25.04.2019
Soziales

Würzburger Diakonie entwickelt neue Perspektiven für Langzeitarbeitslose

Der Zimmermann Tom P. hat schon viel geleistet. Er hat Spielplätze gebaut und kümmerte sich jahrelang um seine Drillinge. Trotz seiner Erfahrungen ist der 53-Jährige seit viereinhalb Jahren arbeitslos. Was daran liegt, dass er Ende 2014 schwer depressiv wurde.
Tom P. hat durch seine psychische Krise zum Malen gefunden.
Tom P. hat durch seine psychische Krise zum Malen gefunden.

Jetzt versucht er bei der Würzburger Diakonie, neue Perspektiven für sich zu entwickeln. Im Projekt "TCW – Training, Coaching, Weiterbildung" hat er erkannt, dass es ihm schon lange schlecht geht: "Doch ich hab das immer ›weggearbeitet‹." Zwei Klinikaufenthalte liegen hinter ihm. In seinem Beruf als Zimmermann wird er nicht mehr arbeiten können. Überhaupt wird er wahrscheinlich nie mehr acht Stunden täglich schuften können.

"Das schafft fast niemand unserer Klienten", sagt TCW-Psychologin Kerstin Kühnel. Deshalb will sie die Teilnehmer auf Ideen bringen, was sie außer einem Full-Time-Job im gelernten Beruf machen könnten. Für viele ist das bitter. "Wir müssen dann eine Art Trauerbegleiter sein", sagt Udo Hafner von der Diakonie, der für TCW hauptverantwortlich ist.

Entdeckungsreisen

In seinem halben Jahr bei TCW hat Tom P. Ideen erarbeitet. "Ich möchte bald eine Ausbildung zum Genesungsbegleiter beginnen", sagt er. Das sind seelisch Erkrankte, die ihre Krankheit in den Griff bekommen haben und als Betroffene gleichfalls Erkrankten helfen wollen.

30 Langzeitarbeitslose sind aktuell beim zwei Jahre alten TCW. Sie arbeiten entweder in Gruppen, in Einzelcoachings oder werden zu Hause aufgesucht. In der Gruppe lernt Tom P. neun Monate lang Haushaltsführung, Stressprävention und Ernährung. Außerdem lernt er seine Talente kennen. Er hat entdeckt, dass er kreativ ist. Seine Gemälde finden großen Anklang. Für Herbst ist eine Ausstellung geplant.

Nicht jeder Teilnehmer hat eine klare Vorstellung, wie es für ihn weitergehen könnte. "Die Menschen lassen sich bei uns auf eine Entdeckungsreise ein", sagt Katharina Birck, die Hausbesuche macht – weil die Teilnehmer noch nicht in einer Gruppe arbeiten können. Einer war körperlich und seelisch so beeinträchtigt, dass er das Haus kaum verlassen konnte. Ein Jahr lang besuchte Birck ihn wöchentlich. Allmählich bewältigte er seine Krise. Bald kann er in eine Gruppe gehen.

Psychische Belastungen

Bei TCW geht es nicht darum, möglichst viele Menschen in einen Job zu vermitteln, betont Udo Hafner. Von den 78 Teilnehmern, die das Programm 2018 durchliefen, fanden etwa 20 Prozent eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das verwundert nicht, denn die meisten Teilnehmer sind psychisch stark belastet. Wobei viele von der Schwere ihrer Erkrankung nichts wussten, als sie zu TCW kamen.

Kerstin Kühnel denkt an Teilnehmer Thilo G. Der 40-Jährige hat eine solide Ausbildung als Kaufmann. Das Jobcenter forderte ihn immer wieder auf, sich zu bewerben. Doch scheiterten alle Bemühungen. Bei TCW stellte sich heraus, dass Thilo G. in erschreckenden sozialen Umständen lebt. Über die Diakonie erhielt er eine Bleibe vermittelt, er wurde ins ambulant betreute Wohnen des Agnes-Sapper-Hauses aufgenommen und arbeitet heute in einer Werkstatt für psychisch Kranke. Dass G. seine schlimme Situation jahrelang ausgehalten hatte, lag an seiner Biografie. Bereits als Kind war ihm eingebläut worden, dass er nichts wert sei. Das hatte ihm jedes Selbstbewusstsein geraubt. "Solche Menschen empfinden ihre schlimme Situation als ganz normal", erklärt Birck – bis jemand von außen kommt und sie darauf stößt, wie fern der Normalität das ist, was sie erleben und wie sie leben.

TCW soll ausgebaut werden, im Mai ein Projekt für geflüchtete Frauen starten. Für sie sind etablierte Maßnahmen, die das Jobcenter anbietet, nicht gut geeignet, da sie sich schwertun, Kurse zusammen mit Männern zu besuchen. Darauf geht das TCW ein. Gleichzeitig werden die Teilnehmerinnen aber auch darauf vorbereitet, dass es in Deutschland kaum Arbeitsplätze gibt, wo Frauen ganz unter sich sind. Wer arbeiten gehen möchte, muss sich darauf einstellen, dies in einem gemischtgeschlechtlichen Team zu tun.

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