3.02.2019
Von einem, der wie Gott sein will

Theater Regensburg inszeniert Kultklassiker "Frankenstein"

Wer bin ich? Was bin ich? Freiheit und Verantwortung, englische Schauerromantik und künstliche Intelligenz: Regisseur Sam Brown stellt am Theater Regensburg eine spannende "Frankenstein"-Inszenierung vor - mit verblüffender Wendung am Ende.
Monster Wald Angst Verfolgung

Victor Frankenstein setzt die Bohrmaschine an, es dröhnt und hämmert. Erst schweißt er einen Arm an, dann hantiert er am Kopf seines Geschöpfs, klebt dem Wesen eine Perücke an: Der Wissenschaftler entwirft seine zweite Kreatur, welche die erste ihm abgepresst hat. "Schaff mir eine Frau", hat das Wesen gefordert. "Eine Frau, damit ich nicht alleine bin." Frankenstein lässt sich erweichen, nicht aus Mitleid, sondern von wissenschaftlichem Ehrgeiz getrieben, weil er eine Kreatur schaffen will, perfekter als die erste, "eine Göttin".

Vor über 200 Jahren schrieb Mary Shelley ihren Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" und schuf damit einen Mythos, dessen Faszination bis heute gültige Fragen nach dem Kern des Menschseins, der Verantwortung für die Schöpfung und die Grenzen der Wissenschaft stellt. Nachrichten aus China über ein genetisch modifiziertes Zwillingspaar entfachen erneut die Diskussion darüber, wie weit der Mensch in der Forschung gehen darf.

Das britische Regieteam um Sam Brown am Theater Regensburg erzählt die Frankenstein-Geschichte neu und zeitggemäß

Die Geschichte spielt im Jahr 2029, die Menschheit kann keine Kinder mehr bekommen, die Reproduktion ist ausgeschlossen. Anfangs will Frankenstein noch die Welt retten, er forscht, um neues Leben zu kreieren. Sam Brown gibt seiner Figur "einen moralischen Imperativ" mit, wie er sagt. Aber dann realisiert sich, dass Victor Frankenstein mehr und mehr ein Getriebener seiner Fantasien ist. In einer Traumszene stellt er sich vor, wie er den Nobelpreis gewinnt aufgrund seiner erstaunlichen Leistungen. Aus seinem anfänglichen Bestreben, die Welt zu retten, ist menschliche Hybris geworden. Warum er nicht auch Gott sein könne, fragt Victor. "Der Atem Gottes weht durch mich hindurch."

Die Bühnenfassung von Nick Dear hat die Geschichte gerafft, konzentriert sich auf die Entwicklung der Kreatur und auf das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf. Das Wesen ist kein tumber Riese, sondern hinter ihm verbirgt sich jener "moderne Prometheus", den Mary Shelley 1816 erdachte.

Das Monstrum lernt unter Anleitung des blinden, verarmten Gelehrten de Lacy erst sprechen, dann lesen und räsonieren.

Doch es lernt von den Menschen auch Rache zu nehmen, nachdem es zurückgewiesen wurde und erkannt hat, dass es nichts weiter als das Versuchskaninchen in einem Labor ist.

Allein Victors kleiner Bruder William fragt nach den Konsequenzen dieses Experiments. Das Kind erscheint Frankenstein als Geist, nachdem das Wesen es getötet hatte: "Du bist ihr König. Werden sie das tun, was du ihnen sagst, oder werden sie böse sein?" Es sei "eine Manifestation des Unterbewusstseins. Es steckt noch ein Rest Menschlichkeit in Victor", sagt Dramaturgin Saskia Zinsser-Krys. Je mehr sich Victor aber in den Gedanken seines Experiments verliert, desto mehr isoliert er sich, brechen seine soziale Beziehungen weg. Zunehmend entzieht er sich der Verantwortung. Das Wesen dagegen agiert menschlich, weiß besser, was Liebe ist, als Frankenstein selbst.

Sam Brown und sein Regieteam inszenieren das Stück bildgewaltig und emotional

Im Mondschein stellt Frankenstein sein neues Geschöpf her, Arme und Beine holt er aus blauen Containerfässern mit der Aufschrift "Frankenstein Biotechnik". Letztlich endet das faustische Streben nach Erkenntnis in der Frage: Wer ist der Mensch, und wer ist das Monster? Die Inszenierung entwickelt eine These, die deutlich macht: Die Rollen sind austauschbar. Dramaturgisch gelöst mit einem findigen Kunstgriff: Jeden Abend losen die Schauspieler Jonas Hackmann und Philipp Quest, die beide Rollen einstudiert haben, auf der Bühne und live vor Publikum aus, wer Frankenstein und wer das Wesen spielt.

"Es sind zwei Seiten derselben Medaille", sagt Regisseur Sam Brown. Das Stück erzähle nicht von einem Forscher und seiner Kreatur, sondern "ausschließlich vom Wissenschaftler selbst". Inwiefern es ein- und dieselben sind, macht das theatralische Konzept aus, das am Ende noch eine verblüffende Wendung erfährt.

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