Kommentar
Nicht erst seit Corona gibt es große Defizite im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialbereich. Doch durch die Pandemie wird uns dies schonungslos vor die Augen gehalten und zeigt, dass es so nicht weitergehen kann. Gebraucht wird nun ein Neustart mit einer nachhaltigeren Politik.

Deutschland hat ein Update nötig. In der Pandemie wird klar wie nie, dass wir mehr vorausschauende und damit auch nachhaltigere Politik brauchen. Die jetzigen Krisensymptome im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialbereich sind ja nur der Kulminationspunkt einer schon länger dauernden Unwucht in unserem Land. Corona hat die Defizite ungeschminkt offengelegt und gezeigt, dass es so kaum weitergeht.

Dabei ist Deutschland aufgrund seiner Finanzkraft in der aktuellen Notlage noch relativ gut dran. Doch was kommt danach, vor allem, wenn eine Krise auf die andere folgen sollte?

Mehr Wertschätzung der sozialen Sorgeberufe

Damit dann unsere Gesellschaft nicht auseinanderbricht, brauchen wir einen starken Staat, der insbesondere die Schwachen schützt und sich umfassend der öffentlichen Daseinsvorsorge verpflichtet fühlt. Das freilich erfordert in vielen Bereichen neue Prioritäten – von der Vorbereitung auf unterschiedlichste Katastrophenfälle über die Rangordnung von Wirtschaftlichkeit in lebenswichtigen Bereichen bis hin zu mehr Wertschätzung der sozialen Sorgeberufe.

Es kann und darf nicht mehr sein, dass die Ökonomisierung ausgerechnet im Gesundheitswesen weiter fortschreitet und dass es bei uns immer noch keine solidarische Bürgerversicherung für alle gibt. Es darf nicht mehr sein, dass viele Pflegekräfte trotz Bravos und Boni mit Blick auf ihre Gehälter und ihre Arbeitsbelastung immer noch zu wenig wirkliche Anerkennung finden. Es darf nicht mehr sein, dass eine ungerechte Steuerpolitik die soziale Kluft bei uns noch vergrößert und dass sehr Vermögende fürs Allgemeinwohl nicht stärker zur Kasse gebeten werden.

Rund ein Fünftel der Kinder und Senioren sind armutsgefährdet

Und es darf auch nicht mehr sein, dass rund ein Fünftel der Kinder und Senioren armutsgefährdet sind und viele Geringverdiener und Arbeitslose am Rande des Existenzminimums leben. Krisen wie jetzt die Pandemie treffen dann Ärmere besonders hart (siehe auch Entwurf des Armutsberichts der Bundesregierung) und machen sie anfälliger für körperliche und seelische Leiden.

Was deshalb dringend nottut, ist eine Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft. Sozialpolitische Korrekturen fordern zu Recht auch immer wieder Kirche und Diakonie als Anwälte der Schwachen. Sie untermauern das ihrerseits ganz praktisch mit zahlreichen Rat-und-Tat-Angeboten – wie in der Familien oder Arbeitslosenhilfe. Angesichts der Pandemie und der psychosozialen Nachfolgelasten werden sie nicht umhinkommen, ihr spirituell verankertes diakonisches Handeln trotz knapper Kassen weiter zu verstärken. Deshalb sollten sie schon jetzt ihr Augenmerk nicht nur auf das Krisenmanagement der Politik richten, sondern auch auf deren Gestaltungswillen für einen Neustart.

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