Kalter Nieselregen kommt vom grauen Himmel, der Wind rüttelt wild an den Plastikplanen. Der Dachstuhl ist noch nicht eingedeckt, auch in den Wänden klaffen noch zahlreiche Lücken. Doch Museumsleiter Herbert May ist trotzdem sichtlich zufrieden. Noch vor wenigen Jahren konnte sich kaum jemand vorstellen, dass das damals marode Häuschen aus dem unterfränkischen Allersheim (Kreis Würzburg) mal im bekannten Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim wieder aufgebaut wird. Mitte 2023 soll die einstige Landsynagoge dann für Besucher zugänglich sein.

Für Außenstehende wirkt das Prozedere bei der ehemaligen Synagoge wie eine scheinbar unendliche Geschichte. Jahrelang wurde darüber diskutiert, wer für eine mögliche Translozierung - so nennt man den Abbau historisch interessanter Häuser und ihren originalgetreuen Wiederaufbau an anderer Stelle im Fachjargon - die Kosten übernimmt. Ende 2014 war es dann so weit: Experten zerlegten das Haus Stück für Stück und Wand für Wand, danach wurde es im Bad Windsheimer Museumsdepot gelagert. Spatenstich für den Wiederaufbau war im April 2020, Richtfest wurde im Dezember 2021 gefeiert.

Gebaut wird nur mit historischen Geräten und Materialien 

Wer sich auf der Baustelle umschaut, dem wird schnell klar: mit dem Bau eines Hauses heutzutage hat das, was hier geschieht, wenig zu tun. Zwar stehen in der ehemaligen Synagoge auch elektrische Baustrahler, Kreissägen & Co. - für den Wiederaufbau und vor allem für die Rekonstruktion von nicht wieder verwendbaren Gebäudeteilen werden aber nur historische Baumaterialien und Bautechniken verwendet. Das bedeutet konkret: In der Regel werden weder Metallnägel noch Schrauben verwendet, moderne Standardbaustoffe wie Bauschaum oder OSB-Platten kommen dort nicht zum Einsatz.

"Das macht die Arbeiten natürlich sehr aufwendig und zeitintensiv", erläutert Saskia Müller, die im Museum als wissenschaftliche Mitarbeiterin den Synagogen-Wiederaufbau mit betreut. Trotzdem sei das "im Prinzip alles Alltagsgeschäft", betont Museumschef May: "Die größte Herausforderung war für uns der ruinöse Zustand des Gebäudes." 1911 wurde die damalige Synagoge verkauft und als Wohnhaus umgebaut. Zuletzt stand das Haus mindestens 30 Jahre leer. Der Anteil an rekonstruierten Elementen, etwa der Fachwerkbalken in den Außenwänden, sei deshalb "sehr hoch", sagt May.

Das alte Gebäude  war eine klassische Landsynagoge 

Spannend für die Museumsmacher ist die - nach Untersuchung der verwendeten Holzbalken - auf 1742/43 datierte Synagoge vor allem, weil sie ein Paradebeispiel für eine fränkische Landsynagoge ist, wie es früher einmal viele gab. Ihr äußeres Erscheinungsbild habe sie kaum von Bauernhäusern unterschieden. Sie beherbergte den Betsaal, die Wohnung des Rabbiners und ein Ritualbad im Keller, eine Mikwe. Allersheim war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine kleine "Hochburg" des fränkischen Landjudentums. Es gab 18 jüdische Haushalte - mehr als ein Viertel der Dorf-Bevölkerung.

In den nächsten Wochen steht der weitere Auf- und Ausbau an: Die Löcher zwischen den tragenden Fachwerkbalken werden geschlossen, mit dem Beil zurecht geschlagene Staken kommen dort hinein, danach folgt ein Strohgeflecht, ehe alles mit Lehm verputzt wird. Im Obergeschoss wird vor allem der Wiederaufbau des früher einmal eingebauten Tonnengewölbes im Betsaal aufwendig. Die einstige Stube im Erdgeschoss soll "ideal-inszeniert", also mit Möbeln aus der damaligen Zeit ausgestattet werden, alle anderen Räume erhalten Museumsinventar wie Schautafeln oder Vitrinen.

Manche Räume sind schwer zu rekonstruieren 

Ganz sicher sein können sich die Museumsmacher beim Wiederaufbau und der Zuordnung einzelner Räume letztlich jedoch nicht. "Unsere Arbeit ist viel Forschung, aber auch ein bisschen spekulieren", sagt der Museumsleiter. So gibt ein kleiner Raum im Obergeschoss neben dem Betsaal weiter Rätsel auf. Kurz gesagt: Drei Experten, vier Meinungen. Es könnte ein Unterrichtsraum, eine Bibliothek, eine Übernachtungsmöglichkeit für Juden auf der Durchreise oder etwas anderes gewesen sein. "Letztlich wissen wir es nicht - und so schreiben wir es dann auch auf die Schautafeln", erläutert May.

Bis zum Frühsommer oder Sommer 2023 soll die alte Synagoge fertiggestellt sein, innen und außen. Und auch im steinernen Keller. Denn dort ist das Ritualbad untergebracht. Das soll zwar künftig nicht begehbar, aber doch einsehbar sein: Durch ein Glasfenster im Fußboden darüber - und durch ein Tor am Kellereingang. Beschrieben wird dann auch die Besonderheit, dass diese Mikwe nur bis 1829 in Betrieb war, ehe sie - wie viele andere ähnlich gebaute Ritualbäder - aus Hygienegründen geschlossen wurde. "Das Wasser stand dort oft über Wochen drin", sagt May, "gesund war das sicher nicht".