Mein Hausarzt, der diese Kolumne, von der selbst ich nicht genau sagen kann, wieviel daran wahr und wieviel daran erfunden ist und in der möglicherweise jeder zweite Satz ein ethisches Pulverfass und ein No-go ist, vorab sorgfältig gelesen und ausdrücklich autorisiert hat, also mein Hausarzt ...
Ich fange nochmal an. Mein Hausarzt also. Ich nenne ihn der Anonymisierung und des Personenschutzes halber Ralf.
Ralf drückt also den Ultraschallkopf (nicht sehr zartfühlend, aber das bin ich gewöhnt) in meinen Bauch und merkt zwei Sekunden zu spät an, dass es jetzt gleich ein bisschen kalt werden wird.
"Du", sagt er, während er auf mir herumfuhrwerkt, "ich glaube, ich werde wieder evangelisch."
"Du?", sage ich aus dem Dunkel heraus. "Das glaubst du ja selber nicht. Aber du wärst natürlich eine gute Partie für uns. Bei deinem Einkommen."
"Doch", sagt er. "Das mit der Polygamie überzeugt mich."
"Was mit der Polygamie?", frage ich.
Evangelisch werden – und Polygamie?
"Na, das in Berlin. Dass die evangelische Kirche jetzt zum Vorreiter …" Er muss über seine eigene Formulierung lachen. "Vorreiter! Das ist ein lustiges Wort in dem Zusammenhang. Also dass die evangelische Kirche jetzt zur Vorreiter*in in Sachen Polygamie wird, finde ich super."
"Wir werden doch gar nicht zur Vorreiterin der Polygamie", sage ich. "Polygamie ist in der Bundesrepublik Deutschland nicht legal. Und die evangelische Kirche traut nur Menschen, die vor dem Standesamt eine Ehe geschlossen haben. Außerdem müsste die evangelische Kirche im Legalisierungsfall erstmal theologisch differenziert darüber nachdenken, ob sie polygame Beziehungen wirklich zu segnen gedenkt."
"Ach was", sagt er. "Ihr mit euren Differenzierungen. Die kommen immer zu spät. Und du weißt ja: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, und wer zu früh kommt, den bestrafen die …"
"Ralf!", sage ich. "Sei bitte still. Keine Herrenwitze. Konzentrier dich lieber auf deine Arbeit."
"Von wegen: Wir trauen nur Menschen, die vor dem Standesamt eine Ehe geschlossen haben!", sagt er. "Die Berliner Pfarrerin hat sie doch getraut, die vier. Sie hat nicht lange gefackelt, sondern vollendete Tatsachen geschaffen. Öffentliche Tatsachen. Medienwirksame Tatsachen. Nur so geht’s. Sonst ändert sich nie was. Also deine Bauchspeicheldrüse sieht schon mal blendend aus."
"Gottseidank", ächze ich.
Vier Arzthelferinnen, ein Gedanke – und viele Fragen
"Nein, echt", sagt Ralf. "Ich find das super, dass die die vier Typen verheiratet hat. Ihr seid wenigstens nicht so verklemmt wie die Katholiken, die nur heimlich fi …"
"Ralf!!! Hör auf!!!", sage ich.
"Ich bin gleich fertig", sagt er.
"Ich meine nicht den Ultraschall", sage ich, "sondern den Scheiß, den du erzählst."
"Wieso?", fragt er arglos wie ein Lämmchen. "Das ist doch kein Scheiß. Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, vier von meinen süßen Arzthelferinnen zu ehelichen. Wir würden dafür alle fünf in die evangelische Kirche eintreten."
"Findest du das nicht geschmacklos?", frage ich. "Erstens sind diese Frauen dreißig Jahre jünger als du …"
"Du Schmeichler!" Er schüttelt sich vor Lachen. "Deine Nierchen sind auch okay."
"Zweitens", sage ich, "klingt das nicht so sehr nach Liebe, sondern eher nach Abhängigkeitsverhältnis, nach Kalkül und nach monetärer Asymmetrie."
"Monetäre Asymmetrie. Du kennst Wörter!"
Ich merke gerade, dass ich mich nicht nur physisch in der unterlegenen Position zu befinden beginne. "Die jungen, von dir womöglich auch noch schlecht bezahlten Frauen würden vielleicht nur dein Geld wollen, und du würdest sie dadurch an dich binden und seelisch und körperlich ausbeuten", sage ich im verzweifelten Versuch, dem Gespräch einen Hauch von reflektierter Seriosität und vor allem von Moral zu verleihen.
"Um so besser", sagt er. Und ich kann ihn regelrecht sehen, den riesigen Schalk, der ihm auf seinem Tausend-Euro-Pullover im Nacken sitzt. "Eine perfekte Win-Win-Situation. Außerdem sind die Mädels schon groß und können selbst entscheiden, was und wen sie wollen. Und sie wollen halt mich, den durchtrainierten Sportler mit Sixpack. So einen mit Bierwampe wie dich finden sie natürlich nur bedingt geil. Leber aber auch super."
"Ralf", sage ich, "ich möchte echt nicht, dass du so frauenverachtendes Zeug redest. Außerdem klingt das alles irgendwie nach billigem Porno und Zuhältermilieu. Also, ich find’s echt geschmacklos."
"Der Herr Priester wieder!", sagt er und schaltet mit einem Mal blitzschnell, als wäre er ein Sportwagen, vom Modus "Raw" in den Modus "Sophisticated". "Wenn in Berlin vier Typen miteinander rummachen und sich jeder vorstellt, wie die das wohl so bewerkstelligen zu viert und die Kirche dazu auch noch ihren Segen gibt, dann ist das nicht geschmacklos, ja?"
"Wer definiert denn überhaupt, was geschmacklos ist und was nicht?", frage ich etwas hilflos, aber halbwegs tapfer zurück. "Außerdem geht es ja vielleicht nicht um geschmacklose Phantasien und um Sex, sondern um Liebe", sage ich.
"Da lachen ja die Hühner", sagt er. "Wenn es nicht um Sex ginge, dann könnten die vier sich einfach so segnen lassen, also als Gottesdienstbesucher. Am Ende der Messe. Wie alle anderen. Natürlich geht es um Sex. Sonst würden sie ja nicht heiraten wollen. Hallo? Oder verheiratet ihr auch Oma und Enkel? Wobei … Bei euch weiß man ja nie."
Die Kirche und der Segen jenseits der Zweierbeziehung
"Ich find’s ja auch schwierig", sage ich und überlege mir insgeheim trotzdem, ob ich mir nicht einen anderen Hausarzt suchen soll. "Natürlich stellt sich die Frage, welche Liebesbeziehungen die evangelische Kirche nicht segnen soll, wenn sie erstmal damit angefangen hat, nicht nur die heterosexuelle Ehe, sondern auch andere auf Treue angelegte Liebesbeziehungen zwischen zwei Menschen zu segnen. Der Geist ist schon lange aus der Flasche. Und was in Berlin passiert ist, war absehbar. Wer sollte am Ende noch etwas gegen die Segnung polyamoröser Lebensgemeinschaften haben können, wenn er oder sie etwas dagegen hat, Trauungen auf die traditionelle heterosexuelle Ehe zu beschränken?"
"Hör mir auf mit der traditionellen heterosexuellen Ehe!", sagt Ralf. "Und hör mir auf mit Treue. Ich kenne Ehen, die die Hölle sind. Missbrauch. Abhängigkeit. Untreue. Ausbeutung. Geldgeilheit. Psychoterror. Es gibt keinen Grund, die heterosexuelle Ehe zu verklären und heiligzusprechen. Ihr Kirchens seid echt Meister der Augenwischerei und der Doppelmoral. In einer Vielehe kann’s auch nicht viel schlimmer sein als sowieso schon. Meine vier Arzthelferinnen hätten es jedenfalls gut bei mir. Ich wäre allen treu! Großes Indianerehrenwort."
"Wenn ich ehrlich bin", sage ich kurz vor der Kapitulation, "sehe ja auch ich nicht so recht, warum der kirchliche Segen, vielleicht sogar die kirchliche Trauung, Beziehungen vorenthalten werden sollte, die über die Zweizahl hinausgehen und für die es bisher keine staatliche Anerkennung gibt. Ich weiß halt nur nicht, ob bei so einer Polybeziehung nicht vielleicht doch mehr Schmerz und mehr Eifersucht im Spiel wären und wie kurzlebig das wäre, was man leichthin Liebe nennt. Vielleicht ist das so gerne idealisierte polyamoröse Spiel der Liebe von vornherein stärker zum Scheitern verurteilt als die Liebe in einer Zweierbeziehung. Und trotzdem wäre es eigentlich nur konsequent, wenn wir von unserem liberalen evangelischen Konzept der Liebe her alle Liebesbeziehungen segnen würden, unabhängig von der Anzahl der Liebespartnerinnen und Liebespartner."
"Du meinst, ich soll lieber fünf als vier Arzthelferinnen heiraten? Also je mehr, desto besser?", fragt er.
"Quatschkopf", sage ich.
Ich merke, wie er, der Porschefahrer, in den Modus "Sophisticated plus" schaltet. Er sagt: "Eins sage ich dir: Wenn die Polygamie kommt, dann werden die muslimischen Clans jubeln und die Feministinnen sich winden. Dann kannst du die Frauenrechte knicken. Die schöne neue porentief reine und kuschelweiche Welt der antiheteronormativen Polyqueerness gibt's nur in der Phantasie derjenigen, die sich die Menschen gerne etwas freundlicher vorstellen, als sie tatsächlich sind. Dein Bauch schaut blendend aus. Abgesehen vom Fett. Iss nicht so viel ungesundes Zeug. Und trink nicht so viel Bier."
"Ich weiß schon", sage ich. "Aber anders hält man es halt manchmal nicht aus."
"Man könnte übrigens auch ganze Fußballmannschaften trauen", sagt er. "Da wären die Kirchen voll. Vielleicht sogar so voll, dass man die Trauung ins Stadion auslagern müsste. Darf man eigentlich auch Trausprüche nehmen, die nicht aus der Bibel sind?"
"Warum?", frage ich.
"Wegen Sammy Drechsel."
"Sammy Drechsel?"
"Na, elf Freunde müsst ihr sein! So hieß doch damals Sammy Drechsels Buch. Das wäre ein Supertrauspruch für Fußballmannschaftstrauungen."
"Ralf …"
"Jetzt ganz ruhig", sagt er. "Luft anhalten! Sehr gut. Deine Blase ist vom Feinsten. Makellos. Aber sag mal", fragt er mich. "Könntet ihr das mit der Liebeshochzeit nicht auch auf die Tierliebe ausweiten? Dann könnte ich meine Zwergkaninchen heiraten. Ich hab sie nämlich sehr lieb. Und wenn ich abends mit ihnen schmuse und in ihre Augen schaue, dann spüre ich, dass auch sie …"
"Ralf …", sage ich, verzweifelter denn je. Zugleich versuche ich mir das Lachen zu verkneifen.
"Das war’s." Er reinigt den Ultraschallkopf und wäscht sich die Hände. Vermutlich in Unschuld. Und auf einmal sagt er mit dem wahrscheinlich betroffensten Augenaufschlag, der ihm möglich ist: "Allerdings muss ich dir doch noch was wirklich Ernstes sagen."
Abschluss beim Arzt – und ein unerwartetes Fazit
Ich erstarre und spüre, wie sich die Schrecksekunde zur Stunde dehnt, ehe das Schlitzohr wieder über das ganze Gesicht zu grinsen beginnt.
"Freu dich des Lebens und hör auf, dir so viele Gedanken zu machen."
Ich stehe auf und wische mir mit den Papiertüchern erleichtert das Gel vom Leib. Ein bisschen passt das glibberige Gefühl zum schlüpfrigen Gespräch.
Als er sich von mir verabschiedet, sagt Ralf: "Ihr seid echt nicht ganz dicht. Wer bitteschön soll euch noch ernstnehmen? Ihr nehmt euch doch selber nicht ernst."
Während der Fahrt nach Hause habe ich ein Bild vor Augen. Den Moment, als ich Ralf und seiner Frau bei ihrer Trauung vor fast zwanzig Jahren die Hand auflegte und den beiden ein Kreuzeszeichen auf die Stirn machte, um sie zu segnen. Ralf hat damals Rotz und Wasser geheult vor Rührung.
Solche Leute verlieren wir.
Anmerkung: Ralf Frisch hat als Theologischer Referent der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern an der Handreichung für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare mitgearbeitet.