Donald Trumps womöglich gefährlichster Herausforderer – Gavin Newsom, kalifornischer Gouverneur und demokratischer Hoffnungsträger für die Präsidentschaftswahl 2028 – ließ es sich auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz vergangenes Wochenende nicht nehmen, gegen den amtierenden US-Präsidenten zu Felde zu ziehen.

"Donald Trump ist auf dem Rückzug. Ich halte es für wichtig, dass die Menschen dies verstehen", sagte er der Deutschen Welle am Rande der Konferenz. Europas Staats- und Regierungschefs rief er auf, dem Präsidenten entschlossen entgegenzutreten:

"Wenn man sich gegen Trump auflehnt, wenn man zurückschlägt, Feuer mit Feuer bekämpft, gibt er nach."

Bibelzitate als Kampfrhetorik: Was Newsom wirklich meint

Feuer mit Feuer. Das klingt nach Altem Testament, genauer nach dem längst sprichwörtlichen "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Doch Newsom macht daraus einen Eskalationsbefehl. Dabei intendiert das biblische Gebot, das so gern als Legitimation für Vergeltung zitiert wird, ursprünglich genau das Gegenteil – eine Begrenzung des Racheimpulses, nicht dessen Entfesselung.

Jesus selbst stellte in der Bergpredigt klar: "Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand" (Mt 5,38f.). Es geht um Mäßigung, nicht um Eskalation.

Dabei bedient sich Newsom durchaus gerne des christlichen Werte- und Sprachinventars. Er präsentiert sich als katholisch geprägter Politiker – getauft, aufgewachsen in einer irisch-katholischen Familie, ausgebildet an kirchlichen Schulen und der Jesuitenuniversität Santa Clara, eine der führenden private Jesuitenuniversität im Silicon Valley, und geheiratet in der Jesuitenkirche in San Francisco.

Sein Verhältnis zur katholischen Kirche ist allerdings höchst selektiv. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit als Bürgermeister von San Francisco im Jahr 2004 öffnete er die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare – illegal nach damaligem kalifornischen Recht. Später, als Gouverneur, verankerte er das Recht auf Abtreibung in der Verfassung und begründete diesen Schritt mit dem Gebot der Nächstenliebe.

In bioethischen und familienpolitischen Fragen stand Newsom damit bisher im Widerspruch zur katholischen Morallehre. Rom war not amused. Der Bischof des Erzbistum San Francisco, Salvatore Cordileone auch nicht. Gegenüber der "CNA" rügte er die Abtreibungspolitik öffentlich und empfahl sogar die die Exkommunikation von Newsom. An Newsoms biblischer Rhetorik änderte das nichts.

Katholischer Rebell: Glaube ohne Dogma, Unabhängigkeit als Prinzip

Im Februar 2025 erklärte er im Gespräch mit der Studentenzeitung seiner Alma Mater, er sei genau den Weg gegangen, den diese Ausbildung vorschreibe: "ein unabhängiger Denker zu sein". Dann fügte er hinzu: "Oft steht diese Unabhängigkeit jedoch der Orthodoxie im Weg." Und schließlich: "In vielerlei Hinsicht feiere ich diese Unabhängigkeit des Denkens, die ich Santa Clara verdanke. Ohne meine Ausbildung dort gäbe es keine gleichgeschlechtliche Ehe. Herzlichen Glückwunsch, Leute."

Religiös bezeichnet sich Newsom dennoch:

"Ich habe nach wie vor einen starken Glauben. In gewisser Weise bin ich der irisch-katholische Rebell, aber einer, der immer noch große Bewunderung für die Kirche hat und einen sehr starken Glauben. Er zeigt sich bei mir weniger dogmatisch, aber die Kernprinzipien gelten weiterhin."

Zur Kirche gehe er allerdings selten – schon als Kind habe er sie als Pflicht empfunden: "Mit sieben, acht, neun Jahren war das wie Arbeit, ich hätte lieber ferngesehen oder mit Freunden gespielt." Seinen Glauben lebe er nicht "in einem symbolischen Rahmen wie einer Kirche" aus. 

Für Newsom gilt offenbar: Bibel à la carte. Was in die politische Agenda passt, wird zitiert, was stört, bleibt liegen. Aus der Bibel zitiert er in letzter Zeit auffällig häufig – vor allem, wenn sie ihm politisch dient. Mitte November letzten Jahres, im Streit um die Kürzung der Lebensmittelhilfe für Bedürftige, argumentierte er vor Reportern im "San Francisco Chronicle":

"Wenn ich mich an etwas aus meinen vier Jahren an der Santa Clara University erinnere, dann daran, dass Altes und Neues Testament eine zentrale Gemeinsamkeit haben – Matthäus, Jesaja, Lukas, die Sprüche: Es geht um Essen. Es geht darum, den Hungrigen zu dienen. Das ist im Alten und Neuen Testament keine Empfehlung, sondern zentral dafür, Gottes Willen zu folgen."

Religion als politisches Instrument: Der Pick-and-Choose-Katholik

Newsoms religiöses Arsenal verfolgt einen klaren Zweck: die Republikaner zu attackieren und das Narrativ zu stärken, dass die Demokraten die eigentlichen Vertreter christlicher Werte seien. Er verkörpert den modernen Typus des Pick-and-Choose-Katholiken, der moralische Appelle aufgreift, wenn sie ins progressive Programm passen – Solidarität mit den Armen, Fürsorge für Schwache, Klimaschutz. Was nicht passt, wird nicht ignoriert, sondern umgedeutet: Recht auf Abtreibung als Nächstenliebe, gleichgeschlechtliche Ehe als Ausdruck christlicher Menschenwürde.

Ende 2025 verband er in einem Interview mit der "New York Times" die Figur des Schutzpatrons St. Franziskus, dem sein Regierungsbezirk gewidmet ist, mit einem Bibelvers aus dem ersten Korintherbrief: "Viele Teile, ein Körper". "Wenn ein Teil leidet, leiden wir alle", sagte er. Ohne jeden Bezug zu Schutzpatronen dient der Vers ihm als plakatives Bild für Solidarität und politische Geschlossenheit. Es ist exemplarisch für seinen Stil: moralische Prinzipien selektiv, situativ, immer dort, wo sie ins progressive Programm passen.

Gleiches Bild nutzte er am 4. November in seinem Podcast "This is Gavin Newsom", als er die Demokratische Partei als "viele Teile, ein Körper" beschrieb und damit verdeutlichte, wie unterschiedlichste Gruppen unter einem gemeinsamen politischen Dach zusammenwirken sollen.

Was bleibt, ist ein Politiker, der Religion nicht als moralische Richtschnur versteht, sondern als Mittel, politische Ziele zu ordnen. Für einen Mann, der 2028 möglicherweise ins Weiße Haus einziehen will, ist diese Flexibilität ein Vorteil. In einer zunehmend säkularen Demokratischen Partei muss er sich nicht mehr mit der Feinmechanik katholischer Morallehre herumschlagen. Und wenn es politisch opportun ist, ein paar biblische Verse zu zitieren – nun, dann tut er das eben. Feuer mit Feuer bekämpfen, wie Newsom in München sagte.