Nach einem epd-Interview des Nürnberger Theologieprofessors Ralf Frisch hat sich die Evangelische Hochschule Nürnberg (EVHN) von ihrem Professor in einer öffentlichen Stellungnahme distanziert. Die Kontroverse wirft grundsätzliche Fragen nach theologischer Vielfalt, akademischer Freiheit und der Streitkultur in Kirche und Hochschule auf. 

Widerspruch aushalten

Man muss Ralf Frisch nicht zustimmen. Man kann seine Thesen für überzogen halten, seine Polemik kritisieren und seine sprachlichen Zuspitzungen ablehnen. Genau darum geht es aber nicht. Es geht um die Freiheit theologischen Denkens.

Der Nürnberger Theologieprofessor und Sonntagsblatt-Online-Kolumnist hat dem Evangelischen Pressedienst ein Interview gegeben. Darin vertritt er Positionen, die er seit Jahren öffentlich vertritt: Kritik an einer Kirche, die nach seiner Überzeugung immer mehr den Sinn für Gott, für die Vertikale, verliert und sich stattdessen zunehmend in die humanitäre Gestaltung des Diesseits, in die Horizontale, wirft. Diese Diagnose kann man teilen oder ablehnen. Aber sie ist zunächst einmal eine theologische Position.

Umso bemerkenswerter ist die Reaktion der Evangelischen Hochschule Nürnberg. In einer Stellungnahme betont ihr Präsident Thomas Popp, Frisch spreche nicht für die Hochschule, seine Position sei keineswegs repräsentativ für die dort gelehrte Theologie. Die Hochschule stehe für Offenheit, Diskurs und Diversität.

Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk"

Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Seit 12. März 2026 erhältlich.

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Frisch fragt, ob Kirche noch ausreichend von Gott spricht

Natürlich spricht ein Professor nicht automatisch für seine Hochschule, das hat Frisch im epd-Interview auch gar nicht behauptet, auch wenn er gesagt hat, Kritik zu üben, gehöre zu seinem "Job-Profil". Und natürlich muss sich eine Institution nicht jede Äußerung ihrer Mitarbeitenden zu eigen machen.

Wer Frisch allerdings unterstellt, seine Kritik an einer Kirche, die aus seiner Sicht ihre religiöse Mitte verliert, sei pauschal diffamierend, demokratie-, menschen- oder diversitätsfeindlich, betreibt seinerseits eine Form der Diffamierung. Denn Frisch hat sich in keinem seiner zahlreichen Beiträge gegen die Prinzipien der Demokratie, der Menschenwürde oder der Vielfalt ausgesprochen. Er stellt vielmehr die Frage, ob Kirche und Theologie noch ausreichend von Gott sprechen. Das ist eine theologische Kernfrage.

In der Stellungnahme wird die Vielfalt theologischer Stimmen beschworen, andererseits scheint gerade eine Stimme, die vom theologischen Mainstream abweicht, nur schwer erträglich zu sein. Genau deshalb wirkt die gesamte Stellungnahme wie ein Kommentar gegen sich selbst. Wer theologische Diversität ernst meint, muss theologische Diversität auch aushalten. Vielfalt in der evangelischen Kirche erschöpft sich nicht in unterschiedlichen Lebensentwürfen oder gesellschaftspolitischen Perspektiven. Sie zeigt sich gerade dort, wo unterschiedliche Verständnisse des christlichen Glaubens aufeinandertreffen.

Frisch bewegt sich in der Tradition Karl Barths

Der bayerische Theologe Ralf Frisch ist nicht auf ein identitäts- oder gesellschaftspolitisches Leitbild ordiniert worden, sondern auf Schrift und Bekenntnis. Zu seinem theologischen Auftrag gehört deshalb auch die Frage, ob Kirche und Theologie ihrem eigenen Auftrag noch entsprechen. Karl Barth bezeichnete die Dogmatik als kritische Selbstprüfung der Kirche hinsichtlich der Frage, ob sie ihrem Gegenstand, dem Evangelium, gemäß redet und handelt. Genau in dieser Tradition bewegt sich der Barthianer Frisch. Seine Kritik mag unbequem sein. Aber sie entspringt keiner Feindschaft gegenüber der Kirche, sondern der Überzeugung, dass Kirche immer wieder an ihrem eigenen Ursprung gemessen werden muss.

Zumal Frisch nichts anderes tut als das, was die evangelische Tradition seit ihren Anfängen kennt. Die Reformation war kein Projekt höflicher Anschlussfähigkeit. Martin Luther war nicht deshalb wirksam, weil er geschickt moderierte, sondern weil er Widerspruch riskierte. Protestantismus ohne Streitlust wäre historisch betrachtet ein Widerspruch in sich. Die Fähigkeit zur Kritik und Selbstkritik ist ein protestantisches Prinzip, das im gesamten Bereich der Kirche gilt – und natürlich besonders sichtbar ist an evangelischen Akademien, in der evangelischen Publizistik – und eben auch an evangelischen Hochschulen und theologischen Fakultäten.

Deshalb wirkt die Stellungnahme der Hochschule auch eigentümlich. Einerseits sieht sie sich zu einer theologischen Distanzierung veranlasst. Andererseits erklärt sie, eine spezifische "EVHN-Theologie" gebe es gar nicht. Wenn es aber keine verbindliche Theologie der Hochschule gibt, wovon genau wird dann Abstand genommen? Der Vorwurf theologischer Abweichung setzt voraus, dass es einen theologischen Maßstab gibt, von dem abgewichen wird.

Eine Hochschule gewinnt nicht an Glaubwürdigkeit, wenn sie sich reflexhaft von unbequemen Stimmen distanziert. Die evangelische Kirche sollte froh sein über Menschen, die leidenschaftlich um ihre Mitte ringen. Denn Gleichgültigkeit, Mainstream und Langeweile ist für die Zukunft des Protestantismus weit gefährlicher als jede noch so scharfe Kritik.

Offener Brief an den Präsidenten der Kirchlichen Hochschule Nürnberg

Der Theologe Günter Thomas (Ruhr-Universität Bochum/Universität Stellenbosch) hat sich in einem offenen Brief an den Präsidenten der Evangelischen Hochschule Nürnberg, Thomas Popp, gewandt. Anlass ist eine von Popp über den epd verbreitete Stellungnahme, in der er sich von Aussagen des Theologen Ralf Frisch distanziert hatte.

Thomas äußert darin "Erstaunen und tiefes Befremden" über diese Distanzierung. Er verweist auf Karl Barth, der Theologie als "Selbstprüfung der christlichen Kirche hinsichtlich des Inhalts der ihr eigentümlichen Rede von Gott" verstanden habe. Genau dieses Verständnis vertrete Frisch in dem kritisierten Interview – als Aufgabe theologischer Selbstkritik der Kirche.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Thomas die Position der Hochschulleitung deutlich: Eine kirchliche Hochschule müsse Raum für kritisches Nachdenken über die Gottesrede bieten. Es sei fraglich, warum sich die Hochschule im Namen von "Diversität" und einer "menschenfreundlichen Kirche" von einem solchen Ansatz distanziere.

Thomas warnt, die Stellungnahme werfe grundsätzliche Fragen nach dem Selbstverständnis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sowie nach der Wissenschaftsfreiheit an kirchlichen Hochschulen auf. Zugleich äußert er die Hoffnung, es handle sich um ein Missverständnis, das sich klären lasse.

(om)