Ich bin trotz aller Frühlingsgefühle traurig. Und zwar deshalb, weil ich fürchte, dass es aus ist mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Okay, das ist nichts Neues. Ich habe schon früher solche oder ähnliche Sätze geschrieben. Aber jetzt weiß ich es sicher – und zwar aus berufenen Mündern. Und das macht mich traurig.
Aus ist es nicht deshalb, weil der Volkskirche das Volk und das Geld ausgeht. Das schon auch. Aber es verhält sich eher umgekehrt. Der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern geht das Geld und das Volk aus, weil es aus ist. Oder anders gesagt: Es ist aus, weil gerade die, die zu neuen Ufern aufzubrechen meinen, alles theologisch Mögliche dafür tun, dass es aus ist. Oder noch anders gesagt: Sie tun alles theologisch Mögliche, um zu verhindern, dass es aus ist. Und gerade dadurch tun sie das, was dazu führt, dass es schneller aus ist. Ein klassischer Teufelskreis der Untergangsbeschleunigung.
Vielleicht war es aber ja schon immer aus. Also von Anfang an. Seit Luther der Kirche ihr Seelenheilsmonopol sozusagen theologisch unter ihrem Allerwertesten wegzog und die Menschen unter Umgehung der unnötigen, ja heilshinderlichen Institution Kirche unmittelbar vor Gott und die Bibel stellte. Nur hat im Protestantismus fast fünfhundert Jahre lang kaum jemand gemerkt, dass es eigentlich längst aus war mit der Kirche, weil es stets als soziologische Selbstverständlichkeit galt, Mitglied einer Kirche zu sein. Fünfhundert Jahre nach der Reformation jedoch wird es unter veränderten gesellschaftlichen und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen immer unübersehbarer, dass die evangelische Volkskirche, deren Existenz ja bereits in der Vergangenheit eher ein Kompromiss als eine theologische Notwendigkeit war, womöglich keine Zukunft hat. Und das ist für jemanden, dem die Kirche am Herzen liegt, eben traurig.
Dabei wollte ich in meinen Kolumnen nach diesem viralen Winter eigentlich die triste Passionszeit überspringen und schon im März zärtlich zarte Vorfreude auf Ostern verbreiten. Das Wetter ist schön. Es duftet nach Frühling. Die Sonne wärmt Leib und Seele. Die Schneeglöckchen und Krokusse kommen heraus. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche. Man kann mit offenem Verdeck fahren. Und so fort.
Leider hat unter anderem meine tägliche Lektüre des Newsletters des Evangelischen Pressedienstes dafür gesorgt, dass mich die eingangs geäußerten düsteren evangelisch-lutherischen Gedanken heimgesucht haben und dass in meinem Seelenhaushalt der Trostspender wieder einmal nicht so recht funktionieren will. Es ist mir also nicht gelungen, eine erbauliche, bereits vom Osterlicht beglänzte Kolumne zu schreiben. Denn die Passionszeit der Kirche und der Theologie ist noch lange nicht zu Ende. Vielmehr könnte an ihrem Ende nicht das Osterfest, sondern das Ende der Volkskirche stehen. Und ich fürchte, ich fürchte das nicht nur. Ich glaube es sogar zu wissen. Und zwar deshalb, weil ich Mathematik-Leistungskurs an einem bayerischen Gymnasium hatte, weil ich eins und eins zusammenzählen kann und weil ich weiß, dass eins plus eins null ergibt. (In Zahlen und Zeichen: 1 + 1 = 0.)
Wenn Gott nicht in Kirchen wohnt
Zur ersten Eins. Dem epd-Newsletter des 22. Februar 2026 entnahm ich, dass die Bayreuther Regionalbischöfin bei der Entwidmung der Sankt-Johanneskirche in Buchbach im Landkreis Kronach Folgendes gesagt hat: "Ja, es ist ein trauriger Tag. Aber – bei Licht besehen kommt es auf Kirchengebäude nicht an. Es kommt auf Jesus Christus an, den Grund des Glaubens. Und es kommt auf die Menschen an." Gott, so die Oberkirchenrätin eines ja doch eher ländlichen Kirchenkreises, in dem man die Kirche gerne im Dorf lässt, wohnt nicht in einem Kirchengebäude, "er wohnt in euren Herzen." Oder zugespitzt formuliert: "Gott wohnt nicht in Kirchen, er wohnt in Herzen." So jedenfalls titelte der epd. Und so viel zur ersten Eins.
Zur zweiten Eins. Dem epd-Newsletter des 9. März 2026 entnahm ich, dass am 22. März 2026 im Fürther Stadtwald um 16 Uhr eine "Wild Church" stattfindet – also ein Treffen, das "Glauben und Natur auf einfache und achtsame Weise verbindet". Das Evangelisch-Lutherische Dekanat Fürth teilt auf seiner Website mit: "Die Church of the Wild ist eine wachsende spirituelle Bewegung, die hervorhebt, dass Menschen Gottes Gegenwart auch jenseits von Gebäuden, Traditionen und festgelegten Strukturen erfahren können." In dieser Wildniskirche geschehe, so ein Fürther Pfarrer, nicht einfach das, "was wir sonst im Kirchenraum machen". Man nehme vielmehr teil an der Natur. Die Idee der "Wilden Kirche", habe ihren Ursprung in Nordamerika. (Also im Nordamerika der Zeit vor Donald Trump, nehme ich an. Hätte die Idee ihren Ursprung im Weißen Haus oder gar im Pentagon des Jahres 2025 oder 2026 gehabt, wäre sie natürlich pfui. Niemand würde dann einer "Wild Church" etwas Gutes abgewinnen können. Ebensowenig, wie jemand in Fürth auf die Idee kommen würde, gewissermaßen einen Mega-oder vielmehr MAGA-Church-Gottesdienst zum Thema "Make Church Great Again" anzubieten und eigenartig unvorteilhafte, passiv-aggressive Schirmmützen mit dieser Aufschrift zu tragen.)
Aber weiter im epd-Text: Die "Wild Church", so heißt es darin, ermutige dazu, "die Gegenwart Gottes nicht ausschließlich in Kirchenräumen, sondern bewusst in der Natur wahrzunehmen". Eingeladen wird zum "Waldbaden für Familien" sowie zu einem "spirituellen Waldspaziergang" und zu einer "Wildniskirche im Wiesengrund". Ein bisschen musste ich angesichts dieser Fürther Veranstaltungswerbung an die Spam-Mail denken, die ärgerlicherweise fast täglich in meinem Postfach auftaucht. "Entdecke das wilde Tier in dir!" heißt es dort. Aber in diesen Mails geht es natürlich anders als im evangelischen Dekanat Fürth nicht um die Steigerung der spirituellen Potenz.
Welcher Gott genau sich in der Fürther Wildnis vergegenwärtigt (also Manitu, Gaia, Venus, Baal, der Potenzhase Zeus oder der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Jesu Christi) ist wahrscheinlich nicht so wichtig. Hauptsache achtsam, naturspirituell, einfach, niederschwellig, offen für alle und nicht zu kenntlich und nicht allzu abstoßend christlich. Aber das ist meine Interpretation. Die letzten beiden Sätze stehen nicht in der epd-Meldung. – So viel zur zweiten Eins.
Die traurige Mathematik der Kirchenkrise
Und jetzt wird’s mathematisch – und auch ein wenig theologisch. Wenn man die erste Eins und die zweite Eins auf das Wesentliche reduziert, erhält man jeweils den Satz: "Es kommt auf Kirchengebäude und Kirchenräume nicht an." Oder noch gekürzter: "Es kommt auf Kirchen nicht an."
Wenn es aber auf Kirchen nicht ankommt und Gott nicht in Kirchen wohnt, dann frage ich mich, was eigentlich dagegen sprechen würde, zur Linderung der kirchlichen Finanzkrise etwa die Nürnberger Lorenzkirche, die Nürnberger Sebalduskirche oder andere Kleinode der bayerischen evangelischen Kirchenlandschaft so umgehend wie möglich an den Meistbietenden zu veräußern oder zu vermieten. Ich finde ja, dass sich ein McDonald’s- oder Apple-Logo sehr schön an den Hauptportalen oder auf den Turmhelmen machen würde. Ob die neuen Besitzer oder Pächter dann auch mit dem Satz werben würden, dass Gott nicht in Kirchen, sondern in Herzen wohnt, bezweifle ich allerdings. Wenn ich Apple oder McDonald’s wäre, würde ich mit dem neuen statussymbolischen Pfund wuchern, dass die Fetzen fliegen. Ich würde mit dem Werbeprofis eigenen Touch für den schmalen Grat zwischen den Abgründen der Geschmacklosigkeit kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern es krachen lassen. Vielleicht so: "No fear! God is here!" Oder: "Immer gottrichtig." Vielleicht auch: "Göttlicher Geschmack, den du liebst." Oder, falls die Elektronikhandelskette Saturn einziehen sollte: "Gott ist geil."
Doch wie auch immer: Der Satz, dass es auf Kirchen nicht ankommt, macht mich traurig. Wirklich traurig aber macht mich ein anderer Satz. Und zwar resultiert er daraus, dass man einen einzigen klitzekleinen Buchstaben aus dem Satz "Es kommt auf Kirchen nicht an." streicht. Nämlich ein "n". Dann erhält man den Satz: "Es kommt auf Kirche nicht an." Und dieses gestrichene "n" ist die eigentliche Ursache meiner Traurigkeit und letztlich auch der Grund für diese Kolumne. Denn ich weiß beim besten Willen nicht, wie es sich unter den Bedingungen der beiden Einsen und der Kirchenkritik Luthers vermeiden lassen soll, dass am Ende nicht dieses Fazit steht. Das Fazit, dass es nicht nur auf Kirchen, sondern auch auf Kirche nicht ankommt.
Aus Bayreuther und Fürther Sicht kommt es auf Kirche offenbar deshalb nicht an, weil Gott überall ist. Vor allem im Leben der Natur. Und wahrscheinlich auch im Leben einer mitmenschlichen Gesellschaft und Gemeinschaft. Aber eben nicht notwendigerweise in Kirchen und nicht notwendigerweise in der Kirche. Die scheint es nicht zu brauchen, um Gott, also die Dreifaltigkeit von Natur, Menschenrechten und (unserer) Demokratie, zu erfahren und zu bewahren.
Ja, ich weiß. Diejenigen, die im Kirchenkreis Bayreuth nicht darum herumkommen, Kirchen entwidmen zu müssen, und diejenigen, die sich im Dekanat Fürth wacker darum bemühen, Kirche für eine nachkirchliche Zeit attraktiv zu machen, sind vermutlich genauso verzweifelt wie ich. Auch ihnen geht es wie mir darum, den drohenden Zerfall der evangelischen Volkskirche ins Nichts (Null!) oder in Freikirchen irgendwie aufzuhalten. Auch sie versuchen es irgendwie zu vermeiden, dass es – prosaisch und in Anlehnung an eine Redewendung meiner oberfränkischen Heimat gesprochen – "mit dem Arsch in die Büsche geht". (Man muss sich dabei einen abschüssigen Hang, ein nacktes Hinterteil denselben hinunterrutschend und am Fuß des Abhangs dichtes Nadelbäumchenunterholz vorstellen.) Auch ihnen liegt ihre Kirche am Herzen. Aber eines scheint mir gewiss: Man wird etwas nicht dadurch bewahren, dass man die Unbestimmtheit dieses Irgendwie irgendwie steigert und die Prägnanz und Substanz des christlichen Glaubens um des vermeintlich höheren Guts der Wiedergewinnung von Aufmerksamkeit und Attraktivität um (fast) jeden Preis zerstört.
Wer beteuert, die Substanz gleichzeitig preisgeben und bewahren zu können, macht sich oder anderen oder sich und anderen vielmehr etwas vor – sei es aus Gedankenlosigkeit oder aus Überzeugung. Beides könnte unversehens ideologische Früchte zeitigen.
Braucht es Kirche(n) überhaupt?
Mir ist es wirklich lieber, wenn kirchliche Führungspersönlichkeiten Mitarbeitern und Mitgliedern reinen Wein einschenken und ihnen klipp und klar, offen und ehrlich, ohne Verbrämung und Verklärung und ohne den Missbrauch von Theologie sagen: "Leute, es ist Kacke. Und es tut sauweh. Aber lasst uns trotzdem nicht verzweifeln und das Beste daraus machen."
Ich prophezeie jedenfalls, dass nicht zu Ende gedachte und dadurch unglaubwürdige theologische Schönfärbungsrhetoriken nur weitere Kirchenaustritte zur Folge haben werden. Dasselbe dürfte für kirchliche Aktivitäten gelten, die Gott, Christus und Kirche theologisch entkoppeln und das Überleben der Volkskirche durch die Verschärfung spiritueller Unschärfe, durch eine windelweiche Theologie der diffusen Allgegenwart des göttlichen Geistes oder durch eine gesellschaftspolitische Instrumentalisierung der göttlichen Geisteskraft zu sichern suchen.
Ich selbst bin ja übrigens so verwegen zu glauben, dass mittelfristig nur noch Menschen Kirchenmitglieder sein und Kirchensteuer zahlen werden, die davon überzeugt sind, dass Gott in der Kirche wohnt und dass man per definitionem nicht Christ ist und nicht Christ sein kann, wenn man nicht Mitglied einer Kirche ist.
Und genau an diesem Punkt taucht es wieder auf, das Grundproblem evangelischer Ekklesiologie, also des evangelischen Verständnisses von Kirche. Es besteht schlicht in der Frage, ob es Kirche und Kirchen theologisch gesehen braucht oder ob es sie nicht braucht.
Wenn Kirchen keine heiligen Räume sind, in denen die Vertikale der Anderswelt die Horizontale unserer Welt berührt, dann kommt es letztlich nicht auf kirchliche Räume an. Wie sie beschaffen sind, ist dann einerlei. Und das gilt auch für kirchliche Räume im übertragenen, nicht architektonischen Sinn. Wenn Kirchen keine heiligen Räume sind, dann können Christenmenschen an x-beliebigen Orten zusammenkommen. Also überall dort, wo es bei schlechtem Wetter nicht hineinregnet. Wenn Gott in einem Stall zur Welt kommen konnte, der im Augenblick dieser Geburt natürlich zur Kirche wurde, dann kann sich die evangelische Kirche in der Tat getrost, gelassen, schulterzuckend und schmerzfrei von all ihren Kirchenimmobilien trennen. Wenn alles, was in Kirchen und im kirchlichen Kultus erfahrbar ist, auch außerhalb von Kirchen und außerhalb der Kirche erfahrbar ist, weil Gottes Geist und Gottes Gnade auch anderswo in Kultur und Gesellschaft wirken und Nachfolge und Christsein überall möglich sind, dann fällt der Unterschied von Kirche und Nicht-Kirche in sich zusammen. Und dann können evangelische Christenmenschen ebenso getrost, gelassen, schulterzuckend und schmerzfrei auch auf das Ableben ihrer Institution reagieren.
Sowohl die Bayreuther Regionalbischöfin als auch das Dekanat Fürth haben dieses evangelische Grundproblem unwillkürlich einmal mehr sichtbar gemacht und unter den Bedingungen einer nachchristlichen Zeit und eines nachchristlichen Christentums verschärft.
Eigentlich muss die Gleichung also anders lauten, nämlich 1 + 1 + 1 = 0. Denn die erste Eins, die die Kirche auch in ihrer reformatorischen Spielart über kurz oder lang zunichte (Null!) machen musste, war eigentlich Luthers Kirchenkritik. Zugespitzt formuliert funktioniert seine reformatorische Theologie letztlich auch ohne eine Gestalt von Kirche, die mehr ist als eine Zusammenkunft von Christusgesinnten. Das, was wir derzeit als Kirchenkrise erleben und was mich so traurig macht, ist also nur die historische Konsequenz einer Kirchen- und Institutionskritik, die dem Protestantismus in den Genen liegt. Eigentlich sind die Bayreuther Regionalbischöfin und das Dekanat Fürth also nur die exemplarischen und zutiefst reformatorischen Vollstreckerinnen und Vollstrecker dieser Kirchen- und Institutionskritik. Zugleich versuchen sie sich an einer unmöglichen Quadratur des Kreises. Man könnte sagen, dass sie den Teufel mit Beelzebub austreiben. Denn sie wollen die Kirche mit Mitteln, die das Ende der Kirche unweigerlich beschleunigen werden und eigentlich schon von diesem Ende ausgehen, in die Zukunft führen.
Apropos Zukunft. Ich freue mich – wirklich! – über jede Zuschrift, die mir die evangelische Gretchenfrage im Blick auf die Zukunft der Kirche beantwortet und mich in meiner Kirchentraurigkeit tröstet. Diese Gretchenfrage lautet: "Warum soll ein Mensch im 21. Jahrhundert Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sein, wenn man ihm oder ihr kirchlicherseits versichert, Gott wohne nicht in Kirchen, sondern in den Herzen und in der Natur, und wenn es aus evangelischer Sicht Kirche als sichtbare Institution womöglich wirklich nicht braucht?"
Die Reformation frisst ihre Kinder. Es ist zum Katholischwerden.
Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk" ab 12. März 2026
Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Ab 12. März 2026 erhältlich.