In der bayerischen Kommunalpolitik sind Frauen weiterhin stark unterrepräsentiert. Laut Landesamt für Statistik sind nur etwa zehn Prozent der Bürgermeister und Landräte Frauen. In Gemeinderäten sind Frauen mit einem Anteil von knapp unter einem Viertel (24 Prozent) vertreten. In Stadträten sitzt etwa ein Drittel (33,7 Prozent) und im Kreistag 27,7 Prozent. Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch, Direktorin der Politischen Akademie Tutzing, erläutert die Gründe, warum Frauen bei Wahlen schlecht punkten können. Es gebe fast so etwas wie einen "Frauen-Malus", sagt sie.

Frau Münch, Kandidatinnen schneiden bei Kommunalwahlen durch die Bank schlechter ab. Frauenverbände beklagen, dass dadurch die weibliche Perspektive in der Politik fehle. Warum sind Frauen in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert?

Ursula Münch: Es können nur die Frauen zu Bürgermeisterinnen, Landrätinnen oder Stadträtinnen gewählt werden, die auch ernsthaft kandidieren und tatsächlich Wahlkampf machen. Bei den meisten Parteien haben wir von vornherein einen niedrigeren Anteil von Frauen, die bereit sind, für ein Amt zu kandidieren oder sich um ein Mandat zu bewerben.

Laut Landeswahlleiter gibt es viel mehr Bewerberinnen, als gewählt werden.

Manchmal nehmen die Parteien nur Zählkandidatinnen nach dem Motto "Dann haben wir jemanden". Man muss beachten, welche Kandidatinnen wirklich eine reelle Chance haben. Bewirbt sich eine Bewerberin zum Beispiel für eine Kleinstpartei um einen Bürgermeisterposten, ist das wenig aussichtsreich. Bei der letzten Kommunalwahl waren die Grünen zwar in den Räten erfolgreich, aber nicht bei den Bürgermeister- und Landratswahlen. Das heißt, sie stellen für diese Positionen zwar Frauen auf, aber diese Führungspositionen wurden der Partei anscheinend nicht zugetraut.

Selbst in den Großstädten, wo die CSU versucht, mehr Kandidatinnen aufzustellen und frauenaffiner ist, werden die Frauen nicht gewählt.

Frauen werden eher aufgestellt, wenn es ohnehin aussichtslos ist. Das war zum Beispiel bei der letzten Wahl so, als die CSU in München zum ersten Mal eine Kandidatin aufgestellt hat, die immerhin in die Stichwahl gekommen ist.

Das war schon bemerkenswert. Aber diese Kandidatur war in der CSU nicht umstritten. Die Männer brauchten nicht beleidigt zu sein, weil ohnehin klar war, dass gegen den SPD-Amtsinhaber Dieter Reiter kaum jemand eine Chance haben würde. Die Bereitschaft, mit einer Frau ins Rennen zu gehen, verlangte der Partei daher wenig ab.

Obwohl die Hälfte der Wahlberechtigten weiblich ist, werden Frauen bei der Wahl nicht bevorzugt. Warum gibt es nicht so etwas wie einen Frauenbonus bei den Wählerinnen?

Würden Sie Alice Weidel wählen? Selbst wenn die AfD zu 100 Prozent aus Frauen bestünde, würde ich dennoch nie die AfD wählen.

Zu Ihrer Frage: Nein, ich auch nicht. Aber wie steht es um die gemäßigten Parteien, warum werden da nicht die Kandidatinnen gewählt, die sich für Fraueninteressen einsetzen?

Aus Studien zu weiblichem Führungspersonal in der Wirtschaft wissen wir, dass Frauen sich gegenseitig nicht unbedingt als kompetent wahrnehmen oder als unterstützenswert.

Frauen sind gegenüber anderen Frauen häufig besonders kritisch.

Wir stellen an sie häufig besonders hohe Anforderungen - gerade mit Blick auf ihre Kompetenz. Frauen sind sehr kritisch mit Blick auf weibliches Personal: Da gibt es sogar eher einen Malus. Das gilt nicht nur bei Älteren, sondern quer durch die Generationen.

Und Frauen, die alles verkörpern - also etwa eine Frau, die drei Kinder hat, beruflich erfolgreich ist und für den Stadtrat kandidiert -, solche Frauen sind anderen Frauen eher suspekt. Und die Wählerschaft insgesamt erwartet von Kandidatinnen, dass diese auch sympathisch wirken müssen. Bei Kandidaten spielt das kaum eine Rolle - da genügt die Kompetenzvermutung.

Was müssen Kandidatinnen aus Ihrer Sicht ändern, damit sie gewählt werden?

Es ist schwierig, gegen Psychologie und gegen Alltagsvorurteile, die lange tradiert wurden, anzukommen.

Natürlich könnte ich jetzt sagen: Die Kandidatinnen sollten sympathisch wirken. Aber wenn ich das tatsächlich empfehlen würde, bediente ich ja genau dieses Klischee weiter: "Frauen, kompetent sein reicht nicht, ihr müsst auch sympathisch sein!"

Raten Sie mal, warum amerikanische Präsidentschaftskandidatinnen auf die Idee kommen, Cookies vor laufenden Kameras zu backen: Um sich anzubiedern an das Stereotyp der Hausfrau. Das muss man sich einmal vorstellen. 

Laut Demokratiereport Bayern 2025 genießt die Demokratie weiterhin starken Rückhalt bei allen Wählern. Aber wie sie funktioniert, damit sind sie unzufrieden. Es gibt Zweifel an der konkreten Arbeit der Politiker, das Vertrauen in sie ist rückläufig. Könnte das den Kandidatinnen in die Hände spielen?

Wir leben in einer Zeit, in der die Skepsis gegenüber allem groß ist. Dazu hat die AfD ganz stark beigetragen. Das ist so ein rechtsextremes Narrativ, ständig von den "etablierten" oder "Alt-" Parteien zu sprechen und damit diejenigen mit Erfahrung, die man auch einer Bildungselite zurechnet, abzuwerten. Da ist es unter Umständen für eine Frau als Individuum von Vorteil, deutlich zu machen: Ich gehöre nicht in dieses angebliche Kartell, in dieses Gemauschel, in diese Männerbünde.

Zugleich muss man aber die Gefahr sehen, dass damit wiederum ausgerechnet das von den Extremisten geschürte Vorurteil bedient wird: Was sich schon seit Jahren kennt, ist der Mauschelei verdächtig. Wenn ich darauf reagiere, bediene ich auch wieder einen Stereotyp, und zwar einen völkisch-autoritären.

Die Linie, an der sich die kommenden Kommunalwahlen entscheiden, scheint für Sie eine andere zu sein. Welche?

Kommunalwahlen sind Persönlichkeitswahlen. Kandidatinnen und Kandidaten, die den Eindruck erwecken, dass sie kompetent sind, dass sie Verantwortung übernehmen können, und dass es berechtigt ist, Vertrauen in sie zu setzen, haben immer bessere Karten als Menschen, die etwas Nebulöses an sich haben, die keine praktische Berufs- und Lebenserfahrung haben und die nicht vor Ort sichtbar und präsent sind.

Weit entfernt von Parität

Frauen in Bayerns Kommunalpolitik

Obwohl Frauen mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen, sind sie in Bayerns Kommunalpolitik stark unterrepräsentiert. Von 2.127 Amtsträgern sind nur 219 Frauen, das entspricht 10,3 Prozent. Am höchsten ist der Anteil bei ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen mit 12,4, bei hauptamtlichen Bürgermeistern liegt er bei 8,9 Prozent, bei Oberbürgermeisterinnen bei 11,1 Prozent und bei Landrätinnen bei 9,9 Prozent.

Etwas besser schneiden Frauen bei den Mandaten ab: In Stadt- und Gemeinderäten kleiner Kommunen beträgt ihr Anteil 22,2 Prozent, in kreisfreien Städten 33,7 Prozent, in Kreistagen 27,7 Prozent und in Bezirkstagen sogar 38,7 Prozent. Bei den Kommunalwahlen 2020 lag die Kandidatinnenquote mit 22,4 Prozent bei Bürgermeister- und Oberbürgermeisterwahlen sowie 21,5 Prozent bei Landratswahlen deutlich über dem Anteil der Gewählten.

Parteien unterscheiden sich stark: Bei den Grünen waren fast 48 der Kandidierenden Frauen, bei der CSU nur 15 Prozent. Die Zahlen zeigen: Frauen kandidieren häufig, werden aber deutlich seltener gewählt – strukturelle Hürden und tradierte Rollenbilder bleiben entscheidend.

(Material vom epd)