Aushöhlen, Fratzen hineinschnitzen und ein Licht hineinstellen: Was nach Halloween klingt, ist ein alter Herbstbrauch. Gemeint sind Rübengeister. In einigen Regionen Deutschlands werden sie inzwischen wieder geschnitzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Brauch zunehmend verschwunden, auch, weil immer weniger Futterrüben angebaut wurden, die größer sind als Zuckerrüben und traditionell zum Schnitzen genommen wurden. Jetzt erlebt er ein kleines Revival.
In Diedorf bei Augsburg zum Beispiel erinnerte man sich nach der Corona-Pandemie wieder an die Rübengeister. Conny Stiefel, Leiterin des Umweltzentrums Schmuttertal, kannte den Brauch aus ihrer Kindheit im Odenwald. "Das war einfach schön in der dunklen Herbstzeit", sagt sie. Sie fand schließlich einen Landwirt in der Nähe, der noch Futterrüben auf seinen Feldern hatte. Seitdem gibt es in Diedorf jedes Jahr ein Rübenfest, diesmal am 10. Oktober.
Rüben sehen von Natur aus gruseliger aus als Kürbisse
Rund 150 Kinder kommen dort jedes Jahr zum Schnitzen zusammen. Mit Halloween-Kürbissen haben die Rübengeister einiges gemeinsam - etwa das Aushöhlen und Beleuchten. Die Arbeit ist allerdings deutlich mühsamer: "Bei den harten Rüben muss man schon richtig mit einem Messer rumbohren", sagt Stiefel. Außerdem sähen die Rüben durch ihre Wurzelverwachsungen von Natur aus schon "gruseliger" aus als ein glatter Kürbis, findet sie.
Beim Brauch selbst gibt es ebenfalls Unterschiede zu Halloween. Während Halloween am 31. Oktober gefeiert wird, gibt es für die Rübengeister kein festes Datum. Sie werden während der ganzen Erntezeit im Herbst geschnitzt, wie Sabine Zinn-Thomas von der Landesstelle für Alltagskultur beim Landesmuseum Württemberg erklärt. Verkleidungen gehörten nicht dazu. Das Umherziehen von Haus zu Haus hingegen schon - zumindest in manchen Regionen.
Wie bei Halloween läuten dann die Kinder an den Türen, sagen ein Sprüchlein auf und bitten um Süßigkeiten: "Wir sind die Rübengeister, gehen von Haus zu Haus und bitten um eine Gabe. Und dann gehen wir wieder nach Haus." Oder: "Wir sind die Rübengeister. Wir haben einen Meister, der hat uns befohlen, wir sollen uns was holen", so lauten typische Sprüche, erzählt Martin Beer, stellvertretender Leiter des Museums KulturLand Ries in Maihingen im Landkreis Donau-Ries.
Auch in Irland und Schottland wurden Rüben geschnitzt
Auch im Ries werden seit einigen Jahren wieder Rübengeister geschnitzt. "Wir wissen, dass es den Brauch hier früher gegeben hat", sagt Beer. Er selbst stamme aus dem Erzgebirge, auch dort habe es Rübengeister gegeben. Bei der Antwort auf die Frage, wo der Brauch überall verbreitet sei, sind sich die drei Experten einig: "Man weiß es nicht genau." Wahrscheinlich überall dort, wo traditionell Futterrüben angebaut wurden: in Süddeutschland, in den Mittelgebirgsregionen, im Rheinland, aber auch in Norddeutschland oder der Schweiz.
Die Wurzeln von Halloween und den Rübengeistern könnten dennoch zusammenhängen, vermuten alle drei. Die Menschen in Irland und Schottland schnitzten traditionell Rübenlaternen und brachten den Brauch im 19. Jahrhundert nach Amerika. Dort habe es statt der Rüben aber vor allem Kürbisse gegeben. Über Film, Fernsehen und später auch Social Media sei Halloween seit den 1990er Jahren wieder zurückgekehrt nach Europa.
Ob die deutschen Rübengeister ebenfalls auf diesen Brauch zurückgehen oder unabhängig entstanden sind, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Die ersten schriftlichen Belege stammen aus dem 19. Jahrhundert. "Letztlich wissen wir sehr wenig darüber", sagt Zinn-Thomas. Sicher ist nur: Die Rübengeister verbinden mehrere alte Traditionen - den Heischebrauch, also das Einfordern von Gaben, und den Lichterbrauch, wie er in der dunklen Jahreszeit etwa beim Martinsfest gepflegt wird.