Es gibt Bücher, die man liest, weil man einen Fall kennt. Und dann gibt es Bücher, die einen zwingen zu verstehen, dass man ihn eigentlich nie wirklich gekannt hat. Gisèle Pelicots "Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln" ist genau so ein Buch.
Die meisten Menschen kennen ihren Namen aus den Schlagzeilen: die Frau, die jahrelang von ihrem eigenen Ehemann betäubt, fremden Männern ausgeliefert und systematisch missbraucht wurde. Die Frau, deren Fall weltweit Entsetzen ausgelöst hat. Die Frau, die zum Symbol geworden ist. Doch genau gegen diese Reduktion schreibt sie an.
Denn Gisèle Pelicot will nicht nur "das Opfer" sein:
"Aber ich erkannte mein Leben nicht wieder, wenn andere es zusammenfassten. Ich war glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer."
Und genau deshalb ist dieses Buch so wichtig. Es ist keine True-Crime-Erzählung und kein sensationsgetriebener Blick auf ein Verbrechen, sondern die Rückeroberung einer Lebensgeschichte.
Dominique Pelicot: Monströser als jede Schlagzeile
Eine der stärksten Erkenntnisse beim Lesen ist, wie viel größer das Monster Dominique Pelicot tatsächlich ist, als es selbst die Berichterstattung erahnen ließ.
Natürlich wusste man bereits: Er war der Mann, der seine Frau jahrelang betäubte, sie fremden Männern zur Vergewaltigung überließ, alles filmte, zusah, organisierte und ihr anschließend scheinheilig half, wenn sie unter ihren körperlichen Zusammenbrüchen litt. Er sah zu, wie sie litt, während er genau wusste, dass er selbst der Grund war. Aber das Buch zeigt noch viel mehr.
Es zeigt einen Mann, dessen Gewalt nicht plötzlich begann. Bereits in den 1990er Jahren vergewaltigte er eine andere Frau. Es gibt weitere Verdachtsmomente, sogar ein Mordverdacht steht im Raum. Es gibt Hinweise auf sexualisierte Gewalt gegenüber seiner Tochter, seiner Schwiegertochter, möglicherweise sogar seinen Enkeln. Fotos im Schlaf, Nacktbilder, Aussagen aus dem familiären Umfeld. Nichts davon wirkt wie ein Einzelfall, sondern wie ein System.
Und dieses System war nicht nur sexualisierte Gewalt. Es war Macht. Dominique Pelicot war kein Mann, der "einen Fehler" gemacht hat. Er war ein Mann mit einem tief verankerten Frauenbild, geprägt von Besitzdenken, Kontrolle und Verachtung.
Schon früh bezeichnete er seine Frau als "gewöhnlich" und "prüde". Dabei war Gisèle diejenige, die Karriere machte, die die Familie finanzierte, die das Leben trug. Sie war modern, unabhängig, fast selbstverständlich feministisch – ohne dieses Wort vielleicht bewusst für sich zu wählen. Währenddessen hangelte er sich von Job zu Job, ließ sich von ihr tragen, nutzte ihr Geld, verspielt es, stilisierte sich selbst zum Opfer und behandelte sie dennoch schlecht.
Er war das klassische patriarchale Familienoberhaupt ohne die Rolle tatsächlich zu erfüllen. Selbst in kleinen Momenten zeigt sich seine Kälte.
Nach sieben Monaten im Gefängnis sah sie ihn erstmals wieder. Sie erzählte ihm, dass ihr Sohn Vater geworden war.
"Ich erzählte ihm, dass Florian und Aurore einen kleinen Jungen bekommen und ihn Charlie genannt hatten. Komischer Name, bemerkte er."
Nicht: Wie geht es ihnen? Ist das Baby gesund? Wie geht es dir? Sondern: "Komischer Name." Es ist eine Kleinigkeit, und gleichzeitig sagt sie alles.
Genau wie einer Situation an die sich Gisèle Pelicot noch heute erinnert: Sie erwarteten ihr zweites Kind und Dominique sagte zu ihr: "Eine schwangere Frau ist für einen Mann nicht besonders attraktiv." Während ihr Körper also das bemerkenswerteste, das es nur geben mag, leistete, dachte er nur über männliches Verlangen und seine Bedürfnisse nach und ihren Körper, der während ein Kind in ihr heranwuchs nicht mehr seinen Erwartungen entsprach. Das sagt sehr viel über sein Frauenbild im Allgemeinen aus.
Auch im Gerichtssaal blieb diese Macht spürbar. Er wirkte wie ein Anführer unter den Angeklagten, strahlte Autorität aus, dominierte selbst dort noch den Raum. Und als er über die Videoaufnahmen seiner Taten sprach, sagte er, er wolle sie erst nach einer Therapie ansehen – weil er Angst habe, dass ihn das Gesehene erneut erregen könnte.
Allein dieser Satz zeigt eine Abgründigkeit, die weit über das hinausgeht, was man mit dem Wort "Monster" überhaupt noch beschreiben kann.
Warum Gisèle ihn nicht einfach aus ihrem Leben streicht
Ein Vorwurf, der Gisèle Pelicot immer wieder gemacht wurde sogar von ihrer eigenen Tochter, von Medien, Richterinnen oder Anwält:innen der Angeklagten, ist, dass sie Dominique zu sehr in Schutz nehme.
Weil sie nicht nur Hass formuliert, weil sie nicht behauptet, alles sei nur schlecht gewesen. Aber genau darin liegt vielleicht eine ihrer wichtigsten Aussagen.
"Man lebt nur einmal. Wenn ich alles löschte, wäre ich tot, und das schon seit Langem."
Fünfzig Jahre hat sie mit diesem Mann verbracht. Wenn sie all das auslöschen würde, bliebe von ihrem Leben kaum noch etwas übrig. Und das bedeutet nicht, dass sie seine Taten entschuldigt. Im Gegenteil:
"Ich wollte weder die Taten verleugnen noch beschönigen, ich wollte einfach nur, dass man mir noch ein wenig Zeit gewährte und mir mit Feingefühl und Rücksicht begegnete."
Sie verteidigt nicht den Täter, sie verteidigt ihre eigene Geschichte. Sie hatte schöne Erinnerungen. Eine Liebe, die für sie echt war. Eine gemeinsame Jugend. Eine gemeinsame Flucht aus schwierigen Elternhäusern. Beide kamen aus verletzten Familien, beide suchten Rettung ineinander. Auch deshalb ist das nicht einfach ausradierbar.
"Diese beiden hatte es ja wirklich gegeben, und ich trug sie noch in meinem Herzen, jung, verletzlich, voller Hoffnung, ich wollte sie immer noch beschützen."
Das macht Dominique nicht weniger schuldig. Es macht nur sichtbar, wie kompliziert menschliche Biografien sind.
Gisèle Pelicot ist kein Symbol – sie ist ein Mensch
Vielleicht ist das Wichtigste an diesem Buch, dass Gisèle sich weigert, auf eine Rolle reduziert zu werden.
Nicht auf die Ikone, das Opfer, die "würdevolle Frau".
"Bald wurde ich nur noch als die Ärmste tituliert, als das Opfer, das ich niemals sein wollte."
"Ich sei würdevoll, hieß es in den Medien. Ein Adjektiv, mit dem ich in Dauerschleife beschrieben wurde. Ich weiß nicht, ob es das passende ist."
Sie war nicht immer stark und nicht immer erhobenen Hauptes. Sie war wütend, verletzt, erschüttert, traurig, fühlte sich machtlos, einsam.
Und genau das macht sie so beeindruckend. Sie ist kein Sinnbild für irgendwas, sondern ein echter Mensch. Ein Mensch, der trotzdem weiterlebt, Der sich neu verliebt.
"An diesem Abend […] brachte mich Jean-Loup nach Hause. Zum Abschied küsste er mich auf den Mund. Ich war glücklich. Ich wollte wieder jemanden lieben. Ich hatte keine Angst."
"Dennoch hat die Liebe mich nie verlassen. Sie ist nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen. Das war einst meine größte Schwäche, heute ist es meine Stärke. Letztendlich mein Sieg."
Eine feministische Wahrheit ohne Pathos
Gisèle Pelicot beschreibt selbst, dass sie sich früher nicht als Feministin verstanden hat. Sie bewunderte Frauen, die kämpften, aber fühlte sich nicht direkt angesprochen. Und doch zeigt ihr ganzes Leben etwas anderes.
Sie arbeitete, finanzierte ihre Familie, trug Verantwortung und ließ sich gleichzeitig vieles gefallen, was Frauen ihrer Generation oft als normal beigebracht wurde.
"Mir war damals nicht klar, wie wichtig Freundschaften sind. Das habe ich wahrscheinlich mit vielen Frauen meiner Generation gemein. Unser ganzes Leben war auf einen Mann ausgerichtet."
Das ist keine Schwäche. Es ist ein Spiegel gesellschaftlicher Prägung.
Deshalb ist ihr späterer Satz im Gericht umso kraftvoller:
"Jeden Tag erhalte ich Dank für meinen Mut, und dem möchte ich entgegnen: Das ist kein Mut, sondern Entschlossenheit und der Wille, diese patriarchale, machistische Gesellschaft zum Besseren zu verändern."
Das ist kein pathetischer Feminismus, sondern gelebte Realität. Sie hatte sich mutig dazu entschlossen, sich den Tätern zu stellen und das vor aller Welt. Sie entschied sich selbst dazu, den Prozess nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen und damit dazu, dass jeder ihr Gesicht kennt, als die Frau, der solch schreckliche Taten angetan wurden.
"Wenn ich jetzt an den Moment meiner Entscheidung zurückdenke, überlege ich, ob ich mich das getraut hätte, wenn ich zwanzig Jahre jünger gewesen wäre. Ich hätte die Blicke gescheut, diese verdammten Blicke, die eine Frau meiner Generation immer zu bedenken hatte, diese verdammten Blicke, die sie morgens zwischen Rock und Hose schwanken lassen, diese Blicke, die sie verfolgen oder übergehen, ihr schmeicheln oder peinlich sind, diese verdammten Blicke, die ihr vorgeben, wer sie zu sein hat, was sie wert ist, und sie schließlich ausblenden, sobald sie zu alt ist. Genau diese Saite hatte Dominique angeschlagen, als er meinte, ich solle mich doch freuen, dass mein Mann mich noch begehrt, wenn er mich in Unterwäsche fotografierte. Ich war dafür sicher ein wenig empfänglich gewesen. So albern das anmutet, waren wir nun mal so gestrickt, bei aller Freiheit und Selbstständigkeit hatten wir Frauen immer noch Angst, sitzen gelassen, oder den Wunsch, gerettet zu werden. Darum wurden wir die Scham mit siebzig womöglich leichter los, da man uns ohnehin keine Beachtung mehr schenkte. Wer weiß. Meine Falten, mein Körper machten mir allerdings keine Angst."
Obwohl der Satz "Die Scham muss die Seite wechseln" der wohl bekannteste 2024 war, hat sich seitdem immer noch zu wenig geändert. Noch immer schützt unsere Gesellschaft Täter oft mehr als Betroffene. Noch immer wird diskutiert, ob "Nein" reicht, statt endlich konsequent bei "Nur Ja ist Ja" bei Sexualdelikten anzusetzen. Noch immer zweifeln Frauen zuerst an sich selbst, wenn sie sich nach einem Abend nicht erinnern können statt daran zu denken, dass ihnen jemand etwas angetan haben könnte.
Darüber schreibt sie eindringlich:
"Vor allem bin ich froh, dass eine Frau, die sich beim Aufwachen nicht an den Vorabend erinnern kann, fortan an mich denken wird oder besser an das was mir widerfahren ist (…) Ich möchte nicht als Opfer gesehen werden."
Diese Aufmerksamkeit ist vielleicht ihr größter gesellschaftlicher Beitrag. Warum dieses Buch gelesen werden muss? Weil kein Artikel die Komplexität von fünfzig Jahren Ehe und 70 Jahre leben erklären kann.
Eine Hymne an das Leben ist genau das: keine Geschichte über Zerstörung, sondern über Überleben. Über Würde. Über Wut. Über Liebe. Über das Recht, mehr zu sein als das Schlimmste, das einem passiert ist.
Gisèle Pelicot ist eine unfassbar eindrucksvolle Frau. Nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil sie aufrichtig, liebenswert und klug ist. Und weil sie uns zwingt, endlich dorthin zu schauen, wo die Scham wirklich hingehört. Nicht zu den Frauen. Zu den Tätern.