Wer heute das Hildebrandhaus in München betritt, betritt einen Ort voller Kulturgeschichte. Künstler:innen und Intellektuelle gingen hier ein und aus, heute beherbergt es die Monacensia. Doch eine Frau ist mit dem Haus auf besondere Weise verbunden: Elisabeth Braun. Sie war Jüdin, Christin, Intellektuelle – und am Ende Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.
Geboren 1887 in München als Tochter einer angesehenen jüdischen Familie, wuchs sie in Wohlstand auf. Früh interessierte sie sich für Bildung, studierte Philosophie und Staatswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität.
1920 ließ sie sich evangelisch taufen – ein Schritt, der nicht nur ihre religiöse Identität veränderte, sondern auch ihr Verhältnis zur Kirche prägte. Ihr Glaube und ihr Vertrauen in die evangelische Gemeinschaft blieben so stark, dass sie testamentarisch verfügte: Die Kirche solle ihr Erbe verwalten und für die Unterstützung von Christ:innen jüdischer Herkunft einsetzen.
Elisabeth Braun: Selbst bedroht half sie anderen
Mit ihrem Erbe kaufte Braun 1934 das Hildebrandhaus. Sie selbst zog erst später ein, doch schon bald wurde das Haus zum Zufluchtsort für Verfolgte. Mehr als ein Dutzend Menschen, die als "nicht arisch" galten, fanden hier Unterkunft: Lehrer:innen, Künstler:innen, ganze Familien. Braun, die sich selbst als Schriftstellerin verstand, hatte die Türen geöffnet, als die Nationalsozialisten ihnen die eigenen Wohnungen nahmen.
Doch auch sie selbst war bedroht. Nach den Nürnberger Gesetzen galt Braun als "Volljüdin". Ihre evangelische Taufe schützte sie nicht vor Schikanen, Enteignung und Bedrohung. Sie versuchte vergeblich, in die USA auszuwandern.
1941 schließlich kam der Bruch: Die "Arisierungsstelle" entzog ihr Haus und Besitz, Braun wurde verhaftet, ins Gefängnis Stadelheim gebracht und danach in ein Sammellager. Am 20. November 1941 deportierte die Gestapo sie gemeinsam mit fast 1.000 Münchner Jüd:innen nach Kaunas in Litauen. Zwei Tage später erschossen SS-Männer die gesamte Gruppe.
Elisabeth Braun war 54 Jahre alt, als sie starb. Mit ihr wurden auch mehrere ihrer Mitbewohnerinnen aus dem Hildebrandhaus ermordet. Ihr Name steht heute auf dem Gedenkstein zur Erinnerung an die Alte Hauptsynagoge München.
ELKB tritt Erbe nach dem Krieg an
Nach dem Krieg trat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ihr Erbe an. Braun hatte ihr gesamtes Vermögen hinterlassen – mit der Bitte, es für die Betreuung von Christen jüdischer Herkunft einzusetzen.
Die Kirche richtete dafür einen Sonderfonds ein, unterstützte unter anderem den Verein "Begegnung von Christen und Juden" und ein Altenheim in Haifa. Das Hildebrandhaus selbst blieb bis 1967 in kirchlichem Besitz, bevor es an die Stadt München überging.
Heute erinnert eine Gedenktafel am Eingang an die Frau, die einst hier Zuflucht gewährte und deren Vertrauen in die Kirche bis zu ihrem Tod ungebrochen blieb. Elisabeth Braun war vieles zugleich: Jüdin, Christin, Intellektuelle, NS-Opfer – und eine Frau, deren Vermächtnis die evangelische Kirche bis heute verpflichtet.
Veranstaltung
Das Erbe von Elisabeth Braun
Gespräch mit Thomas Prieto Peral
📅 16. September 2025, 19.00 Uhr
📍 Monacensia im Hildebrandhaus, Forum Atelier, München
Wie blicken die Evangelisch-Lutherische Kirche und die Monacensia, das Literaturarchiv der Stadt München, heute auf das Erbe von Elisabeth Braun? Im Atelier der Monacensia im Hildebrandhaus diskutieren dabei Regionalbischof Thomas Prieto Peral und Anke Buettner, die Leiterin der Monacensia. Die Kulturvermittlerin Felicitas Friedrich moderiert das Gespräch. Der Eintritt ist frei.
Teilnehmende:
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Thomas Prieto Peral, Regionalbischof Schwaben-Altbayern
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Anke Buettner, Leiterin der Monacensia
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Moderation: Felicitas Friedrich
🎟 Eintritt frei