Es ist WM, und Deutschland diskutiert über Fußballer. Nicht über Taktik oder Torchancen. Es geht um Größeres: Felix Nmecha hat gebetet. Öffentlich, und sogar zusammen mit Spielern der gegnerischen Mannschaft.
Man könnte meinen, er habe versucht, die Verfassung außer Kraft zu setzen oder die FIFA durch ein ökumenisches Konzil ersetzen zu wollen. Die einen diagnostizieren ihm einen bedenklichen Hang zur Frömmigkeit, andere feiern das Gebet als Ausdruck gelebter Religionsfreiheit.
Seit Jahren wird uns erklärt, religiöse Symbole müssten eingeordnet, differenziert betrachtet und nicht vorschnell verurteilt werden. Antonio Rüdiger reckt regelmäßig seinen Zeigefinger nach oben: nach Toren, auf Fotos. Die Tauhid-Geste ist ein islamisches Symbol für den Monotheismus, wie es auch radikale Islamisten verwenden.
Aus einem persönlichen Glaubensausdruck wird ein gesellschaftliches Problem
Trotzdem wird betont, das sei ein reines Glaubensbekenntnis und kein politisches Statement. Nun betet Felix Nmecha mit anderen – und plötzlich wird aus einem persönlichen Glaubensausdruck für manche ein gesellschaftliches Problem.
Zudem schweben über der Diskussion auch Social-Media-Likes Nmechas, der mutmaßlich queerfeindliche Beiträge mit dem "Daumen hoch" versehen haben soll. Der moderne Fußballprofi lernt: Nicht nur auf dem Platz wird jede Bewegung beobachtet. Früher analysierte man Fehlpässe, heute auch Bildschirmberührungen.
Bei der WM 2022 standen noch politische Botschaften im Mittelpunkt. Regenbogenbinden, Menschenrechte – das Turnier wirkte zeitweise wie ein Ethikseminarraum mit Fußballbetrieb. Heute sieht man: Fußballer haben offenbar auch Religion. Und sie wagen es sogar, diese sichtbar zu machen.
Seit wann ist ein Gebet nach einem Spiel skandalträchtiger als manche Schwalbe im Strafraum?
Aber: Wer sind wir eigentlich, dass wir die öffentliche Darstellung von Religiosität nach Gefallen in richtige und falsche Formen sortieren? Warum wird das christliche Bekenntnis plötzlich als hochdramatisches Ereignis behandelt? Seit wann ist ein Gebet nach einem Spiel skandalträchtiger als manche Schwalbe im Strafraum?
Vielleicht wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht. Fußballer sind Menschen. Menschen haben Überzeugungen. Manche beten, manche posten politische Botschaften, manche machen Werbespots. Nicht jede gezeigte Form von Religiosität macht eine gesellschaftliche Großlage.
Und vielleicht liegt genau darin die Sehnsucht vieler Fußballfans: nach einer Zeit, in der die wichtigste Botschaft eines Spielers darin bestand, den Ball ins Tor zu schießen. Oder um es mit Franz Beckenbauer zu sagen: "Geht’s raus, habt’s Spaß und spielt’s Fußball."