten. Das keltische Beltane, das bis heute in Irland und Schottland gefeiert wird, folgt derselben Logik: Feuer als Symbol der Sonne, der Fruchtbarkeit, des Neubeginns.

Ob auf dem Brocken selbst jemals vorchristliche Rituale stattfanden, ist nicht belegt. Der Berg wurde erst später zur mythischen Adresse.

Johannes Praetorius erfindet den Blocksberg

Den entscheidenden publizistischen Schritt tut 1668 der Schriftsteller Johannes Praetorius mit seiner "Blockes-Berges Verrichtung" – einem Sammelband über Hexengeschichten, in dem der Brocken als zentraler Versammlungsort der Hexen etabliert wird.

Dabei handelt es sich wohlgemerkt nicht um einen Forschungsbefund, sondern eine Zusammenstellung von Gerüchten, Verhörprotokollen und literarischer Phantasie. Praetorius schreibt in einer Zeit, in der die Hexenprozesse Europa heimsuchten – zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert werden Schätzungen zufolge zehntausende Menschen wegen angeblicher Hexerei hingerichtet, fast alle waren Frauen.

Die Vorstellung vom Hexensabbat – Flug auf dem Besen, Tanz mit dem Teufel, erotische Orgien – speist sich dabei möglicherweise auch aus einer pharmakologischen Quelle: Salben aus Tollkirsche, Bilsenkraut, Stechapfel und anderen Nachtschattengewächsen enthielten halluzinogene Alkaloide. Wer sich damit einrieb, konnte intensive Rausch- und Flugträume erleben.

Ob solche Substanzen tatsächlich systematisch verwendet wurden oder ob das eine weitere Zuschreibung ist, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen – die Beschreibungen aus Verhörprotokollen entstanden unter Folterbedingungen.

Goethe macht den Brocken unsterblich

Was Praetorius anlegte, vollendete Goethe. 1777 besteigt er den Brocken persönlich; 1808 erscheint "Faust I" – und mit ihm die berühmteste literarische Walpurgisnacht der deutschen Kulturgeschichte. Mephistopheles lockt den alternden Gelehrten: "Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß."

Der Brocken wird zur kanonischen Adresse des Unheimlichen. Seitdem ist die Verknüpfung von Walpurgis, Hexen und Harz im kollektiven Gedächtnis so fest verankert, dass selbst hartnäckige Faktenchecks daran nichts ändern.

Der Name "Walpurgisnacht" selbst taucht im Deutschen erst im 18. Jahrhundert regelmäßig auf – Adelungs Wörterbuch notiert ihn als Ausdruck des gemeinen Volksglaubens. Goethe popularisiert ihn endgültig. Die Heilige selbst ist da schon längst zur bloßen Kalendernotiz geworden.

Die Kirche schaut zu – oder weg

Die Überformung eines heidnischen Termins durch einen christlichen Gedenktag war kein Zufall, sondern Methode. Die Kirche des frühen Mittelalters legte Heiligenfeste gezielt auf vorchristliche Festtermine.

Im Fall der Walpurgisnacht hatte das unbeabsichtigte Folgen: Die Heilige wurde mit dem Termin assoziiert, nicht mit seinem Inhalt. Walburga schützt gegen böse Geister – und wird zur Namenspatronin der Nacht, in der böse Geister ihr Unwesen treiben sollen. Eine Ironie, die die Theolog:innen des 9. Jahrhunderts kaum vorhergesehen haben dürften.

Thale, Brocken, Tourismusmaschine

Die erste organisierte Walpurgisfeier auf dem Brocken fand 1896 statt – ausschließlich Männer, organisiert von einem Verlagsbuchhändler aus Bad Harzburg. Der Fürst zu Stolberg-Wernigerode ließ das Spektakel 1905 verbieten, weil er "satanische Spektakel" auf seinem Berg nicht duldete.

Heute feiern mehr als 20 Ortschaften im Harz die Nacht; Schierke, Thale und Braunlage sind die Zentren. Der wirtschaftlich-touristische Aspekt ist unübersehbar: Kostümverleih, Fackelwanderungen, Sonderzüge der Brockenbahn.

In der Frauenbewegung der 1970er-Jahre erlebte die Hexenfigur eine politische Aufwertung: Frauen, die als "Hexen" verfolgt worden waren, wurden als Symbolfiguren weiblicher Autonomie wiederentdeckt. Der Slogan "Wir erobern uns die Nacht zurück" verband sich mit Hexenkostümen und Trommeln – eine Umdeutung, die bis heute in feministischen Kontexten weltweit nachwirkt.

Was bleibt

Am Ende steht ein Fest, das aus mindestens vier verschiedenen Schichten zusammengesetzt ist: einem vorchristlichen Frühlingstermin, dessen genaue Gestalt niemand kennt, einer christlichen Heiligen, die damit inhaltlich nichts zu tun hat, einer frühneuzeitlichen Hexenphobie, die reale Opfer forderte und einer romantisch-literarischen Verklärung, die das alles zu pittoresker Folklore rührte. 

Wer am 30. April mit einem Plastikbesen über den Brocken läuft, feiert das alles gleichzeitig – und höchstwahrscheinlich nichts davon bewusst.