Durch Widerstände angespornt
Deutschland feiert heuer 1.700 Jahre jüdisches Leben. Eines der bekanntesten jüdischen Gesichter hierzulande ist Charlotte Knobloch (88). Unermüdlich kämpft sie gegen Antisemitismus und für ein Judentum in der Mitte der Gesellschaft.
Charlotte Knobloch
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Gegen alle Widerstände - so lässt sich Charlotte Knoblochs Leben wohl gut beschreiben: Sie überlebte als jüdisches Mädchen die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, blieb trotz Auswanderungsplänen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, bekleidete die höchsten jüdischen Ämter des Landes und verwirklichte ihr "Herzensanliegen", das Jüdische Zentrum im Herzen Münchens. Dass in diesem Jahr das Festjahr "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" gefeiert wird, ist auch ihr zu verdanken. Seit Jahrzehnten kämpft die mittlerweile 88-Jährige gegen Antisemitismus und für ein Judentum in der Mitte der Gesellschaft.

Kindheit und Jugend

Charlotte Knobloch wurde am 29. Oktober 1932 in München als einziges Kind eines jüdischen Anwalts und seiner zum Judentum konvertierten Frau geboren - nur wenige Monate, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Als kleines Kind musste sie den Abtransport ihrer Großmutter ins KZ und die Pogromnacht 1938 in München miterleben und versteckte sich jahrelang vor den Nazis in Franken.

Gern hätte sie Jura studiert, aber wegen ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten habe sie einfach zu viele Lücken in der Schule gehabt, sagte Knobloch vor einem Jahr im Gespräch mit sonntagsblatt.de. Sie sei daher immer auf der Suche gewesen.

Ihre Ämter

All ihre Ämter - etwa als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland oder als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die sie bis heute ist -, seien wohl "der Ersatz für einen Wunsch, dem ich nicht nachkommen konnte", sagt sie. 1951 heiratete sie, mit den drei Kindern waren dann auch die Auswanderungspläne in die USA vom Tisch. In die Öffentlichkeit trat Knobloch erst, als die Kinder groß waren - "dann habe ich mit meinen Tätigkeiten in der jüdischen Gemeinde begonnen".

1985 wurde sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern - genau in dem Jahr, als der Film "Shoa" herauskam und das Leid der Juden während der NS-Zeit plötzlich zum Thema in der Bundesrepublik wurde. "Da hat sich was bewegt - auf der Täter- und auf der Opferseite. Plötzlich ist man aufeinander zugegangen. Ganz langsam, das ging nicht von heute auf morgen", erinnert sich Knobloch an die Wirkung des Films.

Das Jüdische Zentrum in München

Knobloch wurde 1997 dann Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, 2006 für vier Jahre dessen Präsidentin. Dazu kamen Spitzenämter im Jüdischen Weltkongress und im Europäischen Jüdischen Kongress. Ihr Herzensthema ist und bleibt aber der Bau des neuen Jüdischen Zentrums in München. Jahrelang habe sie Widerstände hinnehmen müssen, wollte auch schon alles hinschmeißen.

Aber sie fühlte sich durch den Gegenwind nur noch mehr angespornt: "Ich wollte dieses Projekt durchsetzen." Mit der Eröffnung des Zentrums am Jakobsplatz im Herzen Münchens im Jahr 2006 habe man die "Hinterhofatmosphäre" verlassen und sei im Bewusstsein der Menschen angekommen.

Ihr sei sehr wichtig, "dass ich viel dazu beitragen konnte, dass das Judentum hier wieder eine feste Heimat hat", sagt Knobloch. Kummer bereitet ihr dagegen der wiedererstarkte Antisemitismus - auch im Festjahr "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Nicht nur Corona trübe die Feierstimmung, sagte sie beim Startschuss des Jubiläumsjahres in Bayern Anfang Januar.

Wachsender Antisemitismus

Juden erlebten aktuell ein Land, in dem Antisemitismus auf dem Vormarsch sei. Dabei lebten sie seit 1.700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands und hätten seither seine Geschichte mitgeschrieben. "Die Epoche der Juden in Deutschland ist nicht vorbei", betont Knobloch.

Der wachsende Antisemitismus treibt sie seit Jahren um, mit dem Aufstieg der AfD aber noch einmal mehr. "Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich Antisemitismus in dieser Form noch mal erleben muss", sagte sie nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle 2019. Ein Dorn im Auge sind ihr seit jeher die rechtsextreme NPD, die zu ihrem Bedauern vom Bundesverfassungsgericht trotz zweier Anläufe nie verboten wurde, und die AfD. Sie könne es nicht fassen, dass sich mit der AfD eine Partei etabliert habe, die Holocaust-Vergessen und Antisemitismus in den Vordergrund stelle.

Auch wenn Knobloch eine der letzten Jüdinnen ist, die die NS-Zeit hautnah miterlebt haben - "das Judentum darf sich nicht über den Holocaust definieren", mahnt sie regelmäßig. Wenn jetzt Juden wieder in eine Ecke gestellt und zu Opfern gemacht würden, "tut uns das nicht gut". Für ihre Enkel und Urenkelkinder wünscht sie sich jedenfalls, dass diese "in Freiheit, in Ruhe und Frieden leben können. Und dass sie nicht verantworten müssen, dass sie jüdisch sind".

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