Franziskanerbruder Natanael Ganter lebt dort, wo Einfachheit und gelebter Glaube zum Alltag gehören: im Kloster St. Anna in Lehel, München. Zwischen Gebet, Arbeit und Begegnung mit Menschen spricht er über das, was den franziskanischen Orden seit Jahrhunderten prägt – Bescheidenheit, Gemeinschaft und Nähe zu den Ausgegrenzten. Im Interview erzählt er von seinem Weg in den Orden, der Suche nach Sinn in einer lauten Welt und warum Einfachheit für ihn die größte Freiheit bedeutet.
Die Franziskaner wurden vor über 800 Jahren von Franz von Assisi gegründet. Ihr Leben ist geprägt von Bescheidenheit, Armut im Sinne einer einfachen Lebensweise, Engagement für die Mitmenschen und tiefer Spiritualität.
Sie hatten eine erfolgreiche Karriere im Marketing und haben in leitender Funktion gearbeitet. Was hat Sie dazu bewegt, diesen Weg zu verlassen und ins Kloster zu gehen?
Natanael Ganter: Bei mir war es die Entdeckung, dass weniger für mich mehr bedeutet - also in Beruf, Karriere, Wohnung, Auto, Partnerschaft. Irgendwann, so mit Ende 20, stand ich an dem Punkt, wo ich dachte: "Na ja, okay, wie geht es jetzt weiter? "Und ich habe für mich persönlich gemerkt: Ich möchte gar nicht mehr haben, sondern das ist alles, was ich erreicht hab – und das wird mir eigentlich zur Last.
"Für mich die Erkenntnis, dass es mir guttut, weniger zu haben"
Wie haben Sie damals gelebt?
Ich hatte ein Auto, ich hatte eine Wohnung und ich hatte gute Berufsaussichten und eine Karriere. Am Anfang dachte ich, mit mir persönlich würde etwas nicht stimmen. Mir fehlte die Antriebskraft, um zu sagen: "Okay, jetzt habe ich einen Golf, als Nächstes wäre doch ein Mercedes oder ein BMW angebracht." Irgendwie hat mich das so ziemlich kalt gelassen. Und auch beruflich hatte ich gar nicht diese Ellenbogen, um mitten in der Karriere den nächsten Schritt zu machen, den Antrieb, irgendwann Creative Director oder sonst irgendwas zu werden. Für mich war dann tatsächlich die Erkenntnis, dass es mir guttut, weniger zu haben. Ich habe eine kleinere Wohnung genommen, statt einer Zwei-Zimmer-Wohnung eine möblierte Einzimmerwohnung. Ich habe meine ganzen Möbel verschenkt. Es war mir netter, mit weniger auszukommen.
Und dann bin ich in der Zeit zufällig auf die Biografie vom Heiligen Franziskus gestoßen. Da habe ich gemerkt: Dieser Heilige von vor 800 Jahren hat eine Antwort auf meine Krise von heute. Also dieses gar nicht mehr haben zu wollen, sondern dass es einfach guttut, weniger zu haben, die Dinge loszulassen und bescheidener zu leben. Das hat für mich die erste Neugier geweckt: Wer war eigentlich dieser Franziskus? Ich kannte vorher keine Franziskaner. Über die Neugierde am Heiligen Franziskus habe ich Kontakt zum Orden bekommen. Ich habe Seminare besucht, ein Osterseminar gemacht, eine Woche mitgelebt – und fand die Vorstellung sehr wohltuend, sich selbst wieder arm zu machen.
Was an den Werten von Franziskus von Assisi begleitet Sie bis heute?
Was mich als Erstes an ihm fasziniert hat, war dieser Hang zur Armut. Ich würde heute eher von Bescheidenheit sprechen. Armut könnte man auch als Elend beschreiben, und das kann nicht das Ziel sein, sondern eher eine bescheidene Haltung.
Später habe ich gesehen, dass der Heilige Franziskus viel mehr Facetten hat. Zum Beispiel der Sonnengesang: Da beschreibt er eine geschwisterliche Beziehung zur ganzen Natur. Das ist für mich absolut modern – nicht dieses Denken, wir beherrschen die Natur, sondern der Mensch ist Teil der Natur. Für uns Christen ist die Natur Schöpfung. Gott hat die Natur geschaffen, Gott hat uns geschaffen, und wir sind Teil davon. Franziskus nennt alle Elemente Bruder und Schwester, sogar den Tod.
Was mich auch fasziniert hat, war seine interreligiöse Bereitschaft. Im Mittelalter gab es faktisch keinen Dialog. Und Franziskus hat sich getraut, in einer kriegerischen Auseinandersetzung über das Schlachtfeld zu gehen, sich festnehmen zu lassen, drei Tage mit dem Sultan zu verbringen und anschließend mit ein paar Geschenken heimzukommen. Dieses friedliche Zugehen auf den Gegner – das war für mich sehr inspirierend. Dieses Gesamtgemisch aus Vorbildfunktion war irgendwann der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich will seine Lebensweise folgen als Franziskaner.
Gibt es etwas, das Sie aus Ihrem alten Leben, vor dem Eintritt ins Kloster, vermissen?
Ich lebe dieses neue Leben seit über 20 Jahren und habe es sehr zu schätzen gelernt. Es gibt wenig, das ich wirklich vermisse. Mit Ende 20, Anfang 30 bin ich ins Kloster eingetreten, heute bin ich 50 – da hat man andere Ideen und Wünsche vom Leben. Das ist eine normale Entwicklung, wie bei jemandem, der früher mit Freunden um die Häuser zog und jetzt Familienvater ist. Vielleicht vermisse ich manchmal die Zeit ohne Internet – damals war das Leben irgendwie direkter. Aber eigentlich habe ich einfach gemerkt, dass sich mein Leben und meine Schwerpunkte verändert haben.
"Dieses Gemeinschaftsleben ist etwas sehr Befreiendes"
Was macht Ihnen im Klosteralltag am meisten Freunde?
Was mir sehr viel Freude macht, ist die Armut und die Bescheidenheit – und daraus resultierend nicht jeden Monat Rechnungen auf dem Tisch zu haben. In dem Moment, wo ich mich arm mache und in der Gemeinschaft lebe, muss ich mein Leben nicht komplett selbst gestalten und irgendwelchen säumigen Kunden nachrennen.
In der Gemeinschaft teilen wir die Aufgaben: Einer kümmert sich um die Finanzen, ein anderer um den Einkauf. Ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, schreibe für unsere Zeitschrift und betreue die Website. Dieses Gemeinschaftsleben ist etwas sehr Befreiendes. Wir leben wie eine große Generationen‑WG – Brüder zwischen 40 und 85 Jahren –, teilen Gebet, Mahlzeiten und Arbeit. Das sind keine Freunde, die ich mir ausgesucht habe, sondern Menschen, mit denen mich der Glaube verbindet. Franziskus hat das schon gesagt: "Der Herr hat mir Brüder gegeben" - mit allen Freuden und Problemen, die dazugehören.
Wie gehen Sie im Kloster mit Konflikten um?
Konflikte gibt es natürlich, bei so vielen Menschen unter einem Dach. Unterschiedliche Ansichten gehören einfach dazu. Wichtig ist, erwachsen damit umzugehen: darüber zu reden, statt Dinge schwelen zu lassen. Es ist besser, sich einmal ehrlich – auch lautstark – die Meinung zu sagen, als den Ärger mit sich herumzutragen. Das hat auch mit unserem Ordensgelübde des Gehorsams zu tun. Gehorsam heißt für mich, bereit zu sein, auf jemanden zu hören – auch wenn man anderer Meinung ist. Manchmal bedeutet das, sich etwas sagen zu lassen oder ermutigen zu lassen, was man selbst nicht für möglich hält. Dieses aufeinander Hören hilft uns, Konflikte nicht nur zu lösen, sondern auch voneinander zu lernen.
Könnte man Sie mit Nonnen vergleichen?
Nonnen und Schwesternorden sind zwei unterschiedliche Dinge. Nonnen sind kontemplative Frauenorden, die in Klausur leben und ihr Leben dem Gebet widmen. Schwestern – wie Franziskanerinnen – führen ein religiöses Leben, aber widmen sich einem Dienst, oft in Krankenhäusern, Schulen oder Jugendheimen.
Was hat es mit der speziellen Bekleidung, dem Habit, auf sich?
Der Habit wirkt für Außenstehende vielleicht wie eine Uniform. Man erkennt uns. Und wenn ich im Habit unterwegs bin, sprechen mich die Leute an. Neulich beim Warten auf den Zug am Berliner Bahnhof Südkreuz hatte in einer Stunde fünf gute Gespräche – vom evangelischen Historiker bis zum Obdachlosen.
Es kommt selten vor, dass Leute aggressiv werden. Und wenn, dann meinen sie nicht mich, sondern die Institution Kirche. Jede aggressive Annäherung ist eine Einladung zum Gespräch.
"Manchmal staunen Leute, wenn ich im Zug sitze, Musik höre oder ein Handy benutze"
Welche Vorurteile begegnen Ihnen?
Oft haben die Menschen eine sehr altertümliche Klostervorstellung. Sie denken, man verlässt die Welt. Aber das stimmt für uns Franziskaner überhaupt nicht. Franziskus hat gesagt: "Unser Kloster ist die Welt." Wir sind ein offener, karitativer Orden, der mitten unter den Menschen lebt – ob in der Seelsorge, in der Obdachlosenarbeit oder in unserer Suppenküche. Und manchmal staunen Leute, wenn ich im Zug sitze, Musik höre oder ein Handy benutze – so als dürfe ein Franziskaner nichts Modernes haben. Aber das Handy ist kein Luxus, sondern ein normales Alltagswerkzeug. Diese alten Vorstellungen halten sich hartnäckig, aber mit der Realität unseres Lebens haben sie wenig zu tun.
Was bedeuten für Sie die Werte des Heiligen Franziskus im Alltag?
Für mich heißt es vor allem, offen für Menschen zu sein. Wenn ich den Habit trage, kommen Gespräche ganz von selbst – man wird angesprochen, ohne etwas dafür zu tun. Das ist für mich gelebte franziskanische Offenheit. Ich versuche bewusst, ansprechbar zu bleiben: keine Kopfhörer, kein Handy in der Hand, einfach da sein. In dem Moment, wo ich mich abschotte, trenne ich mich von der Welt. Aber Franziskus hat genau das vorgelebt – mitten unter den Menschen zu sein und offen für Begegnungen.
Auch beim Umweltschutz versuche ich nach Franziskus' Werten zu leben. Für eine Reise nach Irland war ich zum Beispiel vier Tage unterwegs mit Zug, Übernachtungen und Schiff, statt in zwei Stunden hinzufliegen. Das war teurer und aufwendiger, aber ich habe unterwegs unglaublich viel erlebt.
Am Ende ist es immer ein Abwägen von Werten: billig und bequem – oder rücksichtsvoller gegenüber Umwelt und Mitmenschen.
Was würde Franziskus zu unserer heutigen Gesellschaft sagen – speziell zum Umweltschutz?
Franziskus war sehr radikal und hätte das vermutlich auch heute so gelebt: Er würde sich trauen, unbequeme Wege zu gehen, Grenzen zu überschreiten und Menschen direkt zu begegnen – so wie damals, als er übers Schlachtfeld ging, um mit dem Kriegsgegner zu sprechen. Beim Umweltschutz würde er sicher versuchen, mit einem sehr kleinen ökologischen Fußabdruck zu leben und auf Verschwenderisches zu verzichten.
"Gutes tun, niemanden absichtlich ärgern – so wie es Franziskus in seiner Regel schreibt – und unter den Menschen zu leben, ohne Streit anzufangen"
Als Sie den Wandel durchgemacht und ins Kloster gegangen sind, haben Sie sich viel mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Haben Sie auf diese Frage eine Antwort gefunden?
Für mich hat das viel mit einem einfachen Satz aus der PR zu tun: "Tu Gutes und rede darüber." Ich glaube, das ist etwas, was wir Franziskaner tatsächlich leben. Wir versuchen Gutes zu tun – in der Seelsorge, in der Missions- und Friedensarbeit, in Projekten wie unserer Suppenküche in München oder der Begleitung von Kindern in der Klinik – und die Menschen im Idealfall mit einem Lächeln wieder gehen zu lassen.
Ob das die Antwort auf den Sinn des Lebens ist, weiß ich nicht. Aber für mich liegt er irgendwo dazwischen: Gutes tun, niemanden absichtlich ärgern – so wie es Franziskus in seiner Regel schreibt – und unter den Menschen zu leben, ohne Streit anzufangen. Erst wenn die Leute fragen, soll man anfangen zu predigen. Einfach da sein, freundlich sein und den Glauben so leben, wie man ihn verstanden hat – in der Hoffnung, dass davon etwas auf andere abfärbt.