22.03.2017
Kommentar

"Barmen" - DNA der Kirche

Ein Dokument des Widerstands gegen den Nationalsozialismus? Die "Barmer Theologische Erklärung" von 1934 soll in die Kirchenverfassung der evangelischen Kirche in Bayern. Kommentar von Helmut Frank
Ein im Mai 1934 erschienener Sonderdruck der »Barmer Zeitung« zur Bekenntnissynode wurde von der Gestapo beschlagnahmt, bereits verteilte Exemplare wurden eingezogen.
Ein im Mai 1934 erschienener Sonderdruck der »Barmer Zeitung« zur Bekenntnissynode wurde von der Gestapo beschlagnahmt, bereits verteilte Exemplare wurden eingezogen.

Das kommt nicht alle Tage vor: Bei der an diesem Sonntag beginnenden Frühjahrssynode in Coburg will die bayerische Landeskirche ihre Kirchenverfassung ändern. Sie soll durch einen Bezug auf die "Barmer Theologische Erklärung" von 1934 ergänzt werden.

Kann ein Papier aus dem Jahr 1934 heute noch von Belang sein? Und wenn ja, wie? Diese Fragen sind immer noch im Fluss, seit im Juni vor zwei Jahren die Kirchenleitung angeregt hat, die Gemeinden, Einrichtungen und theologischen Fakultäten in Bayern sollten sich mit der Erklärung beschäftigen. Dieses Vorhaben ist bestens gelungen. Kirchenvorstände und Dekanatssynoden haben sich engagiert mit der Erklärung und der Zeit des Kirchenkampfes im Dritten Reich auseinandergesetzt, viele haben dazu eine Stellungnahme abgegeben. Dieser basisnahe Prozess war die Sache bereits wert.

Es gibt auch Einwände gegen einen Bezug auf die Barmer Erklärung. Der Münchner Theologe Jörg Lauster sieht in ihr einen Geist der Gehorsamsreligion, der in der Auseinandersetzung mit der faschistischen Ideologie gestählt wurde – und gerade darum aber heute für viele keine anregende Auslegung protestantischer Freiheit für die Gegenwart sein könne. Lauster hat recht, wenn er sagt, dass der NS-Staat mit unseren Verhältnissen nicht in Ansätzen zu vergleichen sei.

Es greift also zu kurz, wenn man mit Bezug auf die Barmer Erklärung zum Widerstand in der Flüchtlingsfrage, der Asylpolitik oder anderen aktuellen Themen aufruft. Dazu sagt die Barmer Erklärung nichts. Es wird diesem mutigen Wort auch nicht gerecht, wenn man sich mit wohlfeilem Gratismut dem widerständigen Geist der Erklärung anschließt, wenn man – egal für welchen guten Zweck – von der moralischen Autorität der damaligen Bekenner profitieren will.

Letztlich war die Barmer Erklärung auch gar kein Dokument des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, sondern mehr ein Akt kirchlicher Selbstbehauptung gegenüber dem totalitären Staat. Sie sprach in erster Linie in die innerprotestantischen Verwirrungen hinein und klärte sie.

Wenn nun in Bayern Barmen Verfassungsrang bekommt, geht es jedoch um mehr als um museales Erinnern, mehr als um eine späte Verneigung vor einem mutigen Kirchenwort. Die bayerische Kirchengeschichte wurde sehr stark durch die Diskussion um die Erklärung geprägt und beeinflusst. Sie gehört deshalb zur Identität der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, gewissermaßen zu ihrer DNA. Sie ist ein wichtiger Teil der bayerischen Kirchengeschichte, auf die bayerische Protestanten auch heute noch stolz sein können, sich aber auch hinterfragen und herausfordern lassen sollten.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Chefredakteur Helmut Frank: hfrank@epv.de

EINE ÜBERSICHT über die Artikel in unserem "Barmen-Special" finden Sie unter www.sonntagsblatt.de/barmer-erklaerung

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