Der Krieg gegen Iran treibt Öl- und Gaspreise in die Höhe, die Energiewende ist aus der politischen Mode gekommen, und in den Talkshows streitet man über Reaktoren, die frühestens in zwei Jahrzehnten gebaut werden könnten.

Währenddessen wächst in Bayern still eine Bewegung, die auf keine Regierung wartet: Energiegenossenschaften, in denen Bürgerinnen und Bürger gemeinsam Solaranlagen, Fernwärmenetze und Ladeinfrastruktur betreiben — und dabei auch noch Geld verdienen. Die größte davon in Bayern ist die Energiegenossenschaft Inn-Salzach (EGIS) mit Sitz in Neuötting und 3.373 Mitgliedern.

Zuletzt hat die EGIS einen prominenten Neuzugang vermeldet: Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch — bekannt aus "Terra X" und "Leschs Kosmos" — ist seit März Mitglied. Lesch ist nicht dafür bekannt, seinen Namen für beliebige Zwecke herzugeben. "Wir wissen längst, was zu tun ist", wird er in einer Pressemitteilung zitiert:

"Die Energiewende muss jetzt umgesetzt werden."

Und der Weg dorthin führe eben nicht nur durch Ministerien: Durch Genossenschaften wie die EGIS könnten Menschen "die Energiewende vor Ort selbst in die Hand nehmen". 

Geschäftsführer Pascal Lang über Unabhängigkeit, Akzeptanz — und warum selbst Menschen aus dem rechten Spektrum mitmachen.

Der anhaltende Irankrieg treibt Benzin- und Heizölpreise hoch: Sind Energiegenossenschaften derzeit fein raus?

Pascal Lang: Aktuell haben alle Menschen die gleichen Sorgen: Durch den Irankrieg steigen die Ölpreise, das verteuert nicht nur Energie, sondern zum Beispiel auch Lebensmittel. Allerdings ist schon im Vorteil, wer sein Haus über eine PV-Anlage mit Strom und Wärme versorgt und zugleich sein E-Auto darüber lädt. Und auch die Mitglieder unserer Genossenschaft, die Fernwärme aus unseren Anlagen beziehen, müssen gerade nicht überlegen, wann sie am besten ihren Heizöltank vollmachen und ob sie dafür 1.000 Euro mehr bezahlen als sonst.

"Für unsere Mitglieder ist die Anlage zugleich ihr Sparschwein"

In Deutschland ist die Energiewende politisch derzeit out. Wie gewinnen Sie trotzdem Menschen für Ihre Projekte?

Wer bei uns Mitglied ist, reduziert seinen CO2-Fußabdruck, leistet einen Beitrag zu einer lebenswerten Welt und weiß, was mit seinem Geld passiert. Wir bauen technische Anlagen, die kann man schön finden oder nicht. Aber für unsere Mitglieder ist die Anlage zugleich ihr Sparschwein. Das ist anders, als wenn irgendein Investor daran verdient. Ohne Partizipation gibt es gegen Baupläne von Windkraft oder Solarparks oft Bürgerbegehren und die Projekte werden nicht umgesetzt. Mit unserem Modell der Beteiligung ist die Akzeptanz in der Bevölkerung dafür viel höher. Natürlich gibt es trotzdem immer Gegner. Aber ich stelle fest, dass auch Menschen aus dem politisch rechten Spektrum, wo man auf Kernenergie und Fossile setzt, E-Autos fahren und PV-Anlagen aufs Dach montieren - einfach, weil es günstiger ist und man sich damit vom Weltmarkt unabhängiger macht.

Mini-Atomkraftwerke? "Unrealistische Scheindebatte"

Was halten Sie von der aktuellen Debatte um Mini-Atomkraftwerke?

Das ist eine unrealistische Scheindebatte. Die Leute wollen kein Windrad hinter ihrem Haus und schon gar kein Mini-AKW, das ja trotzdem Fläche verbraucht und für sehr viel Geld gebaut werden muss. Der Strom aus Atomkraft kostet im Schnitt 31 Cent pro Kilowattstunde - aus Erneuerbaren sind es 4 Cent. Zudem sind die technischen Möglichkeiten für Mini-Reaktoren erst in vielleicht 20 Jahren gegeben - da haben wir längst eine ganz andere Energielandschaft in Deutschland. Solche Debatten wecken eine Hoffnung, von der man jetzt schon weiß, dass man sie nicht befriedigen kann.

Wir stolpern weltpolitisch momentan von einer Krise in die nächste, das macht die Menschen mürbe. Mit dem Beteiligungsmodell unserer Energiegenossenschaft können wir positiv in die Region wirken: Mit erfolgreichen Geschichten, die zeigen, dass Wertschöpfung vor Ort bleiben kann, dass Menschen daran teilhaben und etwas verdienen, und dass eine Region durch die Unabhängigkeit vom fossilen Energie-Weltmarkt gerade auch für mittelständische Unternehmen an Standortsicherheit und Stabilität gewinnt.