Mit der neuen Denkschrift "Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick" reagiert die EKD auf aktuelle Herausforderungen der Friedensethik, die sich durch den russischen Überfall auf die Ukraine ergeben.

Ich wünsche mir, dass sich viele Menschen innerhalb wie außerhalb der evangelischen Kirche mit dem Text beschäftigen. Denn mit ihm erhält die friedensethische und -politische Diskussion einen starken neuen Impuls, der dazu einlädt, sie intensiv fortzusetzen. Dafür sehe ich vor allem vier Ansatzpunkte:

1. Schutz vor Gewalt: Leitbild des Gerechten Friedens stärken

Der Text hält zu Recht am Leitbild des Gerechten Friedens fest. Unter dem Eindruck des Ukrainekriegs erhält nun die Friedensdimension "Schutz vor Gewalt" Vorrang vor den anderen Dimensionen, die in der Denkschrift von 2007 gleichberechtigt sind. Zwar wird betont, dass der Schutz vor Gewalt nicht nur durch militärische Mittel zu leisten sei, doch rückt damit zwangsläufig die rechtserhaltende Gewalt in den Vordergrund.

Das ist angesichts der Bedrängnis des internationalen Rechts verständlich. Doch dürfen wir nach unseren Erfahrungen in Afghanistan und Mali die Chancen militärischer Mittel nicht zu optimistisch sehen und im Gegenzug die Erfolge und ausbaufähigen Chancen von Prävention, ziviler Konfliktbearbeitung und Diplomatie nicht an den Rand drängen. Diese gehören in die Mitte einer Friedensethik.

2. Menschenbild, Versöhnung und Friedensvisionen entwickeln

Angesichts der zunehmenden Gewaltkonflikte rückt die neue Denkschrift in ihren Bibelbezügen die Sündhaftigkeit und Gewaltbereitschaft des Menschen ins Bewusstsein. Für eine adäquate Zeitdiagnose ist ein realistisches Menschenbild wichtig. Ich hätte mir nur gewünscht, dass gerade vor diesem Hintergrund auch starke biblische Versöhnungsgeschichten aufgegriffen werden, die zeigen, wie der Mensch in der noch nicht erlösten Welt durch die Begegnung mit Gott aus Schuld und Gewaltexzessen herausfinden kann.

Wir brauchen Friedensvisionen, die Politik und Zivilgesellschaft zum ausgleichenden Handeln und Brückenbauen ermutigen.

3. Bewahrung der Schöpfung als zentrale Friedensdimension

Wichtig ist, dass die Bewahrung der Schöpfung in der neuen Denkschrift großes Gewicht erhält – als Querschnittsaufgabe in allen vier Dimensionen des Friedens. Angesichts ihrer Dringlichkeit ist zu diskutieren, ob sie im Sinne der Generationengerechtigkeit nicht als eigene, gleichwertige Friedensdimension zu bestimmen wäre.

Dann wäre sie in der ethischen Abwägung beständig gegen die anderen Dimensionen auszutarieren, gegebenenfalls auch gegen die rechtserhaltende Gewalt, denn auf die Klimaschädlichkeit von Militär und Krieg weist die neue Denkschrift klar hin. Auch die Konsequenzen des Klimawandels für die Entstehung von Konflikten und für die notwendige Konfliktprävention auf lokaler wie globaler Ebene würden stärker in den Fokus rücken.

4. Nuklearwaffen: ethisches Nein trifft Verteidigungsnotwendigkeit

Kontrovers ist die Beurteilung von Nuklearwaffen. Anders als die Denkschrift von 2007, die die Drohung mit Nuklearwaffen nicht mehr als Mittel legitimer Selbstverteidigung betrachtete, sieht die neue Denkschrift ein unauflösbares Dilemma zwischen dem klaren ethischen Nein zu nuklearer Abschreckung und der politischen Verteidigungsnotwendigkeit gegenüber einer aggressiven Atommacht.

Hier widerspricht die Denkschrift der Synodenkundgebung von 2019 und der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe, die die Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrags gefordert hatten.

Ich wünsche mir, dass sich auch unsere Kirche weiterhin nicht an der Rechtfertigung von Geist, Logik und Praxis atomarer Abschreckung beteiligt.

Es ist wichtig, zu diesen Fragen mit den verschiedenen Positionen und Überlegungen im Gespräch zu bleiben und sich zu verständigen: in den Gemeinden, in den Landeskirchen. In diesen Zeiten müssen wir als Kirche den ‚Frieden im Blick‘ behalten und unsere Stimme für den Frieden erheben zur Stärkung der Friedensbereitschaft.