8.08.2020
Judentum in Deutschland

Zentralratspräsident Josef Schuster fordert mehr projüdische Zivilcourage

Seit fast sechs Jahren steht der Würzburger Josef Schuster schon als Präsident an der Spitze des Zentralrates der Juden in Deutschland. Im Gespräch mit dem Sonntagsblatt erläutert er, was ihm seit seinem Amtsantritt gut gelungen ist - und was nicht. Außerdem lobt er die Antisemitismusbeauftragten im Bund und in den Ländern und fordert mehr Zivilcourage ein, gerade auch im Freundeskreis.
Dr. Josef Schuster Präsident Zentralrat der Juden

Herr Schuster, Sie haben zum 1. Juli Ihre Arztpraxis in Würzburg aufgegeben, Sie sind also sozusagen im Ruhestand. Was machen Sie mit dem Mehr an Zeit?

Schuster: Morgens eine Stunde länger schlafen. Ansonsten räume ich jetzt erst einmal mein Arbeitszimmer zu Hause auf, da ist einiges liegengeblieben. Meine Frau findet es gar nicht so schlecht, dass ich abends öfters mal daheim bei ihr bin. Zugleich habe ich jetzt mehr Freiräume für meine Arbeit für den Zentralrat, was ich mir schon seit längerem wünsche.

Wie leid sind Sie es nach inzwischen fast sechs Jahren an der Spitze des Zentralrates, dass Sie vor allem zum Thema Antisemitismus ein gefragter Gesprächspartner sind?

Schuster: Mit dieser thematischen Fokussierung hatte ich schon 2014 vor meiner Wahl gerechnet. Es wäre natürlich schön, wenn Antisemitismus gar kein Thema mehr wäre in Deutschland. Aber so ist die Lage nicht. Dennoch würde ich mich freuen, wenn das jüdische Gemeindeleben auch stärker auf Interesse stoßen würde.

Sie haben 2014 gesagt, Sie wollen das Judentum in Deutschland nicht nur in der Opferrolle repräsentieren. Ist Ihnen das gelungen?

Schuster: Ich denke, dass wir als Zentralrat auch einige andere Akzente setzen konnten, etwa mit unserem jüdisch-muslimischen Dialogprojekt "Schalom Aleikum".

Leider geht es aber auch häufig um Juden als Betroffene von Antisemitismus.

Ich baue auf das Jahr 2021, wenn wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland begehen werden. Dann können wir Aspekte jenseits von Antisemitismus, nämlich das jüdische Leben seit der ersten Erwähnung im Gebiet des heutigen Deutschland im Jahr 321 in Köln, mehr in den Vordergrund stellen.

Der Mord an Walter Lübcke, der Anschlag von Halle, Drohmails vom "NSU 2.0" auch an Sie, Attacken auf Rabbiner in München - wie schaffen Sie es, immer so ruhig zu bleiben bei alledem?

Schuster: Wer mich privat kennt, der weiß, dass ich ein sehr ruhiger und ausgeglichener Mensch bin. Ich sage immer, wenn mir dann doch mal der Kragen platzt, ist es "gar schlecht". Im familiären und auch im beruflichen Umfeld konnte und kann das schon mal passieren. Aber in meiner Funktion und im Amt bringt es ja nichts, wenn man die ruhige und sachliche Ebene verlässt. Hin und wieder sehe ich mich allerdings auch zu klaren Worten veranlasst.

Radikalisiert sich die deutsche, die europäische Gesellschaft seit einiger Zeit - oder bricht das jetzt nur aus dem Untergrund heraus?

Schuster: Ich habe nicht das Gefühl, dass es mehr Rassisten oder Antisemiten gibt als vor beispielsweise zehn Jahren - aber die trauen sich das, was sie denken, plötzlich wieder zu sagen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten der anonymen "Meinungsäußerung" war dafür sicher ein Katalysator. Außerdem hat eine Partei wie die AfD sicher zu dieser Entwicklung beigetragen, wenn deren Vertreter eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik und ähnliches fordern...

Polizeischutz für jüdische Einrichtungen, Personenschützer für jüdische Vertreter wie Sie selbst - das mag Sicherheit schaffen, aber das löst ja das Problem nicht...

Schuster: Der Polizeischutz für den Präsidenten des Zentralrates der Juden ist nichts Neues - aber natürlich wäre es schön, man bräuchte das nicht, aber dieser Utopie erliege ich sicher nicht. Das gleiche gilt für jüdische Einrichtungen. Wir werden das weiterhin brauchen - weil das Problem sich eben nicht so einfach von selbst auflöst.

Sie haben jüngst mehr Zivilcourage eingefordert - etwa, wenn am Stammtisch antisemitische Parolen ertönen. Das klingt gut, aber wie realistisch ist das, dass ein Freund dem anderen ins Wort fällt?

Schuster: Gerade am Stammtisch, im Freundes- und Kollegenkreis kann man sich doch, ohne dass es großen Mutes bedarf, zu Wort melden. Ich verstehe Freundschaft so, dass man sich nicht nur übers Wetter unterhält, sondern eben auch mal kritisch einhakt und beispielsweise sagt: Weißt Du eigentlich, was Du da gerade von Dir gegeben hast?

Generell im Alltag brauchen wir mehr Zivilcourage.

Momentan machen Betroffene von Antisemitismus leider meistens die Erfahrung, dass andere Passanten wegschauen.

Prominente wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann bedienen in ihren Wortmeldungen immer wieder auch antisemitische Klischees. Würden Sie mit beiden gerne mal persönlich sprechen?

Schuster: Eigentlich nicht. Denn bei den beiden Genannten habe ich das Gefühl, dass die in ihrer Meinung so verbohrt gefestigt sind, dass da auch ein Gespräch mit mir vermutlich nicht weiterhilft.

Warum vermengen gerade Menschen in Deutschland womöglich berechtigte Kritik am Staat Israel mit antisemitischen Schmähungen? Haben Sie dafür eine Erklärung für sich gefunden?

Schuster: Eine Kritik an der Politik des Staates Israel ist per se legitim und hat erst einmal nichts mit Antisemitismus zu tun. Es gibt ja auch in Israel selbst viele Kritiker der Regierungspolitik. Wenn aber bei dieser Kritik das Existenzrecht Israels infrage gestellt oder Israel etwa als Apartheidsregime bezeichnet wird, dann muss man sagen: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. In diesen Fällen wird oft Israel gesagt - aber Jude gemeint. Bei Deutschen, so meine Vermutung, steckt hinter solchen Äußerungen häufig ein Wunsch nach Schuldumkehr oder Schuldabwehr.

Eine Entscheidung der israelischen Regierung, die für viel Kritik gesorgt hat, sind die Annexionspläne. Wie bewerten sie diese selbst - und halten Sie die Kritik der deutschen Kirchen dagegen für legitim?

Schuster: Ob diese Kritik angebracht ist, will ich nicht bewerten. Grundsätzlich gilt für mich: Wer hierzulande Entscheidungen der israelischen Regierung kritisiert, der sollte bedenken, dass er das aus 3.500 Kilometer Entfernung tut und nicht die Situation vor Ort erlebt, wo die Menschen von Terrorismus bedroht sind. Außerdem: Die Ankündigung der israelischen Regierung mag vor allem eine Festschreibung des Status quo der jüdischen Siedlungen in der Westbank bedeuten. Ein genauer Plan ist nicht bekannt. Was das für den Friedensprozess bedeutet, ist schwer einzuschätzen.

Wie effektiv sind Ihrer Meinung nach die Beauftragten gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, wie etwa Ludwig Spaenle in Bayern? Haben die nicht vor allem Symbolcharakter?

Schuster: Nein, sowohl etwa Felix Klein auf der Bundesebene als auch Ludwig Spaenle in Bayern haben deutlich mehr als Symbolcharakter. Nehmen Sie beispielsweise Klein: Er hat es in der Vergangenheit immer wieder geschafft, deutlich den Finger in die Wunde zu legen und zu benennen, wo er in unserer Gesellschaft Antisemitismus sieht. Das haben wir jetzt auch in einem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin deutlich gemacht.

Wie zufrieden sind Sie mit Klein? Sie haben ihn zuletzt ja vehement verteidigt - aber die Kritik an ihm, gerade aus dem linken Lager, verstummt einfach nicht...

Schuster: Die Kritik ist zwar fortdauernd, deckt sich aber nicht mit der Einschätzung der Juden in Deutschland zu seiner Arbeit.

Herr Schuster, der Autor Ronen Steinke schreibt in seinem Buch "Terror gegen Juden" jüdische Gemeinden würden alleine gelassen, die Polizei komme, schaue sich alles an und gehe quasi unverrichteter Dinge wieder - ist das auch Ihr Eindruck?

Schuster: Nein, so pauschal würde ich das nicht bestätigen. Dass es vor dem Anschlag an Jom Kippur in Halle deutliche Mängel gab, ist keine Frage - deutlicher konnte man es nicht gezeigt bekommen. In Halle war der Polizei nicht bewusst, dass am Tag der Tat der höchste jüdische Feiertag anstand. So etwas wäre etwa in Bayern undenkbar gewesen. Es ist jedoch so, dass durch den Anschlag die Sensibilität, die vorher nicht überall gleich groß war, noch einmal gestiegen ist.

In Deutschland leben gut 100.000 Menschen jüdischen Glaubens - dass sie von einigen als diffuse Bedrohung erlebt werden, zeigt doch: Antisemitismus ist nichts Rationales, dagegen hilft auch Bildung nicht...

Schuster: Ich finde, man muss alles versuchen, um Antisemitismus zu bekämpfen.

Und ich bin ganz ehrlich: Außer Bildung, Bildung und nochmals Bildung fällt mir sehr wenig ein.

Auch Begegnungen zähle ich übrigens unter Bildung, wenn ich an unser Projekt "Meet a Jew" denke, bei dem Juden vor allem mit jungen Menschen über ihr Judentum sprechen. Ich gehe davon aus, dass kein Mensch als Antisemit auf die Welt kommt. Also muss es in der Entwicklung einen Punkt geben, an dem einige in den Antisemitismus abdriften. Genau hier müssen wir ansetzen.

Woher nehmen Sie eigentlich Ihren unerschütterlichen Optimismus? Ist das Zugangsvoraussetzung für ihr Amt?

Schuster: Die frühere israelische Ministerpräsidentin Golda Meir hat einmal gesagt, dass sich Juden Pessimismus nicht leisten können. Als Präsident des Zentralrats der Juden muss ich die Gesamtsituation in unserem Land im Blick behalten. Und dabei sehe ich auch die positive Seite der Medaille. Sollte sich die Lage allerdings so entwickeln, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr sicher sein würde, würde der Zentralrat in letzter Konsequenz die Jüdinnen und Juden in diesem Land zum Auswandern auffordern.

Auch dazu ist der Zentralrat ja vor 70 Jahren nach den Erfahrungen des Holocaust ursprünglich einmal gegründet worden...

Schuster: Das stimmt. Aber in einer für mich absehbaren Zeit glaube ich nicht, dass das noch einmal unsere Aufgabe sein wird.

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