Neben einer Vielzahl polemischer Streitschriften für die Reformation hatte Eberlin von Günzburg noch Zeit für eine literarische Großtat. Vor 500 Jahren verfasste der ehemalige Franziskanermönch, der die Reformation in Ulm auf den Weg gebracht hatte, die erste deutsche Übersetzung der "Germania" des lateinischen Schriftstellers Tacitus (ca. 58 - ca. 120). Seine 1526 entstandene Übersetzung mit dem Titel "Ein zusamengelesen buochlin von der Teutschen Nation" widmete Eberlin dem Grafen Georg II. von Wertheim. Nach seiner Vertreibung aus Ulm wegen reformatorischer Umtriebe 1521 und unsteten Wanderjahren fand Eberlin eine feste Anstellung in der Grafschaft Wertheim, für die er als "Oberster Geistlicher" die erste lutherische Kirchenordnung entwarf.
In Berührung mit der "Germania" kam Eberlin offensichtlich in seiner Zeit im Franziskanerkloster in Basel, einer Hochburg der humanistischen Gelehrsamkeit, als er ein Exemplar der von Beatus Rhenanus (1485 - 1547) besorgten Ausgabe der "Germania" in die Hand bekam. Tacitus hielt seinen Römern die noch ursprünglichen und unverdorbenen Germanen und ihre Lebensweise als Spiegel vor. Genauso sollte auch die Übersetzung der "Besserung und Unterweisung" der Zeitgenossen und ihrer Nachkommen dienen, so Eberlin im Widmungsbrief an den Grafen. Denn es "sei schimpflich, das ain Teutscher Man so gar nichts wisse von seyner Nation", heißt es im Vorwort.
Den Urtext um ein Drittel gekürzt
Zwar übernimmt Eberlin alle 48 Kapitel der "Germania", kürzt den Urtext jedoch um rund ein Drittel und liefert dadurch eine eigene Interpretation. So übergeht er weitgehend die Beschreibungen heidnischer Bräuche der Germanen oder der Sehergaben von weisen Frauen. Denn diese Vorstellungen passten so gar nicht zu Eberlins Eintreten für einen christlichen Glauben lutherischer Prägung. Die häufigen Bezüge in der ursprünglichen "Germania" auf Rom oder Vergleiche zwischen Römern und Germanen lässt Eberlin häufig weg, vertritt er doch ein religiöses Konzept, das sich von Rom als Zentrum der von ihm bekämpften katholischen Kirche ablösen will.
Gegen Unmoral und Suchtverhalten
Bei den Beschreibungen von Moral, Tugend und Laster, wie etwa der Spiel- und Trunksucht der Germanen, hält sich Eberlin hingegen streng ans Original. Diese Passagen des Tacitus instrumentalisiert Eberlin offensichtlich für sein eigenes Eintreten gegen Unmoral und Suchtverhalten, wie er es in mehreren seiner Schriften ausdrückt. Wenn ihm einzelne Passagen für einen bestimmten Adressatenkreis besonders wichtig erscheinen, versieht sie Eberlin mit sprachlichen Ausrufezeichen wie "Merck teutschs Land" oder "Merck lantzknecht!".
Aber nicht nur mit seiner Germania-Übersetzung ging der wortgewaltige und streitbare Theologe in die Literaturgeschichte ein: Von Eberlin stammt auch die erste deutsche Utopie, die er 1521 nach seiner Vertreibung aus Ulm verfasste. In seinem fiktiven Land "Wolfaria" beschreibt er eine ideale bäuerlich-ländliche Gesellschaftsordnung. Die Menschen in "Wolfaria" richten sich zwar grundsätzlich nach dem unverfälschten biblischen Zeugnis, allerdings herrscht in Religionsfragen Toleranz.
Utopie eines basisdemokratischen Agrarstaats
Kirche und Staat sind basisdemokratisch aufgebaut: Die Gemeinde wählt die Pfarrer und die Obrigkeit, die bei allen wichtigen Entscheidungen "das Volck" fragen muss, "ob es ihm gefallt". Das Schulwesen, der Gesundheitsbereich und die Armenfürsorge werden vom Staat finanziert. Bei der Beschreibung seiner Wolfaria als Agrarstaat mögen auch eigene Erfahrungen Eberlins eine Rolle gespielt haben, der selbst aus dem ländlichen Kleinkötz bei Günzburg stammte.
Nach dem Tod seines Förderers, des Grafen Georg II., musste Eberlin bereits 1530 weiterziehen, mit seiner nicht ganz einfachen Persönlichkeit war er immer wieder bei Amtsleuten und Vertretern der Obrigkeit angeeckt. Seine letzte bescheidene Anstellung fand Eberlin in dem mittelfränkischen Landstädtchen Leutershausen, wo er am 20. Juli 1533 starb.