6.10.2019
Kultur auf der Krabbeldecke

Theater Regensburg macht Klassikkonzerte für Babys

Da sitzen staunende Kinder auf der Decke und lauschen andächtig einem Trio aus Flöte, Geige und Bratsche. Der Boom der Klassik-Babykonzerte ist ungebrochen. Zum ersten Mal bietet sie das Theater Regensburg an.
Andächtig lauschen die Kleinen der klassischen Musik

Die Ruhe ist ganz erstaunlich: Fast andächtig sitzen ein Dutzend Kinder von null bis gut zwei Jahren auf dem Boden im Konzertsaal. Eine bunte Krabbeldecke in der Mitte und drumherum die Eltern, auch ein Großelternpaar ist mitgekommen. Man würde fröhliches Chaos oder anarchische Zuhörer erwarten, die ungestört reinquatschen und rumtollen. Aber nein, all das passiert nicht. Sondern die Kinder sitzen fasziniert von den Tönen am Boden und lauschen aufmerksam.

"Klassik auf der Krabbeldecke" gibt es seit Jahren an großen Bühnen wie in München, Berlin, und Frankfurt, aber auch an kleineren wie in Augsburg, Ingolstadt oder Fürth. Das Theater Regensburg bietet nun zum ersten Mal zwei Babykonzerte an.

Dramaturgin Kathrin Liebhäuser moderiert das Konzert und stellt die Instrumente als "Familie" vor. So wird die "Kleine Flöte" (Gabriella Damkier) von "Mama Violine" (Dongae Han) und "Oma Bratsche" (Katharina Hippert) durch einen spannenden Tag begleitet. Der Morgen erwacht und "Klein Flöte" steht auf mit Edvard Griegs "Morgenstimmung" aus Peer Gynt.

Kindgerechte Aufbereitung klassischer Klassiker

Die Stücke werden von den drei Musikerinnen jeweils angespielt und sollen einen gefühlvollen Eindruck vom Tag der "Kleinen Flöte" vermitteln. Wie sie nach dem Frühstück einen Spaziergang macht und ihre Erlebnisse mit Mozarts Variationen über das Lied "Ah, vous dirai-je, Maman" erzählt werden. Wie das Kind traurig wird, weil es regnet (Violine und Bratsche zupfen) und der Spielplatz und das Picknick ausfallen müssen. Als es dann zum Trost ein Puppentheaterstück im Kinderzimmer gibt, untermalt von Scott Joplins "Entertainer", ist alle Traurigkeit vergessen. Ein kleines Mädchen dirigiert lustig die Melodie mit.

Unterdessen fängt Hanna, das Kind der Geigerin, zu weinen an, weil es nicht zur Mutter auf die Bühne darf. Erst als eine Begleiterin es ziehen lässt und es sich brav zu den Füßen seiner Mutter platziert, ist nicht nur im Raum eine Bindung zur Klassik aufgebaut, sondern auch die beruhigende Verbindung zur musizierenden Mutter wiederhergestellt.

Ganz unbefangen greifen die Krabbelkinder Stimmungen auf, die die Musik ihnen suggeriert. Die Kleinen wippen mit dem Kopf, deuten auf die Instrumente, und ein Kind tippt sich an den Mund, als wollte es sagen: "Psst!". Eine Mutter schunkelt ihr Kind zu Brahms Wiegenlied, als es im Tag der "Kleinen Flöte" schon Abend wird.

"Es ist für die Kinder und die Eltern eine schöne Gelegenheit, Klassik gemeinsam zu erleben", sagt Laura von Hormuzaki, die seit der Geburt ihres Kindes nicht mehr häufig in Konzertsäle gekommen ist. Als Mutter schätze sie nun auch die musikalische Frühförderung für die Kinder. Zum Konzert hat sie neben Töchterchen Helene auch gleich die Großeltern mitgebracht.

Für alle Generationen ein Gewinn

Von den Klassikkonzerten profitieren offenbar alle: Babys, Eltern, Großeltern und selbst die Musikerinnen. Bei der Auswahl der Stücke konnten sie sich gut in die Kinderseelen einfühlen, weil sie selbst Kinder haben. "Wir haben die Highlights rausgegriffen, die man auch tanzen kann. Es soll ja kein Kammerkonzert sein, bei dem man still sitzen muss", sagt Dramaturgin Kathrin Liebhäuser.

Nach etwa 20 Minuten erklingt als Traumsequenz gespielt die "Annen-Polka" von Johann Strauß Sohn. Bereits nach Offenbachs "Can Can" aus der Opera bouffe "Orpheus in der Unterwelt" hält es die wenigsten Kinder sitzend am Boden. Es wird ausgelassen getanzt und in Bewegung umgesetzt, was an Tönen durch den Raum schwirrt.

"Es ist schön zu sehen, wie spontan und gut die Kinder auf die Klassik reagieren", sagt Flötistin Gabriella Damkier. Gemeinsam haben die Musikerinnen die Stücke für ihre Instrumente umgeschrieben. Sie seien begeistert, dass es Klassik für Krabbelkinder nun auch in Regensburg gibt. Die Idee dazu stammte von Maria-Elena Hackbarth, der Leiterin des Jungen Theaters. Sie hatte die Konzerte für Kleinkinder in Leipzig zum ersten Mal erlebt und nun auch in Regensburg eingeführt.

Für Theater-Sprecherin Clara Fischer komplettiert das Babykonzert die Angebotspalette des Fünf-Sparten-Theaters in Regensburg. Neben Kinderkonzerten wie "Ferdinand der Stier" oder "Peter und der Wolf" für Kinder ab vier Jahren biete man nun auch etwas für die ganz Kleinen. Das Babykonzert im Theater Regensburg sei mittlerweile der Hit. Die zwei geplanten Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Maßgeblich bei den Konzerten soll nicht sein, was die Erwachsenen wünschen, sondern das Urteil der Kinder. Als die zweijährige Helene merkt, dass das Konzert nun zu Ende ist, entfährt ihr ein "Noch mal!". Schöner lässt sich ein "Da capo!" aus Kindermund nicht sagen.

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