Es begab sich aber zu der Zeit, dass die neunjährige Anna ausersehen wurde, im Weihnachtskrippenspiel ihres Dorfes eine Rolle zu spielen, um die sie alle beneideten. Sie, nicht etwa ihre seltsame Nachbarin und Nichtfreundin Heidi, durfte das Hirtenmädchen sein und in der Heiligen Nacht an der Krippe des Jesuskindes Flöte spielen. Und zwar ihr Lieblingslied, das ja vielleicht auch das Lieblingslied des kleinen Heilands war. "Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben." Vor allem Annas Mutter war sehr stolz auf Anna. Nicht zuletzt deshalb, weil auch sie weder Heidi noch deren komische Mutter leiden konnte.

Als der Abend des Heiligen Abends näherkam und unglaublicherweise sogar Schneeflocken aus dem grauen Himmel herabzutänzeln begannen und die Weihnachtsstimmung perfekt machten, brachen die Menschen des Dorfes auf zum Kirchlein auf dem Hügel hinter dem Wald. Dort würde es stattfinden, das Ereignis, das der Höhepunkt der Adventszeit und eigentlich auch der Höhepunkt der ganzen Weihnachtszeit war. Das Krippenspiel.

Mittlerweile schneite es so sehr, dass der Weg durch den Wald schwerer zu finden war als sonst, zumal in der Dämmerung. Alle beeilten sich, um aus dem Schneetreiben ins Kerzenlicht des Kirchleins zu fliehen. Nur Anna blickte mit großen Augen und ebenso großer Gelassenheit verträumt und trödelnd in die Flockenpracht. "Komm jetzt endlich", rief ihre Mutter. "Wir sind spät dran. Und du bist die Wichtigste. Vergiss das nicht."

Anna wunderte sich trotz ihres unbändigen Stolzes, die Rolle des Hirtenmädchens spielen zu dürfen, ein wenig. Sie hatte immer geglaubt, das Jesuskind sei das Wichtigste. Aber natürlich freute sie sich darüber, dass ihre Mutter sie für so wichtig hielt. Auch wenn Anna hin und wieder der Gedanke kam, dass ihre Mutter vor allem sich selbst für wichtig hielt. Aber in der Regel verscheuchte sie diesen Gedanken gleich wieder.

Den Weg verloren und verirrt

Als Anna so vor sich hin sann, merkte sie auf einmal, dass sich die Stimmen der Anderen immer weiter entfernten und sie den Anschluss an sie verlor. Sie war schon hunderte Male durch diesen Wald gelaufen. Heute allerdings schien es ihr, als sei sie noch nie hier gewesen. Und irgendwann stellte sie fest, dass sie den Weg verloren und sich tatsächlich verirrt hatte. "O nein", dachte sie und begann erst zaghaft und dann lauter nach ihrer Mutter zu rufen. Aber der Schnee verschluckte alles.

Trotzdem schien jemand sie zu hören. Denn auf einmal sagte eine Stimme: "Hier bin ich. Komm her. Bitte." Anna gefror das Blut in den Adern. Sie wollte weglaufen. Aber je mehr sie weglaufen wollte, desto versteinerter stand sie da mit ihrer Pudelmütze, ihren Moonboots, ihrem nassen Anorak und ihrem kleinen Rucksack, der das wichtigste Utensil des Abends, nämlich ihre Flöte barg.

"Komm her", sagte die Stimme, die von der großen entwurzelten Fichte zu ihrer Linken herkam. "Bitte." Und Anna konnte nicht anders, als das zu tun, wovor ihre Mutter sie unentwegt warnte. Sie folgte der fremden Stimme und bewegte sich in ihre Richtung.

Unter dem entwurzelten Baum kauerte ein Mann. Als sie sah, wie heruntergekommen er war, wollte sie erneut die Flucht ergreifen. Aber wieder gelang es ihr nicht.

"Hast du etwas zu essen?", fragte der Mann, der etwas jünger zu sein schien als ihr Vater und den sie in der Gegend des Dorfs noch nie gesehen hatte.

Anna fröstelte, obwohl die Stimme eigentlich sympathisch war, was den fremden Mann aber natürlich kein bisschen ungefährlicher machte. Das wusste Anna. Aber anders als der entwurzelte Baum stand sie wie festgewurzelt und hörte sich plötzlich sagen: "Ich habe eine Tafel Schokolade."

Bei dem Wort Schokolade leuchteten die traurigen Augen des Fremden. Anna setzte ihren Rucksack ab und suchte darin nach der Tafel.

"Hoffentlich ist sie nicht gefroren", sagte sie. "Dann schmeckt sie dir vielleicht nicht."

"Das macht nichts", sagte der Mann und lächelte. "Ich bin Schlimmeres gewohnt. Wirklich."

Anna brach die Tafel entzwei, gab das größere Stück dem Fremden und behielt ein kleines Stück für sich zurück.

"Ich danke dir", sagte er. "Seit Tagen habe ich nichts gegessen. Aber iss doch du auch ein Stück." Sie aßen. Und als sie aßen, mussten sie beide lachen, weil es krachte, als bissen sie in uraltes Brot.

Nachdem sie gegessen hatten, fragte der Fremde Anna: "Darf ich dich etwas fragen?"

"Klar", sagte sie, als ihr plötzlich siedendheiß einfiel, dass sie es vielleicht nicht mehr zum Krippenspiel schaffen würde.

"O nein. Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss gehen."

"Bleib doch hier", sagte der Mann. "Ein bisschen wenigstens. Ich habe so lange mit keiner Menschenseele geredet. Bitte bleib bei mir. Es ist so dunkel. Wie heißt du eigentlich?"

Und wieder merkte Anna, dass sie nicht wegzulaufen vermochte, weil die Augen des Fremden so traurig waren. "Ich heiße Anna."

"Glaubst du an Gott, Anna?"

"An Gott?" fragte sie und stellte fest, dass sie über diese Frage noch nie nachgedacht hatte. Sie sah, wie der Fremde sie ansah. Irgendwie flehend und voller Erwartung.

Und weil alles so seltsam war, vergaß sie, was sie nicht vergessen wollte. Sie vergaß, dass sie sich sputen musste, weil das Krippenspiel sicher jeden Moment beginnen würde. Wenn sie nur eine Uhr gehabt hätte! Insgeheim hoffte sie seit Wochen, dass sie heute abend vielleicht eine unter dem Christbaum finden würde. Aber das war natürlich zu spät.

Glaubst du an Gott?

"Sag, Anna, glaubst du an Gott?", hörte sie den Mann ein zweites Mal fragen.

Und sie sagte, von sich selbst überrascht und dann auch wieder nicht. "Ja, ich glaube schon, dass ich an Gott glaube."

"Warum glaubst du an ihn? Warum glaubst du, dass es ihn gibt, Anna?"

"Weil es Scheiße wäre, wenn es ihn nicht geben würde."

Darüber mussten sie wieder beide lachen. Aber sie sah, dass der Mann Tränen in den Augen hatte und dass in diesem Augenblick ein großer Stein von seinem Herzen gewälzt wurde. Sie wusste nicht, woher sie das wusste. Aber sie wusste es. Und ohne dass sie wusste, warum, fiel auch ihr ein Stein vom Herzen.

"Und du? Glaubst du an Gott?", fragte sie ihn.

Der Fremde schwieg. Dann sagte er: "Ja, ich glaube an Gott. Aber an die Menschen kann ich nicht mehr glauben."

"Warum nicht?", fragte Anna, der auf einmal ihre doofe Nachbarin Heidi und deren noch doofere Mutter in den Sinn kam.

"Das ist eine lange Geschichte. Eine viel zu lange Geschichte. Aber sag, was hast du da noch in deinem Rucksack?"

Weil Anna sah, dass der Mann noch immer hungrig war, sagte sie: "Leider nichts zu essen. Nur meine Flöte."

In diesem Augenblick wusste sie, dass das Krippenspiel ohne sie stattfinden würde. Und sie wusste auch, dass ihre Mutter nicht nur sauer auf sie sein, sondern sich fürchterliche Sorgen um sie machen würde.

"Spiel mir etwas vor", sagte der Mann. "Bitte."

Und weil ohnehin schon der Wurm in diesem verwunschenen und verlorenen Abend war, erfüllte Anna dem Fremden seinen Wunsch und spielte mit Inbrunst, als wäre sie nicht auf Abwege geraten, sondern als befände sie sich in dem Kirchlein auf dem Hügel, als hörten alle ihr zu, als hätten sie nur Augen für sie und als könne sie geradezu sehen, wie ihre Nichtfreundin Heidi und deren Mutter vor Neid platzten. Sie spielte: "Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohl gefallen."

Als sie zu Ende gespielt hatte, sah sie, dass der Mann weinte. Und weil er ihr leid tat, sagte sie: "Bitte glaub wieder an die Menschen. Es wäre echt Scheiße, wenn du nicht mehr an die Menschen glauben würdest. Du könntest ja zum Beispiel an mich glauben."

Da mussten sie beide wieder lachen.

"Ich muss gehen. Ich muss jetzt wirklich gehen", seufzte sie dann, obwohl es ihr schwerfiel, sich loszureißen, und obwohl sie wusste, dass es zu spät war und dass sie nicht mehr voller Vorfreude und Aufregung zum Krippenspiel in der Kirche, sondern mit hängendem Kopf zurück nach Hause gehen würde.

"Mach‘s gut", sagte sie. "Pass auf dich auf." Und weil es ihr auf einmal im Innersten ihres Herzens danach war, fügte sie sicherheitshalber hinzu: "Bitte."

"Keine Sorge", sagte der Fremde und lächelte. "Ich passe auf mich auf." Und dann sagte er: "Danke, Anna."

Nach einer Weile drehte sie sich noch einmal zu ihm um, um ihm zuzuwinken. Aber sie sah ihn nicht mehr. Es war zu dunkel. Dabei schien es Anna, als sei es heller geworden. Und so fand sie den Weg wieder, den sie verloren hatte.

Ein Heiliger Abend ohne Geschenke

Als sie zu Hause ankam, sah sie auf die Küchenuhr. Das Krippenspiel war längst zu Ende. Das Krippenspiel, das ohne sie stattgefunden hatte. Sie ahnte, dass es ein schrecklicher Heiliger Abend werden würde, weil ihre Mutter ihr das nicht verzeihen würde. Sie würde Anna nicht verzeihen, dass sie sie durch ihr Verschwinden in Angst und Schrecken versetzt hatte. Und sie würde ihr auch nicht verzeihen, dass sie ihr den Heiligen Abend verdorben hatte. Es würde ein Heiliger Abend ohne Geschenke und ohne Stolz auf das Mädchen werden, das ausersehen war, vor dem Heiland Flöte zu spielen.

Anna setzte sich an den Küchentisch, vergrub den Kopf in ihre Hände und wartete. Wenig später hörte sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und wie die zeternde, wenig weihnachtliche, mit sich selbst streitende Stimme ihrer Mutter die Treppe hochstieg.

Als sie Anna sitzen sah, türmte sich ihre Mutter im Türrahmen auf wie ein drohendes Gewitter und sagte: "Hier bist du also. Und ich brauche dir sicher nicht zu sagen, wer an deiner Stelle vor dem Jesuskind Flöte gespielt hat." Dann brach sie in Tränen aus. Vor Wut, dass die unselige Heidi Anna im letzten, unwahrscheinlichsten Moment die Schau gestohlen hatte. Vielleicht aber auch vor Erleichterung, ihre verlorene Tochter wiedergefunden zu haben.

Auf einmal war Anna, als hörte sie an diesem Abend zum zweiten Mal jemanden sagen: "Komm her." Und weil ein eigenartiger Friede sie zu erfüllen begann, stand sie auf, ging auf ihre Mutter zu, nahm sie, die nicht wusste, wie ihr geschah, in den Arm und sagte: "Frohe Weihnachten, Mama. Sei nicht böse und sei nicht traurig. Alles wird gut."

Und als sie merkte, dass diese Worte ihrer Mutter die Sprache verschlugen, sagte sie es noch einmal – mit einer Gewissheit und einer Bestimmtheit, über die sie sich selbst am meisten wunderte. "Ich weiß es wirklich, Mama. Ich weiß nicht, warum. Und ich weiß auch nicht, wie. Aber ich weiß, dass alles gut wird. Frohe Weihnachten."