Liebe Gemeinde am Vorabend des Allerheiligentages, im 509. Jahr der Reformation.
Der Psalm 46 beginnt gleich ganz steil: "Gott ist unsre Zuversicht und Stärke". Und fährt dann fort: "Eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben". Da geht es ans Eingemachte, denn die Menschen sind Mächten schutzlos ausgeliefert: Das Meer wütet und wallt, die Welt geht unter, Berge sinken ins Meer. Niemand kann ihre Gewalt kontrollieren.
Die Mächte von heute haben andere Namen: Klimakatastrophen, Krieg. Politik, die radikalisiert. Ist künstliche Intelligenz so mächtig, wie viele fürchten? Und wir mittendrin zerfleischen uns gegenseitig. Streit und Kulturkampf, die uns zu zerreißen drohen. Die Dinge hängen zusammen, sind Folgen von anderem, miteinander verknüpft oder geschehen gleichzeitig. Bei vielem fehlt die Kontrolle. Das lähmt. Macht unsicher.
Die großen Nöte, die uns getroffen haben – lässt sich besser sagen, was auch wir gerade erleben? Noch schlimmer ist: Manche mächtigen Menschen wollen ihren Vorteil aus den Krisen und großen Nöten ziehen, die uns getroffen haben. Weil sie geil sind auf Macht, Geld und Einfluss. Bleibt also nur noch zynisch zu sagen: ‚Gute Nacht, Erde‘?
Ich glaube, viele Ängste werden in der Nacht geboren. Zumindest fallen sie da auf fruchtbaren Boden, verstärken sich. Weil wir uns schutzlos fühlen und keine Kontrolle über uns haben, wenn wir schlafen. Wir wachen mitten in der Nacht auf und die Gedanken kreisen. Angst um die eigene Existenz, die sich in unser Bewusstsein und unsere Seelen schleicht. Nicht wissen, was kommt – und wenn es dann Tag wird, wird scheinbar jeder, der anders denkt als man selbst, bekämpft, als ginge es ums Überleben.
Der Umgangston zwischen den Menschen ist härter geworden, so erlebe ich es. Und er durchlöchert den sozialen Frieden. Auf der Straße, privat, im Büro, in der Arbeit, im Internet. Nicht, weil Menschen es lieben, sich garstig und rücksichtslos gegenüber anderen zu verhalten. Nicht, weil sie sich morgens nach der Wahl der Kleider dafür entscheiden, grob anderen gegenüber zu sein. Es sind eher spontane Reflexe der Nachtgedanken. Ungefilterte Reaktionen. Auch harte Ablehnung, um sich zu schützen.
Wo die Angst das Denken übernimmt
Die Angst ist dabei ein dienstbarer Knecht aller Mächte und aller Nöte. Sie lässt uns kaum zum Nachdenken kommen. Wie fähig bin ich, ehrlich mit mir selbst umzugehen, mit den Angstgedanken der Nacht? Was hilft mir?
Als ich länger krank und mir die Freude am Leben verloren gegangen war, habe ich ein Bild gemalt. Ich bin kein Künstler, ich malte, was ich damals fühlte. Ein Orkan in dunkler Nacht, ein Meer, das tobt, schwarze wogende Wellen, weit größer als ich, über mir brechend, darunter und darinnen ich, Füße im Wasser, mit einem großen Schild bewaffnet, als könnte ich die Flut aufhalten. Das klingt fast so furchtlos wie im Psalm. "In den großen Nöten (…) fürchten wir uns nicht" – ist diese heldenhafte Furchtlosigkeit gemeint?
Die Worte des Psalms überraschen mich bei der Suche nach Antwort. In ihnen wird nicht über irgendwelche großen Nöte gesprochen, sondern es heißt: In den großen Nöten, die uns getroffen haben. Mittendrin, in ihnen, können wir hören, dass Gott uns Zuversicht, eine Stärke, eine Hilfe ist. In der Nacht, mitten in den Ängsten und Nöten. Was ändert sich, wenn ich mitten im Lärm der Angst dennoch hinhöre, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen?
Von zweien, die sich fürchten, erzählt die Bibel:
Und siehe, zwei von den Jüngern gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt, etwa zwölf Kilometer, dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. (Lk 24,13-17)
In einer anderen Übersetzung heißt es: Da blieben sie mit düsterer Miene stehen. Das verstehe ich: Für einen kurzen Moment mit Jesus haben die beiden Jünger die Hoffnung gehabt, das Schwache und Kleine könnte sich doch durchsetzen gegen das Große und Starke – bis Jesus gekreuzigt wird. Mit düsterer Miene schauen sie auf das, was sie verloren glauben. Düster auch der Blick nach vorne. Wer wacht über uns in den kommenden Tagen und vor allem Nächten?
Sie verwickeln den Fremden ins Gespräch und merken gar nicht, wie er sie in sein Vertrauen zieht. Wie er ihren Glauben hervorlockt. Sie erzählen, er hört zu, fragt zurück, erinnert sie an Dinge, die dieser Jesus gesagt hat. Als sie in ihrem Heimatort, in Emmaus ankommen, bitten sie Jesus, den sie immer noch nicht erkennen, er möge als Gast bei ihnen bleiben: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Dann essen sie zu Abend und plötzlich ist es Jesus, der sie als Gäste einlädt an seinen Tisch: Er nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Mitten in düstrer Nacht bricht Jesus das Brot, wie damals beim allerersten Abendmahl, am Vorabend des großen Festes in Jerusalem. Und jetzt begreifen sie es: Das ist das Versprechen einer anderen Zukunft, Tränenbrot, Reise-Nahrung für Künftiges, mitten in Düsternis und Nachtgedanken.
Nach dem ersten Abendmahl, bei dem Jesus das Brot mit ihnen bricht, gehen sie gemeinsam in die Nacht hinaus. Die Sorgen gehen mit und die Ungewissheit, wie es weitergeht: Einer von euch wird mich verraten. Das gebrochene Brot, der Wein – was soll das bedeuten? Was kommt auf uns zu?
Und als der Gedankenlärm ihrer Ängste in der Nacht zu mächtig wird, schlafen die Freunde Jesu erschöpft in einem Garten ein, in Gethsemane. Dort kommt es mitten in der Nacht zum tiefsten Moment der Menschlichkeit Jesu. Jenen Moment, den seine Freunde im Garten nicht sehen und nicht erkennen, obwohl er sie drei Mal bittet: ‚Wachet und betet mit mir. Seht ihr nicht, dass ich euch, meine Freunde, dringend brauche? Bleibt bei mir, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Erkennt ihr nicht, wie sehr mein Glaube den euren bedarf?‘ Als würde Jesus sagen: Meine Seele ist traurig bis an den Tod (…) Ihr alle seid in mir, aber in wem bin ich? Wachet und betet mit mir (Text: Christian Morgenstern).
Mitten in der Nacht: Gott ist da
Erst viel später werden die Freunde davon erzählen, von jener Nacht im Garten Gethsemane, wo wenigstens einer zu Jesus hätte sagen können: "Komm mal her, setz dich zu mir hin."
Mitten in der Nacht und im Lärm seiner Angst findet Jesus einen Weg, seine Angst auszuhalten. Er ruft zu Gott: ‚Das, was vor mir liegt, ist jetzt nicht mehr mein Job, Vater im Himmel. Das ist deine Aufgabe. Mach, was du willst, meine Story endet hier. Ich trinke den Kelch, wenn du es so willst, dass ich sterben muss. Aber alles, was jetzt dann kommt, ist dein Job und deine Story.‘
Ich verstehe Jesus so: Gott ist mitten drin in den großen Nöten, die ihn getroffen haben. In ihnen ruft er seinen Vater an und vertraut darauf, dass dieser ihn hört. Damit zeigt Jesus uns, wie wir Mensch bleiben dürfen. Menschlich bedeutet: Gott um Hilfe bitten dürfen. Weil der Vater im Himmel ‚drinnen‘, in den Nöten, ist, die Jesus getroffen haben. So zieht Jesus auch mich, auch uns in sein Vertrauen hinein. So wie er dürfen auch wir vertrauen: Gott ist bei uns ‚drinnen‘, in den Nöten, die uns getroffen haben, zwischen uns, unter uns. Ich vertraue Jesus, dass Gott ‚drinnen‘ ist, nah bei mir.
In ihm bin ich. Auch in der Nacht.
Dieser verletzliche, bittende Jesus ist ‚mein‘ schönster Jesus. Ihm glaube ich. Ihm vertraue ich. Seine Menschlichkeit ist seine Schönheit. Sie zieht mich an. Und Jesus zieht mich in sein Vertrauen auf Gott. Für ihn ist Gott nicht etwas Abstraktes, sondern sein Vater im Himmel, so spricht er ihn an. Wie Jesus vertraut, so darf ich es auch. In seinem Vertrauen bin auch ich geborgen, darf ich Mensch bleiben.
Mensch bleiben statt ein Held sein
Manchmal fällt mir Vertrauen leicht. Ein anderes Mal spüre ich eine Faust, die nach meinem Herzen krallt; die Angst, dass alles nicht wahr sein könnte. Dann spüre ich die Versuchung in mir, Übermenschliches leisten zu müssen. So wie es in einem Lied heißt:
Wollte ich nicht für mein Leben gerne die Quelle sein? Wollte entspringen aus mir selbst, in mich hinein. Doch alle meine Brunnen sind versiegt, mein Leben wurde dürres Land. Kein Vogel, der zu meiner Quelle fliegt. Er fände doch nur Staub und Sand. (‚Wollte ich nicht‘ aus: Manfred Siebald. Ich gehe weiter, 1974)
So ist es mir ergangen, so hatte ich mich selbst gemalt: Als könnte ich mit dem Schild in der Hand den dunklen Wellen trotzen, sie aufhalten. Als könnte ich mich zu dem Glauben zwingen, mich nicht zu fürchten. Bis der Held, von dem ich dachte, ich könnte es sein, versagte.
Wenn mein Vertrauen in Jesus in sich zusammenfällt und der Held scheitert, was bleibt dann? Ein anderes Lied finden. Das Lied der Sehnsucht, Mensch bleiben zu dürfen.
Als er im Garten Gethsemane bat: Wacht und betet mit mir. So ist die Gemeinschaft der Christen. Darin besteht sie. Nicht im gleichen Denken, nicht in derselben Weltsicht, sondern im Gebet füreinander. Im Vertrauen bete ich, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und bitte dich: Tue es auch für mich.
Die Nacht gemeinsam aushalten
Abendgottesdienste sind ein guter Ort dafür, liebe Gemeinde. Wir singen vertraute Lieder von der Nacht als Gottes guter Gabe. Wir hören Geschichten von der Hoffnung, die man nicht sieht. Wir öffnen uns für eine der wichtigsten religiösen Erfahrungen: Das Licht kommt in die Finsternis, in die Dunkelheit der Welt. So wie am Ostermorgen das Licht der Christuskerze in die dunkle Kirche getragen wird. Die Dunkelheit der Welt lässt sich zwar mit Lampen und Scheinwerfern mehr oder weniger ausleuchten. Kerzen aber – in einer Kirche am Abend und in der Nacht – zeigen Wege, die ich gehen kann, mit anderen. Meine Sehnsucht findet Ziele, die ich im Bilderlärm des Tages übersehe.
Unsere gewöhnlichen Nachterfahrungen sind andere. Alle Geschöpfe leiden unter der Lichtverschmutzung, die den nächtlichen Lebensrhythmus nicht nur der Tiere und Pflanzen stört. Viele Menschen möchte dennoch lieber die Nacht zum Tage machen. Um ihr den Schrecken zu nehmen, wird sie zu einer stimmungsvollen Zeit degradiert. Aus Furcht vor ihrer diffusen Dunkelheit. Selbst im vertrauten Zuhause tasten wir uns ohne Licht an der Wand entlang, stoßen schmerzhaft an Tischkanten, die wir tagsüber sehen und umgehen. Können kaum geduldig warten, bis sich das Auge angepasst hat.
Wo der Raum der Nacht als Ort der Erholung und der Ruhe verschwindet, durchlebt und durchleidet jede und jeder nur noch die eigene Nacht. Allein. Ohne die Solidarität der anderen. Wundern wir uns über eine zunehmend unbarmherziger werdende Gesellschaft? Das Schweigen der Nacht, das Diffuse an ihr ganz allein auszuhalten, fällt schwer. Die Versuchung ist groß, die Grautöne in der Komplexität des Lebens abzulehnen. Nur noch schwarz oder weiß zu sehen.
Aber in Gottesdiensten am Abend und in der Nacht können wir das: Geduldig die Stille und das Schweigen der Nacht aushalten. Füreinander beten und für andere eintreten – das wäre ein Reformationsfest, dass Gott gefallen könnte. Ich wünsche mir eine sehnsüchtige Reformation, geboren in der Nacht, schönster Herr Jesu.
Gottes Friede ist höher als unsere Vernunft. Der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn. Amen.