28.06.2015
Von Gomaringen nach New York

Auslandspfarrer in Manhattan - Warum ein schwäbischer Theologe US-Bürger wurde

Von einem schwäbischen Dorf in die US-Metropole New York: Der württembergische Theologe Wilfried Wassermann hat als Auslandspfarrer in Manhattan allerlei Verrücktes erlebt - und aus seinen Erfahrungen ein Buch gemacht.
New York City Skyline

Seit April ist Wilfried Wassermann US-amerikanischer Staatsbürger. Als er 2003 aus dem schwäbischen Dorf Gomaringen bei Tübingen als evangelischer Auslandspfarrer nach New York wechselte, hätte er das wohl nicht vorausgesagt. Denn am Anfang fremdelte er heftig mit der Kultur der Nordamerikaner - insbesondere mit ihrer Bürokratie. Gruselige Erfahrungen in Ämtern, Ermutigendes und Überraschendes im Gemeindeleben und allerlei Lustiges aus dem US-Alltag hat er jetzt gemeinsam mit seiner Frau Barbara in einem Buch zusammengefasst.

Der Wechsel vor über zehn Jahren über den Großen Teich hätte schroffer kaum sein können. Zuvor viele Jahre Pfarrer in einem Dorf mit pietistischer Prägung, plötzlich Leiter der deutschsprachigen Gemeinde in einer Millionenmetropole. Und das in völlig anderen Strukturen. Die USA kennen keine Kirchensteuer, jede Gemeinde ist für ihre Finanzierung selbst zuständig. "Fundraising", das Gewinnen von Unterstützern, ist in Nordamerika eine der wichtigsten Aufgaben eines Pastors.

Alteingesessene vs. Durchgangspublikum

Wassermann hatte das Pech, in eine hoffnungslos zerstrittene Gemeinde zu geraten. "Kriegsschauplatz" überschreibt er einen Abschnitt. Im Gefecht befanden sich die Alteingesessenen der St.-Paul's-Gemeinde, die sich jeder Modernisierung verschlossen und nicht einmal ein englisches Lied im Gottesdienst zulassen wollten. "Wenn wir englisch singen wollen, können wir in die Kirche um die Ecke gehen", beharrten die Traditionalisten.

Auf der anderen Seite ein großes Durchgangspublikum: junge Menschen, die für zwei oder drei Jahre am "Big Apple" für ihre Firma arbeiten und an angestaubter christlicher Gemeindepraxis kein Interesse haben. Es ist dann aber laut Wassermann gelungen, die Traditionalisten im Kirchenvorstand zurückzudrängen. Das sollte die folgenden Jahre sehr viel entspannter machen.

Wer meint, in New York im Herzen einer hoch technisierten Gesellschaft gelandet zu sein, sollte sich die Ausführungen des Pfarrers über Kommunikationsprobleme zu Gemüte führen. Nach dem Hurrikan "Sandy" im Jahr 2012 funktionierte im Kirchenbüro das Internet nicht mehr - und es sollte geschlagene elf Monate dauern, bis die Techniker das Problem in den Griff bekamen.

Beim Wechsel des Telefonanschlusses von analog auf digital wurde die Telefonnummer von einer findigen Firma "entführt". Für 106,95 Dollar bot sie eine Rückgabe an. Es begann ein monatelanger Kampf, bis die Gemeinde an ihrer neuen Telefonanlage über ihre alte Nummer wieder erreichbar war.

Die amerikanische Gesellschaft

Noch schlimmer wirkt die Odyssee auf dem Weg zu einem US-Führerschein. Endlose Schlangen auf den Ämtern, endlose Formulare, endlose Nachfragen, ob die Bedingungen x und y auch noch erfüllt sind. "Wer sich jemals über die Bürokratie in Deutschland beschwert hat, sollte in den USA nur einmal auf ein Amt gehen. Danach wird er sich nicht mehr so schnell beschweren", resümiert Wassermann.

Der württembergische Theologe zeichnet ein differenziertes Bild der amerikanischen Gesellschaft. Er rühmt die Hilfsbereitschaft von Passanten, die Offenheit der Menschen, den hohen Stellenwert von Kindern und Familie. Er tadelt das Justizsystem. Dass vier Prozent der Schwarzen in den USA in Haft sitzen und dass Urteile in schwierigen Kriminalfällen fragwürdig ausgewählten Geschworenen fallen, löst bei Wassermann Kopfschütteln aus. Auch für den lockeren Umgang mit Schusswaffen hat er nur wenig Verständnis.

Kein gutes Haar lässt der Pfarrer an der Art und Weise, wie in Hannover das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Auslandsgemeinden betreut. Er nennt das Amt durchgängig nur "die Behörde" und bilanziert, dass man dort die Ordnung mehr liebe als das Wohl der Gemeinden. Bei der Wahl einer Nachfolgerin für ihn gab es 2013 heftige Verwerfungen, weil man in New York und Hannover offenbar unterschiedliche Auffassungen darüber hatte, wer die Oberhoheit in diesem Verfahren besitzt.

Wassermanns Konsequenz: die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen und ein Häuschen in Florida kaufen. Dort verbringt er nun seinen Ruhestand - hat sich aber gleich wieder bereit erklärt, eine kleine deutschsprachige Gemeinde vor Ort pastoral zu unterstützen.

Buch-Tipp

Barbara und Wilfried Wassermann: Einmal New York und (nicht wieder) zurück

188 Seiten

ISBN 978-3-7323-4566-3

9,99 Euro (Paperback), 4,99 Euro (E-Book)

Eigenveröffentlichung 2015

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