Ich beobachte das schon seit Jahren. Immer wieder dasselbe Muster: Ein Sportstar findet Jesus. Oder eine Sängerin. Oder ein Schauspieler. Hände gen Himmel nach dem Tor, ein Bibelvers im Instagram-Bio, ein Dankesgebet nach dem Grammy. Und es ist wunderbar. Bewegend. Echt - daran will ich gar nicht zweifeln.
Aber dann schau ich genauer hin. Ich frage: Welcher Jesus ist das eigentlich? Und fast immer stoße ich auf dasselbe Bild. Einen Jesus, den ich sehr gut kenne. Zu gut eigentlich, und deshalb beschäftigt er mich besonders.
Er ist evangelikal. Exklusiv. Oft queerfeindlich. Stark im Trösten. Schwach im Stören. Zutiefst persönlich - sozialpolitisch schweigend. Ein Jesus, der gut funktioniert in einer Welt, in der Erfolg als G*ttessegen gilt. Ein Jesus, der sich reimt auf: Ich hab's geschafft. G*tt sei Dank.
Das ist kein Zufall. Das ist eine Entscheidung. Eine theologische.
Ein systematisch unvollständiges Jesusbild
Die evangelikale Frömmigkeit, die in Profisport-Kreisen weltweit dominiert, dreht sich um persönliche Bekehrung, individuelle Heiligung, die intime Beziehung zwischen mir und meinem Jesus. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Persönlicher Glaube hat seine tiefe Berechtigung - und wer bin ich, jemandem zum Beispiel seine Gebetspraxis streitig zu machen?
Aber es ist systematisch unvollständig. Und diese Unvollständigkeit hat Konsequenzen.
Denn in diesem Jesusbild fällt etwas fast vollständig weg: strukturelle Sünde. Also die Frage, welche Systeme Menschen erdrücken - und ob mein Glaube diese Systeme berührt, herausfordert, stört. Oder ob er sie stillschweigend absegnet.
Wer nur über persönliche Schuld nachdenkt, aber nie fragt, an welchen ungerechten Strukturen er profitiert, hat mindestens die Hälfte des Evangeliums weggelassen.
Es gibt vielfach berichtete Fälle - aus dem evangelikalen Umfeld selbst -, in denen Gemeindemitglieder Bibelstellen aus der Bergpredigt als "zu politisch" oder "zu liberal" zurückwiesen, und Pastoren diese Texte aus Predigtreihen herausließen.
Zu links. Die Bergpredigt.
Wer war Jesus eigentlich?
Um zu verstehen, warum mich dieses Jesusbild so beschäftigt, lohnt sich ein kurzer Blick zurück - auf den historischen Jesus, der in vielen frommen Kreisen erstaunlich unbekannt geblieben ist.
Jesus war ein brauner (sic) jüdischer Mann aus Galilãa. Eine Region unter römischer Besatzung, wirtschaftlich ausgebeutet, politisch marginalisiert. Jesus selbst kam aus einfachen Verhältnissen, bewegte sich unter Kranken, Armen, Ausgestoßenen, Menschen am Rand der Gesellschaft. Er war keine neutrale Figur.
Er war unbequem. Gefährlich. Letztlich wurde er nicht hingerichtet, weil er zu fromm war - sondern weil er zu radikal war.
Er lebte Lukas 4,18 nicht als frommen Spruch. Er lebte es als Programm, als politische Agenda, als Lebenshaltung:
"Der Geist des Herrn ist auf mir, denn er hat mich gesalbt, den Armen gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen Befreiung, den Unterdrückten Freiheit."
Dieser Jesus ist kein Accessoire für erfolgreiche Karrieren. Er ist kein Markenzeichen. Er ist ein Störenfried - und er war es von Anfang an.
Parfümiert bis zur Unkenntlichkeit
Desmond Tutu, der südafrikanische Erzbischof und Apartheidgegner, hat die Gefahr eines zahmen, weltflüchtigen Glaubens treffend beschrieben: Ein Glaube, der sich nicht um diese Welt kümmert, ist "pie in the sky" - Vertröstung auf später, Betäubung für heute. Tutu wusste, wovon er sprach. Er hatte erlebt, wie Kirchen die Apartheid theologisch legitimierten, indem sie Glaube zur Privatangelegenheit erklärten und die Augen vor strukturellem Unrecht verschlossen. Sein Erbe bleibt eine Mahnung - auch an uns heute.
Genau diesen Mechanismus meine ich, wenn ich vom parfümierten Jesus spreche: einer Botschaft, die so lange weichgespült, geglättet und von allem Unbehaglichen befreit wurde, bis von ihr nichts Gefährliches mehr übrig geblieben ist. Der Hillsong-Jesus, der in Stadien und auf Red Carpets auftaucht, hat erstaunlich wenig zu sagen über queere Menschen, die aus den Gemeinden seiner Fürsprecher*innen vertrieben, pathologisiert oder schlicht unsichtbar gemacht werden.
Er schweigt über Klassismus - darüber, wer sich Megachurch-Kultur, Worship-Konferenzen und den frommen Lifestyle überhaupt leisten kann, und wer dabei unsichtbar bleibt. Er stört sich nicht am institutionellen Rassismus in Verbänden und Gesellschaft - obwohl gerade viele, die diesen Glauben besonders sichtbar nach außen tragen, gleichzeitig in denselben Strukturen diskriminiert werden. Und er hat nichts zu sagen über Ableismus - über eine Kirche und Gesellschaft, die Menschen mit Behinderungen systematisch ausgrenzt, während sie von G*ttes Segen für die Tüchtigen singt.
Das sind keine zufälligen Leerstellen. Das ist Theologie - eine Theologie, die strukturelle Sünde nicht kennen will. Die Jesus so lange parfümiert, bis von ihm nichts Gefährliches mehr übrig bleibt.
Eine Einladung, keine Anklage
Ich möchte klar sein: Dieser Text richtet sich nicht gegen einzelne Menschen. Er richtet sich gegen ein Jesusbild, das seit Jahrzehnten ungefragt mitläuft - in Stadien, in Award-Reden, in viralen Gebetskreisen, in gut gemeinten Jugendg*ttesdiensten.
James Cone, Vater der Schwarzen Befreiungstheologie und eine der prägendsten theologischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, hat es so formuliert: Jede Theologie, die gegenüber der Befreiung Unterdrückter gleichgültig ist, ist keine christliche Theologie. Das ist kein progressiver Sonderweg. Das ist eine Aussage über den Kern des Evangeliums - getragen von einer langen ökumenischen Tradition, die von Lateinamerika über Südafrika bis nach Ostfriesland reicht. Und es gilt weiterhin: Es ist leichter, von befreiender Liebe zu predigen, als eine Liebe zu leben, die befreit.
Befreiender Glaube fängt nämlich genau dort an, wo wir uns diese Frage ehrlich stellen: Welcher Jesus begegnet uns - in unserer Gemeinde, in unserer Community, in unserem Feed? Einer, der uns in Ruhe lässt?
Oder einer, der uns herausfordert, unbequem macht - und uns auf die Seite derer stellt, die das System fallen lässt?
Welcher Jesus ist deiner? Und was kostet er dich - wirklich?
(Dieser Gastbeitrag erschien zuerst als Instagram-Post von Quinton Ceasar)