Verkehrswende
Es ist ein Dilemma: Mehr Menschen sollen Bahn fahren, mehr Güter sollen auf die Schiene. Aber für die Verkehrswende ist auch ein Großprojekt nötig. Und das will keiner vor der eigenen Haustür. Geschweige dafür seinen Wald opfern. Auch nicht die Kirchengemeinde Roßtal.
Bagger im Wald

Der Satz klingt Pfarrer Jörn Künne noch bedrohlich in den Ohren: Das geplante Projekt sei im Interesse der Allgemeinheit und das ermögliche Enteignungen als "ultima ratio". Carsten Burmeister, Projektleiter für das neue ICE-Werk in der Region Nürnberg, hat ihn beim ersten digitalen Bürgerdialog der Bahn zu dem Vorhaben gesagt.

ICE-Instandsetzungswerk auf Fläche des Roßtaler Kirchenwalds?

Dem Roßtaler evangelischen Pfarrer war bei dieser Auskunft klar: Das Damoklesschwert Enteignung hängt auch über seiner Gemeinde. Denn auf der Suche nach Standorten für ihr ICE-Instandsetzungswerk, sind die Projektmitarbeitenden auch auf den Kirchenwald von Buchschwabach (Gemeinde Roßtal im Landkreis Fürth) gestoßen. Auf den bisher vorliegenden Präsentationen soll in diesem Wald eine Wendeschleife für die gewarteten Züge liegen, die bis zu 375 Meter lang sein können.

"Wir sind im Kirchenvorstand alle für eine Bahnwende, alle würden Kurzstreckenflüge ablehnen", sagt der Seelsorger. "Aber diesen Wald haben wir als Stiftung von unseren Vätern vor mindestens 600 Jahren geerbt". Er sehe es keinesfalls als christliche Pflicht, für eine Verkehrswende diesen Wald zu opfern, erklärt der Pfarrer. "Die gleiche Verantwortung haben wir für einen Schmetterling oder die Fichten dort". Und die 45 Hektar "Heiligenholz" sind die Sparbüchse der Gemeinde. Der Holzverkauf hat in der Vergangenheit immer wieder zur Finanzierung von Projekten beigetragen.

Bund Naturschutz: Wald wichtig für Nürnberger Klima

Im Dilemma, zwischen Bahn und Bäumen entscheiden zu müssen, stecken durch das Großprojekt aber nicht nur die Buschschwabacher und Roßtaler. Tom Konopka vom Bund Naturschutz in Bayern (BN) erklärt, natürlich mache sich sein Verband für eine Verkehrswende stark. Es sei aber ärgerlich, dass die Bahn Immobilien auf Nürnberger stadtnahen Flächen verkauft habe und nun anderswo preiswerte Waldflächen kaufen wolle, um dort ihr Werk zu bauen.

Der BN hat sich bisher sehr deutlich gegen ein ICE-Instandhaltungswerk zwischen Nürnberg-Fischbach und Altenfurt ausgesprochen, für das sogar Bannwald gerodet werden müsste. Man habe dafür gekämpft, dass der Reichswald Bannwald wird, unterstreicht Konopka. Er sei wichtig für das lokale Klima. "Er kühlt Nürnberg im Sommer um fünf Grad runter". Konopka fordert die Bahn auf, sich nach leerstehenden Industriebrachen in ganz Süddeutschland umzusehen.

Im Werk sollen 450 Beschäftigte arbeiten

Bisher aber ist nur Nürnberg im Spiel. Neun mögliche Standorte haben die Bahnverantwortlichen Ende April präsentiert, alle nicht mehr als 25 Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, alle an einer elektrifizierten Bahnstecke. Der Pakt "Starke Schiene" der Bundesregierung sieht vor, die Fahrgastzahlen und die Zahl der ICE-Züge zu verdoppeln. Und schon für die bisherigen Züge seien die Wartungskapazitäten zu knapp, stellte Burmeister beim Bürgerdialog fest.

400 Millionen Euro werde das neue Werk kosten, 450 Beschäftigte sollen hier einen Job haben. Er hätte sich gefreut, "wenn für das Vorhaben noch das Gelände des ehemaligen Südbahnhofs da gewesen wäre, sagt der Projektleiter. Das aber wird ein Stadtteil Nürnbergs.

In den nächsten Wochen sollen für ein Raumordnungsverfahren die Vor- und Nachteile der neuen Vorschläge nach einem Kriterienkatalog abgeklopft werden, der 33 Kriterien umfasst. An allen möglichen Standorten formt sich Protest - von Allersberg bis nach Heilsbronn. In der Muna-Senke bei Feucht oder in Etzelsdorf sind Bürgerinnen und Bürger genauso gegen das Bahnwerk wie in Fischbach-Altenfurt, wo der Bannwald in Gefahr wäre.

Was Pfarrer Künne aus Roßtal plant

Pfarrer Künne befürchtet, dass der Widerstand dort - auch wegen der Unterstützung des Klimacamps in Nürnberg - besser gehört wird. "Da schreien dann schon mal 20.000 bis 30.000 Leute", sagt er. Aber Künne ist kämpferisch: Man wolle nun mit Hilfe von Biologen zusammentragen, welche Tiere und Pflanzen auf ihrem Gebiet zu finden sind. Könne ja sein, dass der ein oder andere "entscheidende Käfer" dort lebe, der geschützt werden müsse.

Und auch an eine Blockade der Ampel auf der B14 hat er schon gedacht. Zuvor findet aber am 4. Juli im bedrohten Waldstück ein "Blickwinkel-Gottesdienst" statt unter dem Motto "Schaut hin - so schön ist unser Wald!"

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