Draußen tobt das Leben, durch die riesigen Fenster ist das gut zu sehen: Während vor dem Gebäude die Straßenbahnen an einem der zentralsten Plätze Nürnbergs fahren und Menschen vorbeieilen, ist es im Innern fast still. Auch, wenn derzeit auf der wohl größten Baustelle der bayerischen Landeskirche täglich 200 Handwerker arbeiten, ist es kaum laut. Aber schon am 9. November wird sich das ändern: Dann ziehen die ersten Mieter, nämlich 500 Schüler der Beruflichen Schulen der Rummelsberger Diakonien, in ihre modernen Klassenzimmer und Werkstätten. Sie werden ein bisschen Leben in den Evangelischen Campus Nürnberg (ECN) bringen.

Genau das ist auf Dauer das Ziel: ein lebendiges Miteinander von verschiedenen Menschen. Unter dem Dach der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) sollen in dem großen Gebäudekomplex kirchliche Mitarbeiter, Schüler, Studenten, aber auch Angestellte externer Firmen arbeiten, lernen und sich begegnen. "Deutschlandweit dürfte das Konzept einmalig sein. Bildungseinrichtungen, kirchliche Organisationen und private Firmen teilen sich ein Gebäude", sagt Campus-Koordinator Michael Götz. Den meisten Platz benötige die Evangelische Hochschule. Sie wird bis März 2027 mit 1500 Studierenden einziehen. Ganze sechs Stockwerke sind für private Firmen vorgesehen.

Vom Kirchengebäude zum offenen Stadthaus

Auch die Stadtgesellschaft ist eingeladen, das breite Angebot vom Café bis zur Kapelle zu nutzen, betonen die Verantwortlichen: "Wir wollen offen und transparent, in der Stadt präsent und einladend sein", sagt Stefan Ark Nitsche, Geschäftsführer des ECN. Schon allein die moderne Architektur setze ein Signal, "wie wir uns als Kirche verstehen", sagt er. Die gläserne, freundliche Fassade mit dem Eingang Richtung Platz soll zeigen: Aus dem einstigen, abweisenden Beton-Bunker, dem früheren Sitz der Oberpost-Direktion aus dem Jahr 1972, ist ein offenes Haus geworden.

Wie sehr man den Campus nach außen hin öffnet, zeigt sich am Zuschnitt: Am Eingang soll künftig eine Terrasse mit Cafeteria die Besucher empfangen. Genauso stehe die Mensa allen Interessierten offen, sagt Götz. Im Innern gibt es zudem etwas, das Nürnberg bisher gänzlich fehlt: ein Veranstaltungssaal mit über 550 Sitzplätzen, der schon im Vorhinein gut gebucht ist. Hier soll künftig auch die Synode der bayerischen Landeskirche einmal pro Jahr tagen, das erste Mal im Frühjahr 2028.

  • Gebäude
    Blick auf die Baustelle des Evangelischen Campus in Nürnberg.
  • Ein Gebäude
    Blick auf die Baustelle des Evangelischen Campus mit dem Laufertorturm im Hintergrund.
  • Ein Gebäude
    Blick auf die Baustelle des Evangelischen Campus (vorne), den Laufertorturm (l.) und die Burg (r.).
  • Ein Gebäude von oben
    Ein altes Geländer auf der Baustelle des Evangelischen Campus wird restauriert.
  • Evangelischer Campus in Nürnberg.

    Ein Ort der Stille mitten im Trubel

    Auf den neun Stockwerken und rund 36.000 Quadratmetern lässt sich noch mehr entdecken: Eine öffentliche Bibliothek zum Beispiel. Ein Sport-Innenhof für Studenten und Schüler, ein Kindergarten oder ein "Raum der Stille". Zu den Höhepunkten dürfte eine Kapelle im skandinavischen Stil zählen mit grünem Innenhof. Ob hier künftig auch geheiratet werden darf? Das ließe sich noch nicht sagen, erklärt Götz. Anfragen des Standesamts gebe es aber bereits.

    Die offene Idee kommt an: Die Räume seien durchaus auch für städtische Veranstaltungen interessant und eine Bereicherung für ganz Nürnberg, teilt Nürnbergs Oberbürgermeister Markus König (CSU) auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit. Nach einem Baustellen-Besuch lobt er: "Der Evangelische Campus ist ein großartiges Projekt: Ein großer Betonmonolith wird umgebaut, graue Energie bleibt erhalten und im Herzen unserer Stadt entsteht ein lebendiger Bildungsort."

    223 Millionen Euro und ein ambitionierter Plan

    Auch sonst setzt das Gebäude Maßstäbe: Statt den alten "Beamtenbunker" abzureißen, habe man das "Betongold" aufbereitet, erklärt Campus-Koordinator Götz. Die neuen Alu-Fenster bestünden zum Großteil aus den alten, recycelten Vorgängern. Ebenso habe man die früheren Fensterbretter wieder eingebaut. Und manches Treppengeländer versprüht noch den Charme der 70er Jahre. Auch sonst spielt Nachhaltigkeit eine große Rolle: Eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach sorgt für Strom, die übrigen Dachflächen sind fast alle bepflanzt. Man hoffe am Ende von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen als "Platinhaus" zertifiziert zu werden, sagt Götz.

    Ob auch der finanzielle Plan für das größte Bauprojekt der Landeskirche in den vergangenen 100 Jahren aufgeht, wird sich weisen: Rund 223 Millionen Euro fließen insgesamt in den Umbau. Das Projekt soll drei Prozent Rendite abwerfen. Man setze zudem auf Synergie-Effekte, sagt Nitsche: Etliche Immobilien der Landeskirche, die teils sanierungsbedürftig sind und in Zukunft nicht mehr gebraucht werden, wären durch den Bau ersetzt. Positiv stimmt ihn die Nachfrage: Für kirchliche Einrichtungen gebe es bereits Wartelisten für die Räume. "Und die Vermietung an Externe ist voll im Gang." Die ersten Mietverträge seien bereits unterschrieben, sagt Nitsche.

    Der absolute Höhepunkt aber ist die Dachbar. Wer im 9. Stock angekommen ist, hat durch die Panoramascheiben einen Rundumblick auf ganz Nürnberg bis ins Umland. Auf der Dachterrasse soll künftig ein Gastronom bis zu 200 Gäste bewirten, mit atemberaubendem Blick auf Nürnbergs Wahrzeichen - die Kaiserburg.