Wie blicken die Menschen in Deutschland über zwei Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 auf Israel, Gaza und die deutsche Außenpolitik? Trotz der enormen gesellschaftlichen und politischen Brisanz dieser Fragen gab es bislang kaum belastbare Daten dazu.
Eine im August 2025 durchgeführte repräsentative, quotierte Online-Befragung von 1.050 Personen, erstellt von der Ökonomin Christine Binzel (FAU Erlangen-Nürnberg) und dem Politikwissenschaftler Thomas Richter (GIGA Hamburg), schließt diese Lücke nun erstmals.
Zentrale Befunde:
Die Studie untersucht Einstellungen zu Kriegsverbrechen, Völkermordvorwürfen, deutscher Außenpolitik, Medienberichterstattung, Protestparolen sowie Antisemitismusverständnissen – und zeichnet ein differenziertes, teils widersprüchliches Meinungsbild der Bevölkerung.
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Die Mehrheit der Bevölkerung orientiert sich beim Nahostkonflikt primär an Völkerrecht und Menschenrechten – nicht an historisch-politischen Grundsätzen wie der Staatsräson.
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Es besteht ein deutlich erkennbarer Wunsch nach kritischerer Distanz Israels Politik gegenüber, verbunden mit der Fortführung grundlegender diplomatischer Beziehungen.
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Die Bevölkerung wünscht sich von der deutschen Politik weniger Zurückhaltung und größere Konsistenz in der Bewertung von Menschenrechtsverstößen – egal von wem sie begangen werden.
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In der Antisemitismusdebatte lehnt die Mehrheit eine pauschale Gleichsetzung von Kritik an Israel und Antisemitismus ab.
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Medien und Politik werden nicht grundsätzlich diskreditiert – aber kritisch gesehen.
Insgesamt zeichnet die Studie ein Bild einer Gesellschaft, die sich um Orientierung bemüht, in Teilen gespalten ist, aber überraschend konsequent am Völkerrecht als Maßstab festhält.
Die Befunde im Einzelnen:
1. Einschätzungen zu Kriegsverbrechen und Völkermordvorwürfen
Die Umfrage basiert auf dem Stand von August 2025. Es gab noch nicht die aktuelle, wenngleich brüchige Waffenruhe. Auch der jüngste Austausch von israelischen Geiseln gegen palästinensische Gefangene hatte noch nicht stattgefunden.
Wie spiegelt sich das in der deutschen Bevölkerung wider?
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68 Prozent der Befragten sehen Kriegsverbrechen der Hamas am 7. Oktober 2023 als erwiesen an.
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65 Prozent meinen, die israelische Armee begehe in Gaza Kriegsverbrechen.
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59 Prozent bezeichnen Israels Vorgehen als Völkermord.
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62 Prozent sagen, die Hamas könne das Leid durch Freilassung der Geiseln sofort beenden. (Anm. d. Verf.: Zum Zeitpunkt der Umfrage waren noch mehrere Geiseln in Gefangenschaft der Hamas)
Ein Großteil der Befragten koppelt also die moralische Bewertung von Gewalt nicht exklusiv an eine Konfliktpartei.
2. Wie Deutschland Israels Besatzungspolitik bewertet
Der Internationale Gerichtshof (IGH) erklärte 2024 die israelische Besatzung als rechtswidrig und forderte ein sofortiges Ende.
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58 Prozent der Befragten folgen dieser Einschätzung.
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47 Prozent finden Begriffe wie Kolonialismus oder Apartheid für Israels Politik zutreffend.
Ein erheblicher Teil der Bevölkerung befürwortet damit Begriffe, die in Deutschland politisch hoch umstritten sind, die aber international – insbesondere in Menschenrechtsdiskursen – häufig verwendet werden.
3. Die Staatsräson – kaum verstanden, noch weniger akzeptiert
Seit die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 vor dem israelischen Parlament betonte, dass Israels Sicherheit Teil deutscher Staatsräson sei, wird der Begriff "Staatsräson" im politischen Diskurs oft verwendet. Aus der Bevölkerung ergibt sich jedoch ein stark abweichendes Bild:
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Nur 10 Prozent halten die Aussage für (völlig) richtig.
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35 Prozent halten sie für falsch.
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22 Prozent wissen nicht, was sie bedeutet.
Noch klarer fällt ein zweites Ergebnis aus: 69 Prozent wünschen sich eine Außenpolitik, die sich ausschließlich auf Völkerrecht und universelle Menschenrechte stützt – nicht auf Staatsräson. Damit deutet die Studie auf eine grundlegende Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und öffentlicher Wahrnehmung hin.
4. Kritik an Doppelstandards
Das Existenzrechts Israels zu betonen, gehört seit langem zum politischen Diskurs in Deutschland. Die Bevölkerung findet das mehrheitlich wichtig, aber nicht ausreichend.
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50 Prozent halten regelmäßige Bekräftigungen des Existenzrechts Israels für wichtig.
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53 Prozent wünschen ein klares Bekenntnis zu Israel als jüdischem Staat.
Gleichzeitig setzen bedeutende Teile der Bevölkerung der Studie zufolge weiter gefasste Prioritäten:
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78 Prozent der Befragten fordern, dass Deutschland Israel kritisiert, wenn es Menschenrechte verletzt – ohne vermeintliche Doppelstandards.
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61 Prozent möchten ein Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht beider Völker, nicht nur zum Existenzrecht Israels.
Die Bevölkerung bewegt sich demnach zwischen universalistischen und besonderen historischen Begründungen – jedoch mit deutlicher Tendenz zum Völkerrechtsprinzip.
5. Einstellungen zu möglichen Sanktionen und Maßnahmen
Erstmals liefert eine repräsentative Studie auch Daten dazu, welche außenpolitischen Schritte gegenüber Israel die Bevölkerung unterstützt oder ablehnt.
Mehrheiten sprechen sich aus für:
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Benennung von Völkerrechtsverstößen: 67 Prozent
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Waffenexportstopp: 66 Prozent
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Aussetzung militärischer/polizeilicher Kooperation: 51 Prozent
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Einfuhrstopp für Produkte aus illegalen Siedlungen: 53 Prozent
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Sanktionen gegen Regierungsmitglieder: 47 Prozent
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Ende wissenschaftlicher Kooperationen, falls sie mit Besatzung verknüpft sind: 47 Prozent
Keine klaren Mehrheiten gibt es für:
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allgemeine Wirtschaftssanktionen: nur 44 Prozent Zustimmung
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grundsätzliche Einschränkung wissenschaftlicher Kooperationen: nur 32 Prozent
Die Bevölkerung unterscheidet also zwischen gezielten Maßnahmen gegen Besatzungspolitik und breit angelegten Pauschalsanktionen.
6. Wahrnehmung der Medienberichterstattung
Die Kritik an deutschen Medien ist im Ausland und in Fachkreisen verbreitet. Die Befragten haben dazu unterschiedliche Meinungen:
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39 Prozent halten die Berichterstattung für ausgewogen.
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40 Prozent sehen zu viel Raum für pro-israelische Stimmen.
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43 Prozent sagen, Medien übernähmen zu oft die Positionen der israelischen Regierung.
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Nur 30 Prozent sehen eine Entmenschlichung von Palästinenser*innen durch deutsche Medien.
Die Befunde zeigen: Es existiert keine einheitliche Medienkritik – aber ein verbreitetes Gefühl mangelnder Ausgewogenheit.
7. Deutung pro-palästinensischer Parolen
Über pro-palästinensische Proteste wird in Deutschland viel gestritten. Dabei erheben Kritiker:innen oft den Vorwurf, diese seien antisemitisch motiviert.
Zwei zentrale Parolen der Proteste werden von den Befragten unterschiedlich eingeschätzt:
"Free Palestine"
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27 Prozent sehen darin einen Aufruf zur Auslöschung Israels
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43 Prozent sehen diesen Aufruf darin nicht
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31 Prozent wissen es nicht
"From the river to the sea"
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32 Prozent sehen darin einen Aufruf zur Auslöschung
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34 Prozent sind gegenteiliger Meinung
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35Prozent sind in dieser Frage unentschieden
Die Polarisierung ist deutlich – doch eine pauschale Einstufung dieser Parolen als antisemitisch wird von der Mehrheit nicht geteilt.
8. Was die Deutschen als Antisemitismus verstehen – und was nicht
Auch die Frage, ob und wann Kritik an Israel antisemitisch motiviert ist, scheiden sich im politischen Diskurs in Deutschland die Geister. Die Befragten scheinen den Antworten zufolge klare Grenzen zwischen Kritik und Antisemitismus zu ziehen.
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61 Prozent meinen, Israelkritik und Antisemitismus seien klar unterscheidbar.
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Aussagen wie "Genozid" oder "Apartheid" im Kontext Israel werden nicht mehrheitlich als antisemitisch bewertet.
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Sanktionen gegen Israel gelten für 52 Prozent nicht als antisemitisch.
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Ein Boykott israelischer Produkte wird nur von 24 Prozent als antisemitisch betrachtet.
Die Bevölkerung zieht der Studie zufolge also eine breitere Linie zwischen legitimer Kritik und antisemitischem Hass als viele politische Institutionen oder Behörden.