Reformprozess "Profil und Konzentration"
In den Münchner Kirchengemeinden wird 2021 kräftig umgebaut und saniert. Warum dafür trotz sinkender Mitgliederzahlen der richtige Zeitpunkt ist - und wie ein zeitgemäßes Immobilienkonzept der Kirche aussehen kann.
Handwerker auf der Baustelle

Immer weniger Mitglieder, immer weniger Pfarrer - aber die Kirche baut, was das Zeug hält: Was auf den ersten Blick paradox scheint, ist von nahem betrachtet nur logisch. Denn an einer Vielzahl von Bauprojekten, die allein im Dekanat München 2021 begonnen oder fertiggestellt werden, lässt sich der Kirchen-Reformprozess "Profil und Konzentration" anschaulich durchbuchstabieren.

Fertig wird im Sommer 2021 zum Beispiel der sechs Millionen Euro schwere Umbau der Giesinger Lutherkirche. Damit sich die Gemeinde das Megaprojekt leisten kann, gibt sie ihr sanierungsbedürftiges Gemeindehaus auf und das zugehörige Grundstück in Erbpacht. Statt wie geplant an die Landeskirche, die aus der Vereinbarung überraschend wieder ausstieg, soll der Grund nun an einen Investor gehen, der darauf Wohnungen zu moderaten Preisen bauen soll. Dafür bekommt sie einen barrierefreien Gemeindesaal direkt neben der Kirche - und ein grundsaniertes Pfarrhaus mit Belegungsplantechnik für vielfältige Gruppennutzung.

Wie ein zeitgemäßes Immobilienkonzept der Kirche aussieht

Für Stefan Neukamm, Leiter der Bauabteilung im Kirchengemeindeamt, ist die Lutherkirche ein Paradebeispiel für das Immobilienkonzept des Dekanats und für sinnvolle Gebäudeentwicklung. "Damit haben wir 2012 begonnen und das Thema nie wieder beiseitegelegt", sagt der Architekt. Weil auf dem heiß umkämpften Wohnungsmarkt der Landeshauptstadt fast jede Lage attraktiv sei, habe man früh beschlossen, Grundstücke nur noch "als absolute Ausnahme" zu verkaufen. Stattdessen versuche man, bei nötigen Umbaumaßnahmen Ertragsobjekte zu entwerfen, die auf lange Sicht Mieteinnahmen in die Gemeindekasse spülen.

Anderes Beispiel, gleiches Konzept: An der Jesuskirche Haar rollen im Frühjahr 2021 die Bagger an, um in den großen Gemeindegarten auf einer Fläche von knapp 500 Quadratmetern eine dreigeschossige Heilpädagogische Tagesstätte (HPT) inklusive günstiger Wohnungen für, als Beispiel, Azubis zu bauen - Kostenpunkt fünf Millionen Euro. Das Grundstück gehört der Gesamtkirchengemeinde. Die Kommune wünscht sich eine HPT, die Diakonie ist bereit, dafür die Trägerschaft zu übernehmen, das "Haus für Kinder" der Gemeinde selbst ist der ideale Partner vor Ort - und durch die künftigen Mieteinnahmen kann sich die Jesuskirche jetzt die dringend nötige Sanierung des Gemeindehauses leisten.

Kompakt sollen die Gebäude sein, kooperativ genutzt werden

Denn das Prinzip der Drittel-Finanzierung - je ein Drittel von Landeskirche, Dekanat und Gemeinde - wird sich in Anbetracht der rückläufigen Kirchensteuereinnahmen auf Dauer nicht halten lassen. Zumal die notwendigen Kirchensanierungen, die keinen Ertrag bringen, nicht weniger werden: Die Johanneskirche Haidhausen ist 2021 endlich mit Dach und Fassade dran, die Lukaskirche startet - dank sieben Millionen Euro Zuschuss vom Bund - am 1. Advent ihren großen Umbau mit Innensanierung.

Und schließlich wird der Mitgliederrückgang auch dazu führen, dass manche Subzentren aus den 1970er- bis 1990er-Jahren nicht mehr gebraucht werden. "Die Gemeinden erkennen selbst, dass wir uns das nicht mehr leisten können", sagt Neukamm. Ziel des Immobilienprozesses sei, sich "massiv zu verschlanken" und die oftmals in die Jahre gekommenen Gebäude in kompakterer Form fitzumachen für eine Zukunft mit weniger Kirchenmitgliedern, aber mehr Kooperationspartnern - von der Kommune bis zur Diakonie. Bestes Beispiel dafür ist ein weiteres "Leuchtturmprojekt", das 2021 beginnt: Dann wird die Evangeliumskirche im Hasenbergl zur Münchner "Diakoniekirche" umgebaut, in der nicht nur Gottesdienste, sondern auch Angebote und Verwaltung der Diakonie Hasenbergl Platz finden.

Kirche in München schafft Wohnungen

Wann immer es geht, versucht das Dekanat mit seinen Um- und Neubauten den Münchner Wohnungsmarkt zu entlasten. Ob in Giesing, Haar oder Karlsfeld, wo das künftige Pfarramt samt Pfarrwohnung in einem Neubau mit 15 Mietwohnungen untergebracht wird: Häufig sind bezahlbare Wohnungen für die dringend benötigten Fachkräfte aus beispielsweise den sozialen Berufen mit eingepreist. "Hundert Wohnungen auf einmal können wir nicht bauen", bedauert Stefan Neukamm. Aber ein kleiner Beitrag sei das Immobilienmanagement des Dekanats schon.

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