Evangelische Morgenfeier
Liebe verändert dich, sagt Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen in ihrer Evangelischen Morgenfeier an Trinitatis. Inwiefern das so ist und was das mit Romeo und Julia sowie der Dreifaltigkeit zu hat, lesen Sie in ihrer Predigt.
Frau mit Herz im Dunkeln
Ein Herz pocht im Dunklen...

Warum liebt Romeo Julia und Julia Romeo?

Die legendäre Liebe auf den ersten Blick habe ich nicht kennengelernt. Aber dass Liebe mich verändert. Jede Liebe. Dass sie in Sekundenschnelle eine neue Wirklichkeit schafft. Unsere erste Liebe und unsere allerletzte wird es können. Liebe begreift, was dem Verstand verborgen bleibt. Sie ist schneller, sie ist manchmal auch gründlicher. Sie ist auf jeden Fall grenzenloser, geht viel weiter. Sie umspannt Welten, die von sich aus nicht zusammengehören. Himmel und Erde. Leben und Tod. Schönes und Hässliches. Verfeindete Familien. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Reich und arm. Die Liebe schert sich nicht um all diese Grenzen. Die Liebenden selbst auch nicht, wenn man sie lässt. Und wenn sie es zulassen. Romeo liebt Julia und Julia liebt Romeo. Der heilige Franziskus küsst den Bettler. Orpheus sucht seine Eurydike bei den Toten. Liebesgeschichten. Herzzerreißend, großartig, wunderbar.

Und doch scheint es mir immer wieder, dass es gefährlich ist, nur auf sie zu setzen. Denn Liebesgeschichten sind auch der Stoff für die tiefsten Verletzungen. Für Wunden und Zerwürfnisse, die manchmal ein Leben lang brauchen, um zu heilen oder es auch nie tun. Der Verrat. Die Gewalt. Das nicht gehaltene Versprechen. In der Liebe tut es am meisten weh, und nur in der Liebe tut es so weh. Kann es gut gehen, auf die Liebe zu setzen? Warum tun wir es? Warum geht es gar nicht anders?    

Beginnen wir bei Romeo und Julia. Warum liebte Romeo Julia?

Weil sie jung war und schön. Ja, ganz sicher, geblendet war er von ihrer Schönheit.  Aber war da nicht noch mehr? Die Capulets und die Montagues waren füreinander tabu. Und bekanntlich steigern Verbote die Attraktion. Wollte Romeo in jugendlichem Übermut ausprobieren, welche Grenzen er überschreiten kann?

Warum liebte Julia Romeo?

Weil auch er jung und schön war? Liebte sie Romeo, um die Liebe und die Selbstüberschreitung kennen zu lernen? Oder gab es da in Romeo womöglich etwas ANDERES, von dem sie sich wünschte, dass es ihr jeden Morgen neu begegnen würde – ein ganzes Eheleben lang? Das Andere, Überraschende, das Unbekannte, das herzerfrischend Lebendige und Neue.

Liebe verlangt immer nach dem Unbekannten. Dem Anderen. Auch in uns selbst.

Liebe ist keine gute Tat, aber sie verändert dich - singt Herbert Grönemeyer.

Liebe erspart dir keinen Alltag, reißt nicht jeden Himmel auf.

Liebe schmeißt nicht ständig Reis, aber sie macht dich leicht.

Dreifaltigkeit – das Gottesbild der Liebe

Der Sonntag heute ist einem Geheimnis, einem besonderen Bild von Gott gewidmet. Der Dreifaltigkeit, Dreieinigkeit, der Trinität. Zwei Wesen in Interaktion, im immerwährenden Gespräch miteinander und das, was sie verbindet, was zwischen ihnen hin- und hergeht, ist der Geist. Vater Sohn und Heiliger Geist. Gott ist Beziehung. Der Grund der Wirklichkeit, in der wir leben, ist Begegnung, Beziehung.

Diese Lehre vom dreieinigen Gott ist für viele Menschen, auch für viele Christen, ein Buch mit sieben Siegeln, unverständlich. Für mich hat es sich erst gelöst durch die Erkenntnis: Gott ist Liebe. Das ist das Geheimnis der Trinität. Denn Liebe ist immer Beziehung, ist immer auf ein Du ausgerichtet, ist immer Gemeinschaft. Wir Christen glauben an einen Gott, der nicht einsam und alleine im Weltenall thront. Sondern an einen Gott, der von Anfang an ein Wir ist, eine Gemeinschaft der Liebe. Der liebende Vater, der geliebte Sohn, der Geist als das Band der Liebe zwischen beiden. So haben es die Alten beschrieben. Es ist ein Bild von Gott, das allen Bedürfnissen von Alleinherrschaft widerspricht. Und allen Darstellungen einer Chefsesseltheologie, wie der alte Mann mit Bart sie über so lange Zeit war. Da ist immer Bewegung, kein Stillstand, kein Anfang und kein Ende. 

Für mich beginnt die Liebesgeschichte mit der Anrede Gottes als "Abba". So hat Jesus Gott angerufen. Vater. Ich gestehe, mein Name für Gott ist das nicht unbedingt. Lebendige, Freundin, Mutter des Lebens, Geliebter sage ich eher. Aber das ist etwas Ungeheuerliches, dass es möglich ist, Gott so zu rufen. Nach allem, was in dieser Welt geschieht an Rätselhaftem, Zerstörerischen. An Katastrophen und Widersprüchen. An verdrehter Liebe. Jesus von Nazareth hat unter der römischen Besatzungsmacht gelebt. Unterdrückung, Ausbeutung, Armut der Landbevölkerung. Die Frauen rechtlos wie auch die Kinder. Er hat das erlebt, gesehen, selbst erlitten. Und doch: Dass sich ein Mensch so weit vorwagt im Vertrauen und den Grund allen Lebens, das Geheimnis der Wirklichkeit zärtlich "Abba" Vater, Papa zu nennen. Das überwältigt mich immer wieder.

Kurz vor seinem Tod öffnet Jesus den Türspalt zu diesem Geheimnis, zur innigen Liebesgemeinschaft von Vater und Sohn: das Liebesspiel mit Ineinander und Miteinander, wie Liebende es kennen. Ich in dir und du in mir. Man ist zwei und doch eins. Und wenn Liebe dieser Urgrund ist, dann haben viele Platz in dieser Gemeinschaft. So betet Jesus für die Menschen, die an ihn glauben:

Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie auch wir eins sind: Ich in ihnen und du in mir, damit sie völlig eins sind und die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass du sie genau so lieb hast, wie du mich lieb hast... Ich habe ihnen verkündet, wer du bist, und werde das weiterhin tun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen." (Joh 17,19-23)

Muss Liebe so weh tun? Nur Liebe kann so weh tun

Auch über der Liebesgeschichte von Jesus und Gott Vater kann die Frage stehen: Muss Liebe so weh tun? Ich glaube:  Nur Liebe kann so weh tun. Wer die Evangelien liest, wird Zeuge dieser sehr mutigen Liebesgeschichte. Oder einer großen Unterbrechung. Die geschlossenen Bilder von dem, was Leben ist und wie es zu sein hat, unterbricht Jesus. Unterbricht die Liebe. Er segnet die Kinder und theologisiert mit Frauen, berührt die unberührbaren Kranken. Mit den Ausgestoßenen, Verachteten feiert er Gelage. Die Fremden, die ganz Anderen, Samariter, Syrophönizier, die durch eine festgezimmerte Mauer getrennt sind vom eigenen Volk, bekommen Zugang zu dieser Liebe. Das ist die Handschrift des menschgewordenen Gottes. Doch was leicht und luftig und befreiend daherkommt, muss dann durch das dunkle Tal der Todesschatten. Kann die Liebe auch die einschließen, die sie nicht akzeptieren? Die auf anderes setzen? Auf Kontrolle. Auf absolute Sicherheit, koste es, was es wolle. Auf das ökonomische Prinzip von Gewinn. Auf das politische Prinzip von Herrsche und Teile und mach dir Untertanen und Abhängige. Hier beginnt es, sehr weh zu tun. Diese Auseinandersetzung kostet Jesus das Leben. Sie kostet immer Menschen das Leben, die an der Liebe festhalten, obwohl man sie ihnen austreiben will. "Vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!" Und "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das ist die Sprache dieser Liebe, die weh tut, weil nur Liebe so weh tun kann. Weil Liebe darauf besteht, dass es eine Verbindung gibt, die nicht abreißt. Auch dort, wo man schon lange nicht mehr miteinander reden kann. Auch dort wo die Liebe unter Gewalt und Irrsinn für immer begraben scheint. Und weil Liebe darauf besteht, dass alle Menschen Geschöpfe sind, aus göttlicher Liebe geschaffen und oft auch in Liebe und Leidenschaft gezeugt.

Und doch scheint es mir immer wieder gefährlich zu sein, nur auf die Liebe zu setzen. Wie das Christentum. Verspricht man nicht zu viel, wenn man sagt Gott ist Liebe? Ist da die Enttäuschung nicht vorprogrammiert? Eine Institution, die auf Liebe setzt, ist immer gefährdet, ihrem Anspruch, ihrem Versprechen mindestens hinterherzuhinken. Oder es ganz zu verraten.

Die Wolke der Liebenden

Doch Menschen können weit gehen im Namen dieser Liebe. Sehr sehr weit. Am Gründonnerstag bekommt eine Pfarrerin den Bescheid, dass sie sich strafbar gemacht hat. Strafbar einer Tat der Liebe. Sie hat einem jungen Ehepaar aus Afghanistan Kirchenasyl gewährt. Das Paar kann keine Kinder bekommen, aber ihre Liebe zueinander trägt auch diesen Schmerz. Nur in ihrem Land würde das nicht zählen. Das Paar müsste getrennt werden, nach dem Willen der Eltern, die behaupten jeweils der andere, nicht das eigene Kind sei verantwortlich für die Kinderlosigkeit. Die Frau müsste einen anderen heiraten, dann wäre die Familienehre gerettet. Das haben ihre Eltern beschlossen. Eine Abschiebung aus Deutschland hätte genau das zur Folge. Die Pfarrerin steht zu ihren Schützlingen. Gegen sie wird strafrechtlich ermittelt, aber ein Urteil steht noch aus.

 "Von Menschen und Göttern" heißt ein Film aus dem Jahr 2010. Er erzählt die reale Geschichte eines Klosters in Thibirine, Algerien. Die Geschichte von 7 Männern, 7 französischen Mönchen, die hier in einer kargen Berglandschaft ein Leben im Gebet gewählt haben. Ein christliches Leben in einem Land, das vom Islam geprägt ist. Sie haben ausschließlich Kontakt zu Menschen, die nicht ihre Religion teilen, sondern einem anderen Weg folgen. Belastet von den Wirren des algerisch-französischen Krieges. Belastet von einer radikalen Auslegung des Islam, von Terror und Feindschaft, leben die Mönche hier. Pater Christian Chergé, ihr Abt, pflegt Gebetsgemeinschaft mit muslimischen Freunden, überzeugt davon, dass Gottes Liebe unteilbar ist und allen gleichermaßen gilt. Er begegnet ihr im Hören auf das Gebet der Anderen. Und in der Stille, in der jeder auf seine Weise zur Quelle dieser Liebe spricht und sich vorwagt dorthin, wo es keine Trennung gibt. An Heiligabend 1993 taucht eine bewaffnete Gruppe von Islamisten im Kloster auf und bedroht die Mönche. Daraufhin verfasst Abt Christian einen Abschiedsbrief in der Vorahnung, dass sie hier alle sterben werden, ermordet von Islamisten. In diesem Brief schreibt er:

 "Mein Leben ist nicht mehr wert als das irgendeines anderen. Allerdings auch nicht weniger. Auf jeden Fall hat es nicht die Unschuld der Kindheit. Ich habe lange genug gelebt, um zu wissen, dass ich mitschuldig bin am Bösen, das – leider – in der Welt vorzuherrschen scheint, und sogar an jenem Bösen, das in seiner Blindheit gerad mich treffen könnte. Ich möchte mir wünschen, dass mir, wenn der Augenblick gekommen ist, noch jener Moment geistiger Klarheit bleibt, der mir erlaubt, Gott und meine Brüder auf Erden um Verzeihung zu bitten und zugleich aus ganzem Herzen dem zu verzeihen, der Hand an mich gelegt hat." (aus: Bernardo Olivera, "Amen" und "Inschallah". Die sieben enthaupteten Zeugen für Christus im muslimischen Algerien, Bernardus-Verlag 2011, S 13)

Er spricht weiter von den Feindbildern zwischen Franzosen und Algeriern. Und beharrt darauf, dass es für ihn anders ist.

 "Wie oft habe ich (im Islam) sogar jenen `roten Faden` des Evangeliums wiedergefunden, das ich auf dem Schoss meiner Mutter – meiner allerersten Kirche – kennenlernte, und zwar gerade in Algerien, …in Ehrfurcht vor den muslimischen Gläubigen." (s.o., S 14)

Am Ende schließt er alle ein in ein großes Danke. Auch den, der ihm das Leben nehmen wird. Er schaut im Gesicht auch dieses Menschen das Antlitz Gottes.

Und auch Du, Freund der letzten Minute, der Du wohl nicht gewusst hast, was Du tatest: Ja, auch Dir gilt dieses DANKE und dieses À-Dieu, das dein Gesicht angenommen hat. Und möge es uns geschenkt werden, uns… im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott gefällt, der unser beider Vater ist." (s.o., S 15)

Lange bevor der islamistische Terror die USA und Europa erschüttern sollte, hat ein Mönch einen gewaltfreien Weg gezeigt, dem Terror zu ganz persönliche Wolke der Zeugen. Oder Wolke der Liebenden. Menschen, die mich motivieren und bestärken, sehr weit zu gehen in der Liebe.begegnen. Immer wieder sind einzelne Menschen ihm darin gefolgt. Für mich gehört Christian de Chergè in meine ganz persönliche Wolke der Zeugen. Oder Wolke der Liebenden. Menschen, die mich ermutigen du bestärken, sehr weit zu gehe in der Liebe.

Dreifaltigkeit – in der Liebe sind alle Ambivalenzen gehalten

Man hat versucht, die Liebe zu kategorisieren. Eros - die erotische Liebe, agape – die Liebe zum Schwachen, die uneigennützige Liebe, philia – die Liebe zum Freund, zur Freundin, storgä – die elterliche Liebe zum Kind oder zwischen Geschwistern, das Gemeinsame zwischen Ehepartnern. All diese Formen und Facetten von Liebe – und man könnte ja noch viel mehr aufzählen – sind göttlichen Ursprungs. Oder ein Weg, Gott zu erfahren, in Gott zu sein in diesem Leben. Im Küssen und streiten, im Nein und im Ja der Liebe. Ihre Wege sind schwer und dann doch auch einfach. Der andere Mensch hat immer Gründe, warum er so handelt, so denkt. Das ist das eine. Und die Liebe gesteht sie ihm zu, dieses andere Fremde, auch Abgründige. Sie hält fest daran, dass der Mensch nicht aus der göttlichen Ordnung der Liebe fällt. Sie weigert sich, ihn zu dämonisieren. Denn auch das ist Teil der christlichen Liebesordnung: im Bild der Dreifaltigkeit, in der Liebesbeziehung zwischen Vater und Sohn sind alle Ambivalenzen des Lebens sichtbar. Und sie fallen nicht auseinander. Sie sind gehalten. Gott ist Schöpferin allen Lebens. Und Gott leidet und stirbt am Kreuz. Gott ist allmächtig und ohnmächtig. Gott ist König und Lamm. Gott ist Anfang und Ende. Gott ist tot und lebt und belebt alles. Gott segnet. Gott lässt alles vergehen, was sich dem Leben entgegenstellt. Gott ist Himmel und hat die Hölle durchschritten. Kein Grund, etwas abzuspalten, auszugrenzen. In der göttlichen Liebe ist alles gehalten.

Diese Liebe ist für jeden Menschen eine Herausforderung. In der Beziehung zu seinen Eltern, seiner Partnerin, seinem Partner, seinen Kindern, Freundinnen und Freunden. Sie ist innerhalb einer Gesellschaft immer wieder die Herausforderung schlechthin. Es ist gut, dass der Verfassungsschutz Bewegungen, die die Demokratie ablehnen und abschaffen wollen, beobachtet. Der Gewalt nicht freien Lauf lässt. Es ist gut und höchste Zeit, Verbrechen an Kindern viel härter zu bestrafen. Was für eine Erleichterung, dass der Polizist, der George Floyd ermordete, eine so hohe Gefängnisstrafe bekommen hat. Das sind die Möglichkeiten des Rechts und des Staatsschutzes. Aber das Zusammenleben ist damit allein nicht garantiert. Wie schaut jede und jeder auf die Menschen, die Verbrechen begehen, oder sich in Verschwörungsphantasien und -geschichten verwickeln lassen?  Diese Menschen zu verdammen, zu belächeln, oder Pack zu nennen, ist der bequeme Weg. Schwerer ist es, darunter zu leiden, dass das Gespräch gar nicht möglich ist. Dass da gar nichts mehr hin und her geht und der Geist schweigt, dieses kreative Etwas, Wind, Sturm, Atem. Ruach! Pneuma. Leicht und doch kraftvoll, nicht festzunageln, unverfügbar – der Geist, der uns auf neue Ideen bringt und uns Wege finden lässt, Auswege aus der Sackgasse. Der Geist, der die Liebe schenkt – wenn auch er schweigt? Der Apostel Paulus hat hier einen Vorschlag: Paulus sagt, der Geist betet in uns, wenn uns selbst die Worte fehlen. Nicht mit Worten. Er seufzt in uns. Unaussprechlich. Der Geist besteht auf der Liebe, die uns lebendig macht und in Bewegung hält. Und in jedem das Antlitz Gottes aufleuchten lässt, auch wenn ich selbst es nicht mehr sehe. Auch in mir selbst nicht mehr sehe, das ist ja auch nicht zu vergessen! Und nicht zu vernachlässigen.

Ein Psychologe hat den Vorschlag gemacht, Menschen, die sich in Verschwörungstheorien verstricken, mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht sind sie in einem Familiensystem aufgewachsen, in dem wesentliche Wahrheiten nicht ausgesprochen werden durften. Beziehungskrisen. Geldsorgen. Krankheiten. Suchtkrisen. Und sie bekommen den Eindruck: die Wahrheit wird mir verschwiegen, sie ist immer verborgen, ich muss sie auf meine Weise herausfinden. Sie ist immer nur in Form von Geheimwissen verfügbar. Da kann Vertrauen nicht wirklich wachsen. Man kann sich nur auf sich selbst verlassen und bleibt grundsätzlich misstrauisch gegenüber Autoritäten. Man kann sie nur demaskieren. In Zeiten von Corona können sowohl Politiker*innen als auch Wissenschaftler*innen wenig Sicherheit vermitteln, sie sind immer wieder auf der Suche nach Lösungen. Perfekte Bedingungen für Menschen mit Demaskierungszwängen, ihr Misstrauensradar hochzufahren. Überall lauern Gefahren und man muss doch die echte Wahrheit herausfinden. Einfache, eindeutige Geschichten, in denen der Gegner, der Feind, der Verursacher eindeutig ist.

Nein, Gespräche sind da nicht möglich. Aber die seelische Not mitbedenken, die hinter diesem Verhalten stecken könnte, das ist ein Ausweg, den die Liebe zeigt.

Kann man sie eigentlich einüben? Kann man sie trainieren? Unsere Zeit weiß ja für alles eine Übung. Ich kenne zwei Geheimnisse:

 Darum bitten. Um die Liebe bitten. Und mit der Liebe zu sich selbst anfangen. Sie soll am Schluss das Wort bekommen, denn auch hier begegnen wir der göttlichen Liebe.

"Mir wird die allergrößte Liebe zuteil, singt Whitney Houston.
ich fand die allergrößte Liebe in mir."

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörerinnen und Hörer immer sonntags von 10.32 bis 11.00 Uhr. Dabei haben Pfarrerinnen und Pfarrer aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.

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