Viele behaupten, ich sei mutig. Sie kennen mich halt nicht. Eigentlich habe ich mehr Angst, als ich nachts Schäfchen zählen kann. Meine erste Klavierstunde habe ich unter dem Klavier verbracht. Unbekannte Nummern auf dem Display lösen bis heute Panik in mir aus. Das ist echt unpraktisch für eine Pfarrerin. Oft gehe ich nicht ran, sondern rufe erst zurück. Dann habe ich die Kontrolle darüber, wann ich telefoniere. Ich hasse Kontrollverlust und Unabwägbarkeiten. Sie machen mir Angst.

Wenn Wut die Angst besiegt: Der Wendepunkt

Bis die Wut kommt. Dann geht es aufwärts. Dann kann ich wieder klar denken und meine Ziele formulieren. Dann spüre ich wieder die Kraft, etwas gegen das zu tun, was mich kleinhält – mich und andere. Dann werde ich zur Kämpferin. Manche nennen mich deshalb mutig, andere naiv. 

Doch bevor die Wut mein Herz zum Glühen bringt und mir mutige Gedanken schenkt, wohnt die Angst in mir. Wie ein Wackerstein liegt sie mir im Bauch.

Sie ist so schwer, dass ich mich kaum aufraffen kann, obwohl es mir guttäte, rauszugehen. Sagen alle Ratgeber. Das weiß ich eigentlich auch. 

Die Angst nimmt mir den ganzen Platz in meiner Welt. Sie räkelt sich in meine Beine hinein, bis sie zittern. Sie umklammert mein Herz mit kalten Fingern und lässt es erstarren. Sodass ich kaum noch Mitleid spüre, weder mit mir noch mit anderen. Nur die Zähne sind noch zu hören, die im rhythmischen Takt des Herzschlags aufeinanderschlagen. Zubeißen geht noch.

Plötzlich dreht sich alles nur noch um mich, ums pure Überleben, um Gesichtswahrung und "heil aus der Situation kommen". Wenn ich Angst habe, werde ich klein. So klein, dass ich mich wundere, dass andere nicht über mich stolpern. Dann vergesse ich, was ich kann und wer ich bin, und wünsche mir, irgendwo in der Pampa zu sein, ganz allein. Für immer. Weglaufen, aufgeben, alles stehen und liegen lassen. Aus beleidigtem Frust à la: "Ihr werdet schon sehen, was ihr ohne mich macht. Ich brauche euch weniger als ihr mich." Es ist mein Teenager-Ich, das gemobbt wurde und glaubte, selbst daran schuld zu sein.

Damals war ich nur selten wütend. Und wenn, dann höchstens auf mich selbst. Wütend waren nur "Trullas", "Zicken" und "verwöhnte Gören". Wut galt als niedrig und zerstörerisch, Selbstbeherrschung hingegen als Tugend eines Mädchens aus gutem Hause. Also beherrschte ich mich – bis hin zur Depression.

Heilige Wut: Was feministische Theologie mit Jesus verbindet

Heute ziehe ich Kraft aus "heiliger Wut". Als ich das erste Mal davon bei der schwarz-feministischen Theologin Wil Gafney las, erschrak ich. Ich googelte noch einmal die sieben Todsünden und verglich Zorn mit Wut. Ich las über den Unterschied zwischen (selbst-)zerstörerischer Wut, die Kraft freisetzt und den Mut gibt, das zu verändern, was wütend macht. Einen Mut, den ich eigentlich gar nicht habe. Jedenfalls nicht ohne die Kraft Gottes. "Fake it till you make it" mit Heilig-Geist-Kraft. Nach diesem Motto lebe ich heute.

Gafney spricht von "heiligen Unruhestörer:innen". Von Menschen, die Ungerechtigkeiten in ihren Knochen spüren, sie benennen und bekämpfen. Weil sie sich in die Tradition Jesu stellen. Der war ja eher Anti-Establishment, Pro marginalisierte Gruppen und nicht gut darin, mit den Mächtigen gut Freund zu sein. Er war auch nicht immer lieb oder diplomatisch. Jesus blickt seine Gegner "voll Zorn" an, weil sie das Heilen am Sabbat verhindern wollen. Von fliegenden Tischen und heftigen Beschimpfungen in kommerzialisierten Gotteshäusern ganz zu schweigen (Johannes 2).

Und als seine Jünger den Kindern den Weg zu ihm versperren, wird Jesus "unwillig"(Markus 3). Das klingt doch nach frommem Sprech für "ärgerlich" oder "wütend".

Jesu heilige Wut verteidigt nie das eigene Prestige, sondern immer andere Menschen. Wut ist bei ihm Reaktion auf Ungerechtigkeit. Das kenne ich gut.

Dann ist Wut ein von Gottes Kraft entfachtes heiliges Feuer in mir. Es kribbelt mir in der Nase, öffnet mir den Mund und lässt mich Dinge schreiben und sagen, bei denen ich mir schon währenddessen und auch danach denke: "Oh je, das gibt Ärger." Da habe ich die Ruhe gestört.

Ohnmacht überwinden: Wie geteilte Wut zur Kraft wird

Wut in Klage und Schrei rauszulassen, ist ein Weg, mit ihr umzugehen, ohne sich selbst oder andere zu zerstören. Die Klagepsalmen sind voll davon. Denn Wut ohne Macht kann als Ohnmacht empfunden werden. Es sei denn, wir bilden Banden und verbünden uns mit vielen anderen ohnmächtig Wütenden. 

Und dann bleibt manchmal nur noch das Schreien einer Mutter um Gerechtigkeit für ihr Kind. Bis ihre Tochter geheilt ist (Matthäus 15). Wut zeigt mir, was mir wichtig ist. Wut gibt mir Kraft. Wut hilft mir, mich zu spüren. Und anderen zu zeigen: Ich nehme hier etwas nicht stumm hin. Ein drastisches biblisches Beispiel gefällig?

Da ist Tamar im 2. Samuel 13, die von ihrem Halbbruder vergewaltigt wird. Anstatt sich beschämt zurückzuziehen, zerreißt sie ihr Gewand, streut Asche auf ihren Kopf und schreit ihre Verzweiflung öffentlich hinaus. Die Scham musste schon damals die Seite wechseln. Tamar protestierte gegen die erlittene Gewalt und forderte Gerechtigkeit für sich ein.

Hysterisch oder mutig? Warum Wut ein Privileg geblieben ist

Am Ende geht es wie immer darum: Wer darf wütend sein? Wer wird gehört?

Ein wütender Mann gilt als entscheidungsfreudiger, mutiger Macher, der nicht lange "labert". Eine wütende Frau? Hysterisch. Eine wütende schwarze Frau? Sie gilt als bedrohlich. Und Menschen in Armut haben sowieso nicht wütend zu sein, sondern dankbar dafür, was man(n) für sie tut.

Es fällt mir schwer, über Wut zu schreiben, ohne zynisch zu werden. Was dagegen hilft? Wut.

In mir lodert die Wut wie ein heiliges Feuer. Ein Feuer, das Verletzungen und Ungerechtigkeiten ins Rampenlicht stellt. Ein Feuer, das uns ans Lagerfeuer holt, wo wir einander unsere Geschichten erzählen und spüren: Wir sind viele. Ein heiliges Feuer, das die Seele in kalten Stunden und Tagen aufwärmt. Gottes Liebesfeuer für diese Welt.

Wut ist eine der vielen Schwestern der Liebe. Deshalb, wütende Menschen, verbündet euch! Und sündigt dabei nicht. Paulus hat es schöner formuliert: "Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.” (Epheser 4,26)

Am Frauensonntag und an allen anderen Tagen des Jahres. Es gibt genügend Ungerechtigkeiten, die es aufzudecken und zu bekämpfen gilt. Wenn du schon einmal richtig wütend über eine Ungerechtigkeit warst, dann verspreche ich dir: Du wirst noch viele andere Gründe finden. Das ist die "göttliche" Brille auf die Welt. Wut über ungerechte Zustände. Wut, die nicht zerstört, sondern aufdeckt und verändert und heilt. Wut, die Mut macht.

Was ist der Frauensonntag?

Der Frauensonntag in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) ist ein zentraler Aktionstag, an dem Gottesdienste und theologische Impulse aus der Perspektive von Frauen gestaltet werden.

Ziel des Tages ist es, Geschlechtergerechtigkeit zu fördern, weibliche Perspektiven in Gottesdienste und Gemeindeleben einzubringen und theologische Themen aus feministischer Sicht zu reflektieren. Traditionell wird der Frauensonntag am Sonntag Laetare, drei Wochen vor Ostern, gefeiert, alternativ kann aber auch ein anderer Termin im Kirchenjahr gewählt werden.

Die Gottesdienste werden von Frauen für alle Gemeindemitglieder gestaltet und von der "Wirkstatt evangelisch" im Amt für Gemeindedienst (afg) mit Materialien wie Predigten, Liedern und Impulsen unterstützt. Seit 20 Jahren (Stand 2025) ist der Frauensonntag in vielen Gemeinden eine feste Tradition.

Zusätzlich zu Gottesdienstentwürfen gibt es theologische Einführungen und praktische Anregungen für Gruppenarbeit. Jährlich werden spezifische Jahresthemen vorbereitet, wie etwa "Wut" im Jahr 2026 oder "Rut & Noomi" im Jahr 2025.