Herr Falcke, schwarze Löcher und der Glaube haben etwas gemeinsam: Beide beziehen sich auf das Unsichtbare und faszinieren Menschen, obwohl sie schwer zu erklären sind. Was verbindet beides aus Ihrer Sicht?
Heino Falcke: Schwarze Löcher führen uns an die Grenzen unseres Wissens. Sie stehen für ein physikalisches "Jenseits", das wir uns zwar vorstellen können – in das wir theoretisch, praktisch jedoch eher nicht, gelangen könnten. Ein Ort, von dem keine Nachrichten zurückkommen. Es ist da, aber gibt nichts von sich preis. Das befeuert unsere Neugier und vielleicht auch die Sehnsucht, zu wissen und zu schauen. Gleichzeitig zeigt es unsere Grenzen.
Beim Glauben ist es ähnlich. Wir denken über das Allererste und das Allerletzte nach – etwas, das uns nicht zugänglich ist. Wir füllen es mit Vorstellungskraft, gesichertes Wissen haben wir nicht. Es ist die Begegnung mit der Grenze.
Der Blick über den Horizont – geistig wie physisch – fasziniert uns also gleichermaßen?
Genau. Die Augen sehen nur bis zum Horizont, die Seele schaut weiter.
Sie predigen regelmäßig in Ihrer Gemeinde und forschen über kosmische Horizonte. Merken Sie einen Unterschied, wie Menschen reagieren, wenn Sie über schwarze Löcher oder über Gott sprechen?
Für mich verschmelzen die beiden Welten. Ich habe nicht das Gefühl, dass es einen grundlegenden Unterschied macht – weder in meiner Art zu reden noch in meiner Intention. Ich versuche, Menschen mitzunehmen und zu erreichen. Das gilt für einen wissenschaftlichen Vortrag genauso wie für eine Predigt.
Nach Vorträgen höre ich manchmal: "Das war ja fast eine Predigt". In Predigten erkläre ich Dinge konkret, erzähle, woher meine Hoffnung kommt und warum das Sinn macht. Ich unterscheide zwischen dem, was ich weiß, und dem, was ich glaube oder hoffe. In der Wissenschaft ist es ähnlich: Es gibt gesicherte Fakten und Vermutungen, Hoffnungen, Perspektiven. Am Ende geht es mir immer darum, Menschen zu erreichen.
Schwarze Löcher sieht man nicht – man sieht nur, wie sie Raum und Wirklichkeit verändern. Im Glauben erschließt sich Gott ebenfalls indirekt, zum Beispiel durch Bilder wie den Guten Hirten. Welches Bild von Gott ist Ihnen besonders nah?
Mir ist die Vielfalt der Bilder wichtig. Wir sollen uns ja kein Bild von Gott machen, weil wir ihn so festlegen würden.
Die Vielfalt der Gotteserfahrung ist das Entscheidende.
Ich schätze aber Bilder wie das lebendige Wasser, der Sauerteig, der aufgeht und uns wachsen lässt, oder das Senfkorn, das klein beginnt, aber groß wird wie das Reich Gottes.
In letzter Zeit beschäftigt mich auch die Dreieinigkeit: Gott als Schöpfer, Christus, der Menschensohn, wo Gott ganz nah in unser Leid kommt, und der Heilige Geist, der uns verbindet, Mut schenkt und Weisheit. Das ist ein großer Schatz: Wir sind nicht auf ein Gottesbild festgelegt, sondern offen für unterschiedliche Erfahrungen.
Interessant, dass Sie den Heiligen Geist nennen. Viele tun sich schwer, ihn zu begreifen.
Ein Heiliger Geist, der begriffen wird, entflieht sofort. Das ist ja das Wesen eines Geistes: Er ist nicht greifbar.
Viele Menschen fragen heute nicht unbedingt nach Gott, aber nach Sinn: Warum bin ich hier? Was bedeutet das alles? Begegnen Ihnen solche Fragen auch in der Physik?
Ich sage meinen Studierenden immer: Die Physik beschreibt, wie das Universum funktioniert, aber sie kann nicht erklären, warum es so ist. Wissenschaft liefert keinen Sinn.
Gleichzeitig merke ich, besonders in Gesprächen mit verschiedenen Medien, ein starkes Interesse an Glaubensfragen.
Ich sage dann manchmal scherzhaft: Fragt mich doch auch mal wieder über meine Wissenschaft! Dieses Interesse zeigt: Sinnfragen sind nicht "von gestern", sondern hochaktuell.
Woher kommt dieses Interesse?
Wir haben die Sinnfrage lange verdrängt. Vielleicht, weil es uns gut ging. Jetzt merken wir, dass viele Jugendliche kämpfen – mit sich selbst, mit der Welt – und niemand ihnen sagen kann: Warum bist du hier, was ist dein Ziel? Ich glaube, da entsteht wieder eine Suche.
Glaube und Theologie haben aktuell einen schlechten Stand. Rücken die Sinnfragen jetzt in Ihren Bereich?
Ich glaube, Theologie wird wieder wichtig, sogar entscheidend. Wie Physik oder Biologie gehört sie zu den großen Zukunftsthemen. Ohne eine saubere Theologie kann Glaube missbraucht werden.
Gute Theologie braucht - wie gute Wissenschaft - den offenen Diskurs. Das Verbannen von Theologie aus der öffentlichen Debatte fördert nur den Wildwuchs schlechter und krankmachender Theologie.
Theologie gibt Orientierung, Sprache, Grundlagen – ähnlich wie das Grundgesetz für unseren Rechtsstaat. Sie zeigt auch, wo christliches Handeln nicht dem Glauben entspricht. Nicht überall, wo "christlich" draufsteht, ist auch christlich drin.
Sie warnen vor den Folgen schlechter Theologie. Wo sehen Sie die Verantwortung – bei der akademischen Theologie, bei Pfarrerinnen und Pfarrern in der Praxis oder bei Medienschaffenden?
Ich vergleiche es mal mit der Wissenschaft. Als ich mit meiner Promotion begann, steckte Wissenschaftskommunikation noch in den Kinderschuhen. Man arbeitete viel im eigenen Saft, sprach kompliziert, intellektuell und wissenschaftlich. Mir war es immer wichtig, mit Menschen zu kommunizieren – in einer Sprache, die jeder verstehen kann.
Meine Erfahrung kommt auch aus der Kirche: Als Jugendlicher saß ich oft im Gottesdienst, verstand aber kaum, worum es eigentlich ging. Die Sprache war fremd, die Themen blieben Allgemeinplätze, mit denen man wenig anfangen konnte.
Deshalb habe ich mich bemüht, viel Wissenschaftskommunikation zu machen und zahlreiche Vorträge zu halten.
Das war für mich ebenfalls eine Art missionarischen Denkens in der Wissenschaft. Genauso müssen wir das im Glauben – oder in der Theologie – neu einüben: Theologiekommunikation. Denn auch dort gehört ein missionarisches Denken dazu und sollte nicht negativ konnotiert sein.
Wenn ich Wissenschaft erkläre, öffne ich Menschen eine neue Welt. Glaube kann das genauso: Er kann unser Leben bereichern, unsere Welt verbessern – aber nur, wenn wir ihn kommunizieren und diskutieren. Und genau das tun wir viel zu wenig. Wir überlassen es kleinen Gruppen. Gesellschaftlich wird kaum noch diskutiert: Was glauben wir eigentlich? Welche Grundsätze leiten unser Denken und Handeln? Das ist eine fundamentale Frage.
Sie erreichen Millionen mit Ihren Vorträgen über schwarze Löcher. Wie schaffen Sie es, dass komplexe wissenschaftliche Inhalte spannend bleiben – und wie gelingt Ihnen das auch beim Glauben?
Schwarze Löcher profitieren von der bildhaften Sprache. Die Astronomie insgesamt benutzt oft eine bildhafte Sprache, und das hat sie, glaube ich, vom Glauben gelernt. Wir müssen also zu den Wurzeln zurückgehen und Grundfragen ansprechen.
Ich denke, eine gewisse Kompetenz und Qualität ist ebenfalls wichtig. Vor hundert Jahren war die intellektuelle Elite theologisch gebildet und schämte sich nicht, über Glaubensfragen zu diskutieren. Auch große Physiker führten theologische Debatten, weil sie an den Grundfragen interessiert waren.
Es muss also wieder Raum geben, darüber zu diskutieren. Letztlich ist es aber entscheidend, dass wir auch leben, was wir reden.
Selbstzweifel gehören dazu – in der Wissenschaft ebenso wie in der Kirche – aber wir müssen auch die Fülle, die Erfahrung und den Glaubensschatz zeigen. Da fehlt mir manchmal das Selbstbewusstsein.
Ich habe den Eindruck, dass es in der Theologie oft ein Gefühl der Scham gibt.
Genau. Und aus der Scham entsteht Rückzug.
In der Kirche sprechen wir zu oft darüber, wie der Nierdergang gestaltet werden kann, anstatt Neues zu bauen – an einer Kirche, die die Menschen wirklich anspricht.
Dort, wo Menschen in ihrem Glauben ernst genommen werden, kommen sie. Vielleicht ist jetzt ein guter Moment für einen neuen Anfang, für Wachstum statt Niedergang. Ich glaube, die Kirche kann wieder wichtiger werden, als manche selbst darin vermuten.
Trotz der Schwierigkeiten, die Sie in Kirche und Gesellschaft sehen, was erfüllt Sie heute noch mit Staunen?
So vieles. Wie diese Welt funktioniert – das ist für mich faszinierend. In meinem Buch "Zwischen Urknall und Apokalypse" beschreibe ich die Entwicklung der Welt – vom Urknall, eigentlich auch davor, von der Gottesfrage bis hin zum Untergang der Welt. Zu sehen, wie Physik, Chemie und Biologie ineinandergreifen, um Leben zu ermöglichen, ist einfach überwältigend.
Stellt man sich eine einzelne Blume vor und ihre Funktionsweise – wie viel erstaunlicher erscheint dann ein Mensch, mit seiner unglaublichen Komplexität und Vielfalt?
Und dann zu sehen, wie eine ganze Welt, ein ganzes Universum funktioniert, um am Ende Leben möglich zu machen: Das bringt mich immer wieder zum Staunen. Und das ist dann ganz verschieden, jedes kleine Zahnrädchen, das da ist – das ist eine Blume, das ist eine Biene, das ist ein Mensch. Das ist schon besonders.
Wenn man sich die Vielfalt von acht Milliarden Menschen vor Augen führt, sprengt das fast den Verstand. Es gibt so viele Geschichten, dass man gar nicht alle erzählen kann. Dieser Reichtum, diese Komplexität – das finde ich beeindruckend. Natürlich gehört auch Leid dazu, aber das ist eben Teil dieser Geschichten.