11.01.2017
Europas Protestanten

Protestantisch in Helsinki: Die Agricola-Kirche ist Ausgangsort der Thomasmesse

Stell dir vor, es ist Gottesdienst – und alle kommen. Von der alleinerziehenden Mama mit Kind über den Oberregierungsrat im Ruhestand bis zum einsamen Flüchtling aus Eritrea, insgesamt ein paar Hundert Leute. Was wie eine Traumfantasie eines mitteleuropäischen Gemeindepfarrers klingt, ist in der Agricola-Kirche in der finnischen Hauptstadt Helsinki seit 1988 Wirklichkeit. Jeden Sonntagabend öffnet hier die Thomasmesse ihre Pforten.
Die Mikael Agricolan Kirkko (Mikael-Agricola-Kirche) in Helsinki, Finnland, vom Hotel Torni aus gesehen.
Die Mikael Agricolan Kirkko (Mikael-Agricola-Kirche) in Helsinki vom Hotel Torni aus gesehen.

Wie kann man den beispiellosen Erfolg dieses Gottesdiensts erklären, der längst in Norwegen, Ungarn, Estland, der Schweiz und in Deutschland Nachahmung gefunden hat? Finnland ist ja nicht unbedingt von herausragender Volksfrömmigkeit gekennzeichnet: Von den rund 76 Prozent der Bevölkerung, die heute noch formell der lutherischen Kirche des Landes angehören, geht nur jeder Fünfzigste regelmäßig in die Kirche. In Helsinki ist der Anteil der Kirchgänger unter den Lutheranern noch geringer – ein Prozent.

Aber offenbar ist es dem Gründungsteam um Pfarrer Olli Valtonen seinerzeit gelungen, auf ein Grundbedürfnis einzugehen, das postmoderne Großstadtmenschen haben: die Möglichkeit, Spiritualität auszuprobieren, und das persönlich und anonym zugleich, intensiv und berührend, aber ohne Bindung und Verpflichtung. Die Thomasmesse ist neben dem besonders ausgeprägt ökumenischen Ansatz von Taizé der größte spirituelle Erfolg des europäischen Protestantismus in den letzten Jahrzehnten.

"Entscheidend ist, dass die ganze Idee von Laien getragen wird", sagt Pirjo Kantala, seit 2010 Jahren Thomaspfarrerin. Die "Toumasmessu" ist von Anfang an als selbstständiger Verein organisiert, was einerseits Freiheit gegenüber der Kirche bedeutet, andererseits jeden neuen Jahreshaushalt zum Vabanquespiel macht. Wenn die Pfarrerin nach ihrer Arbeit gefragt wird, kommt daher als erste Antwort: "Ich sammle Geld ein."

Fragen, nicht Antworten!

Kantala organisiert vor allem und predigt schon auch mal. Doch das ist kein Vergleich zur Rolle des Alleinunterhalters, die Pfarrer oftmals in Kirchengemeinden spielen, auch deshalb, weil man es von ihnen erwartet. An jeder einzelnen Thomasmesse arbeitet ein Team zwischen 50 und 70 Leuten mit, die meisten von ihnen im Chor. Insgesamt gehören rund 170 Leute dazu, der oder die Hauptverantwortliche wechselt jede Woche. Pfarrer wie Kantala machen mit, aber es ginge auch ohne sie.

Es ist Sonntagabend, kurz vor sieben. In einem Besprechungszimmer neben der Sakristei holen sich die Mitarbeiter des Tages die letzten Instruktionen ab: Wer begrüßt? Wer trägt das Kreuz? Wer übernimmt die Hostienausteilung hinten links? Freiheit und Offenheit heißt nicht Beliebigkeit: Die Thomasmesse ist exakt choreografiert, Zufall und Improvisation sind allenfalls in den Zwischenspielen der Jazz-Combo erwünscht. In der Kirche tröpfeln seit einiger Zeit die Leute herein, allerdings nur spärlich. Das Gebäude ist riesig, die endlosen Bankreihen wirken noch gähnend leer. Keine Panik bei Uwe Preusker vom Team der Ehrenamtlichen: "Das ist so hier, die kommen auf den letzten Drücker."

Preusker ist selbstständiger Gesundheitsberater, schon vor vielen Jahren hat es ihn von Deutschland nach Finnland verschlagen. Bei der Thomasmesse macht er seit vielen Jahren mit, erst im Chor, nun auch als Gottesdiensthelfer. Heute soll er eigentlich übersetzen, doch die angekündigte Gruppe aus Zürich musste kurzfristig absagen – wegen des schlechten Wetters über Helsinki war ihr Flieger gar nicht erst abgehoben.

Die Thomasmesse ist ein beliebtes Studienziel für religiöse Reisende

Erst neulich, berichtet Preusker, war eine 90-köpfige Gruppe von US-amerikanischen Kirchenmusikstudenten samt Professoren zu Gast. Ihre Europareise hatte vier Stationen: die Iona Community in Schottland, Taizé, die Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom und die Thomasmesse in Helsinki.

Für die dann doch ferngebliebenen deutschsprachigen Gäste eröffnet der Chor mit einer deutschen Strophe "Danke für diesen guten Morgen". Erst nach einer Begrüßung ziehen zum Gesang der stehenden Gemeinde die Ehrenamtlichen von hinten nach vorne durch den Mittelgang ein. Zwei Helfer tragen ein bunt bemaltes Holzkreuz vor sich. Inzwischen sind die letzten Nachzügler eingetrudelt, nun sind gut 250 Menschen hier versammelt. Im Winter, wenn die Sonne über Helsinki kaum richtig aufgeht und die Dunkelheit nicht aufhören will, kommen locker doppelt so viele. Seit einigen Jahren überträgt ein privater Radiosender jede Thomasmesse – macht gut 45.000 weitere Teilnehmer. Wie viele den Livestream im Internet verfolgen, weiß man nicht, den gibt’s jedenfalls inzwischen auch.

Nun folgen Kyrie, Dankgebet, Predigt und Credo, dazwischen immer wieder Musik. Ausländische Gäste können sich spielend zurechtfinden – die einzige echte Klippe ist die finnische Sprache, in der etwa das "Heilig, heilig" so klingt: "Kaikki maa on täynnä hänen Kunniaansa".

Im Grunde bricht die Thomasmesse nur einmal richtig althergebrachte Formen auf.

Nach dem Kyrie samt kurzer Stille kommt plötzlich Bewegung in den Raum: An vier Stellen im Kirchenschiff bilden sich lange Schlangen vor jeweils zwei Ehrenamtlichen, die persönliche Segnungen aussprechen. Zweiter Zielpunkt der Menschen, die jetzt kreuz und quer durch die Kirche laufen, sind die kleinen Tischchen in den Seitengängen, an denen Zettel und Stifte bereitliegen.

Man kann hier eine persönliche Fürbitte formulieren und abgeben. Eine Auswahl davon fließt in das Dankgebet ein, das sich anschließt: Herr ("Herra"), lass meine Mutter gesund werden. Sei du bei den Kindern der Welt. Lieber Gott ("Jumala"), ich ziehe um. Sei du auch in meiner neuen Wohnung. In einer Gebetsrunde jeden Mittwochabend werden dann alle Fürbitten verlesen. Wer in der Thomasmesse eine Bitte hinterlässt, wird also auf jeden Fall im eigentlichen Sinne er-hört – zumindest von der Thomasgemeinschaft.

Nun geht es wieder ganz konventionell weiter: Predigt und Kollektenlied, Abendmahl und Schlusssegen, Auszug und Schlusslied. Traditionell bleib die Hälfte der Kollekte in der eigenen Kasse, die andere Hälfte geht an ein soziales Projekt im In- oder Ausland, diesmal an ein Kinderhaus der Helsinkimissio. Die Formulierungen der Liturgie sind manchmal moderner, manchmal besonders traditionell, es hängt vom Team ab. Das gilt auch für die Musik, in der Lutherlieder ebenso ihren Platz haben wie Taizé-Gesänge. Auf diesem Feld, erzählen die Thomasmessenleute, mussten sie seinerzeit die härtesten Nüsse knacken: Denn vor drei Jahrzehnten galt modernes Liedgut im Land noch als kulturelles Tabu.

Licht aus der Winternacht

Nach gut eineinhalb Stunden – im Winter dauert die Messe gute zwei Stunden – strömen die Leute hinaus in den taghellen Sommerabend von Helsinki, und nur wenige bleiben vor der Kirche noch auf ein Schwätzchen stehen. Nach ein paar Minuten ist das, was wie eine Gemeinde aussah, aber nur eine Gemeinschaft auf Zeit ist, in alle Winde verstreut. Drinnen räumen die Ehrenamtlichen die Gesangbücher auf. Doch an einigen Stellen im Kirchenschiff bleiben kleine Gesprächsinseln: Leute mit großen und kleinen Sorge finden hier in den Ehrenamtlichen, die sich seit einigen Jahren sogar ausdrücklich ausbilden und zertifizieren lassen können, einen persönlichen Ansprechpartner. Die Thomasmesse ist der Türöffner zu ihrer Seele. Wenn sie die erste Schwelle einmal überschritten haben, fällt die nächste viel leichter.

Olli Vantonen hat sich viele Gedanken über das Erfolgsgeheimnis der Thomasmesse gemacht. Der Pfarrer der finnischen Kirche, heute Chef der Stadtmission von Helsinki, war 1988 der Gründungsmotor. Viele Menschen seien damals auf der Suche nach Spiritualität gewesen – Charismatiker und Evangelikale, Taizé-Anhänger und Pietisten, Hochkirchler und Kirchenferne. In der Thomasmesse fanden alle eine gemeinsame Plattform.

Moderne Großstadtmenschen, sagt Valtonen, sind auf der Suche.

Er vermeidet das Bild des Pilgers, der zwar auch auf der Suche ist, aber einen Weg zu einem Ziel beschreitet, das er immer vor Augen hat. Die Besucher der Thomasmesse vergleicht er lieber mit Nomaden: auch auf der Suche, aber ohne festen Plan und ohne feste Bindung. "Wir alle spüren: Da muss noch irgendetwas sein, das mich trägt, das meinem Leben Sinn gibt, das mir hilft." Der Besuch in der Thomasmesse gebe davon viel eher eine Ahnung als, zum Beispiel, Luthers vernunftorientierter Katechismus. Nicht der Kreuzestheologie vom blutigen Opfer, sondern der Liebe gehöre die Zukunft. Die Zeit der Vernunft in der Religion, das Zeitalter der Aufklärung, sei endgültig vorbei, glaubt Valtonen: "Es ist Zeit für eine neue Reformation, in der uns nicht Worte, sondern Gefühle verbinden."

Glaubt er das? Ist das die richtige Formulierung? So einfach ist die Sache auch nicht. Denn für Valtonen gilt unbedingt das Prinzip Zweifel, das Prinzip des Apostels Thomas, der die Geschichte von der Auferstehung Jesu nicht glauben wollte und Beweise einforderte. Er ist nicht umsonst der Namenspate der Messe. "Protestanten haben immer mehr Fragen als Antworten", unterstreicht der Thomasmessengründer daher: "Wir haben die Wahrheit ja nicht, wir suchen sie."

Wenn man Valtonens Forderung nach einer neuen Reformation aufgreift, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass das Reformprojekt Thomasmesse ausgerechnet in der Agricola-Kirche Fuß fasste. Mikael Agricola (etwa 1510-1557) studierte bei Luther in Wittenberg, war zunächst Rektor und dann Bischof in Abo (Turku), dem damaligen politischen und geistigen Zentrum des Landes. Er übersetzte die Bibel ins Finnische und gilt als der Begründer der modernen finnischen Schriftsprache. Der Reformator Finnlands genießt in seiner Heimat einen ähnlichen Ersatzheiligenstatus wie Luther und Melanchthon im evangelischen Deutschland.

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